Nur 35 Jahre dauert es, bis der Wilde Westen gezähmt ist. Die USA erleben die größte Völkerwanderung in der Geschichte und werden zum "Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Und ihre Präsidenten mischen in der Weltpolitik mit.

Der Bau der Eisenbahnstrecken bis zum Pazifik erschließt den Kontinent© Süddeutscher Verlag
Es ist ein warmer Frühlingstag im Mai 1903, als das Einwandererschiff "Batavia" in den Hafen New Yorks einläuft. Die sechsjährige Julia Grünberg wird vom Geschrei der anderen Passagiere geweckt. Sie rennt an Deck. "Das Erste, was ich sah, war eine riesige grüne Statue, die einen Arm in den Himmel streckt. ,Kolumbus", murmelte ein alter Mann neben mir", erinnert sie sich noch Jahrzehnte später.
Julias Mutter weint. Drei Wochen ist sie jetzt mit Pferdekutschen und Schiffen unterwegs gewesen, um ihrem Mann zu folgen, Julias Vater, der vor sechs Jahren von Russland nach Amerika ausgewandert ist. Ein Boot bringt die Grünbergs nach Ellis Island, wo man alle Einwanderer untersucht, befragt und registriert, bevor ihnen die Einreise erlaubt wird - oder auch nicht.
"Wir wurden in einen großen Saal gebracht. Dort warteten Tausende von Menschen. Sie hatten ihre Sachen in alten Kisten und Koffern verpackt oder trugen sie in Säcken an den Leib gebunden. Es war heiß und stickig. Babys schrien und ich klammerte mich an meine Mutter." Namen werden aufgerufen, die Julia weder kennt noch versteht. Sie sieht, wie ein Mann in Uniform ihrer Mutter mit strenger Stimme in einer fremden Sprache Fragen stellt. Die Mutter bebt vor Aufregung. Julia hört das Weinen und Flehen, die Schreie der Zurückgewiesenen. Über 3000 Menschen, so ist es in den Unterlagen der Behörde dokumentiert, nehmen sich bis 1954 auf Ellis Island das Leben - aus Verzweiflung darüber, dass sie nicht einreisen dürfen.
Die Insel der Einwanderer vor der Südspitze Manhattans ist voll von Iren, Italienern, Deutschen und Polen, die versuchen, politischer Verfolgung, dem Militärdienst oder der erdrückenden Armut in ihrer Heimat zu entfliehen. Von Juden, die vor den Pogromen in Russland flüchten, von Armeniern, die die Massaker der Türken überlebten. Oder einfach von Menschen, die die Enge ihrer Dörfer nicht mehr ertrugen, Abenteurer auf der Suche nach dem großen Glück.
Amerika erlebt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Einwanderungswelle, für die es in der Geschichte der Menschheit kein Beispiel gibt. Fast eine Million, vor allem Europäer, strömen jedes Jahr ins Land, rund zwölf Millionen sind es zwischen 1900 und 1914. In New York leben mehr Italiener als in Rom, mehr Juden als in Warschau, mehr Iren als in Dublin und mehr Schwarze als in irgendeiner anderen Stadt auf der Welt. Die große Mehrheit der Immigranten besitzt nichts außer ihrer Arbeitskraft und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Vom Alltag in der neuen Welt haben sie keine Ahnung, dafür jede Menge Illusionen. Riesengroß soll das Land sein und reich. Die Ideale der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sollen in der neuen Welt Wirklichkeit geworden sein. Angeblich gibt es einen Präsidenten, den das Volk wählt, und unabhängige Richter, die nicht nach den Befehlen der Mächtigen urteilen. In Amerika bekommt jeder eine Chance, solange er nur hart genug arbeitet.
Die Einwanderer bringen jenen unbändigen Glauben mit, der auch schon die ersten Siedler angetrieben hat und seither zu einem festen Bestandteil der amerikanischen Psyche geworden ist: Immer und überall wieder ist ein Neuanfang möglich. Es sind die Wurzeln jenes Optimismus und jener Aufbruchsstimmung, die das Land bis heute prägen und Europäern oft so fremd erscheinen. "If you can dream it, you can do it" ist das Motto der Auswanderer und ihrer Nachfahren - was du träumen kannst, kannst du auch wahr machen. "Bleibe im Land und nähre dich redlich" ist das der Daheimgebliebenen.
Der Ruf vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht zurück auf den beispiellosen Aufstieg Amerikas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - auch wenn nach Ende des Bürgerkrieges 1865 weite Teile der jungen Nation in Trümmern liegen, das Volk in Süd- und Nordstaatler gespalten ist und im Westen Chaos und Anarchie herrschen. Ehemalige Soldaten, Glücksritter und Vagabunden ziehen in kaum besiedelte Staaten wie Wyoming oder Montana und nehmen das Gesetz in die eigenen Hände. Der Mythos des Wilden Westens entsteht.
Cowboys treiben riesige Viehherden über die endlose Prärie und bekämpfen jeden Siedler, der sich ihnen mit Zäunen in den Weg stellt. Sie ermorden Farmer und plündern deren Höfe. Der nächste Sheriff ist oft viel zu weit entfernt, als dass er helfen könnte. Das Gerücht eines Goldfundes genügt, und schon entstehen Boomtowns mit Saloons und Bordellen, die bereits wenige Jahre später wieder zu Geisterstädten verkommen. In vielen Gebieten regieren Faustrecht und Selbstjustiz.
Etwa 35 Jahre dauert es. Dann ist der Wilde Westen gezähmt. Sheriffs und sesshafte Farmer verdrängen die Cowboys und Kopfgeldjäger. Verbrecher wie Billy the Kid, Butch Cassidy oder Jesse James, die mit ihren Banden Postkutschen und Banken überfallen und ganze Landstriche terrorisieren, werden gestellt, verhaftet oder erschossen. Nach und nach gelingt es der Regierung, für Recht und Ordnung zu sorgen. Die Armee bricht den Widerstand der Indianer (siehe Kasten), und die Siedler erobern die letzten Staaten im Nordwesten bis zum Pazifik.
Den Planwagen folgt die Eisenbahn. Und auf jedem Zug, der Richtung Westen fährt, so scheint es, sitzen mindestens zwei Anwälte. Einer, der einen Anspruch auf Landnahme durchzusetzen versucht. Einer, der vor Gericht dagegenhält. Diese Juristen treten im Kampf um den Boden bei weitem nicht so dramatisch auf wie die schnellen Killer vom Schlage Wyatt Earps. Sie sind aber viel einflussreicher für die Besiedlung Amerikas.
Allein der Ansturm auf die guten Ländereien von Oklahoma im Jahre 1889 beschäftigt die Gerichte viele Jahre. Immer wieder glauben Farmer, dass sie als Erste irgendwo angekommen sind, nur um zu entdecken, dass hinter Hügeln und Wäldern ein anderer sitzt, der seinen Claim längst abgesteckt hat. Die um ihren Anspruch Betrogenen schließen sich zu geheimen Gesellschaften zusammen, trainieren für ihre Auftritte vor dem Richter und versprechen sich gegenseitig, einander zugunsten des jeweilig anderen auszusagen - zur Not auch, ohne es mit der Wahrheit allzu genau zu nehmen. Oft streiten die Kontrahenten mit dem Mut der Verzweiflung. Eine Verschwörung fliegt auf, nach der ein paar Farmer das Gerichtsgebäude von Oklahoma City in die Luft sprengen wollen, um den zuständigen Richter und den Staatsanwalt zu töten. Der entgeht einem weiteren Anschlag auf sein Haus. Ein anderes Mal rettet ein Sheriff den Staatsanwalt in letzter Minute vor einem aufgebrachten Bürger, der ihm ein Messer in den Rücken rammen will.
Am besten schneiden bei all diesen Streitereien die Anwälte ab. So mancher Farmer bekommt zwar das Land zugesprochen, für das er gekämpft hat. Aber ihm fehlt das Bargeld, um seinen Anwalt nach gewonnenem Prozess auch zu bezahlen. Also bleibt ihm als Ersatz für die Beratungsgebühren nur, einen Teil des Landes an seinen Rechtsanwalt abzutreten.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verfügen die Vereinigten Staaten über ein Eisenbahn-Streckennetz von 309000 Kilometern. Die Zahl der Fabriken verdoppelt sich. Vor allem der Norden treibt die Industrialisierung, gestützt auf die fortwährend ins Land strömenden billigen Arbeitskräfte, unaufhaltsam voran. Mit jedem Jahr verbessert sich die Infrastruktur. Straßen, Schienen und Wasserwege verbinden einen unbegrenzten Vorrat an Bodenschätzen und Rohmaterialien mit den Fabriken im Nordosten und 75 Millionen Konsumenten. Amerika erlebt einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung. Es ist die Zeit, in der die Vanderbilts, die Morgans, die Carnegies und Rockefellers die Grundsteine für ihre Milliardenvermögen legen. Nachbauten englischer Herrenhäuser und französischer Schlösser der Gummi-Barone, Kupfer-Fürsten und Eisenbahn-Könige säumen nun Manhattans Fifth Avenue.