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5. März 2002, 00:00 Uhr

Supermacht in der Krise

Überall in der Welt stehen die USA an vorderster Front gegen den Kommunismus. Aus der Kubakrise gehen sie gestärkt hervor, in Vietnam erleiden sie ein Desaster. Zum ersten Mal muss ein Präsident wegen krimineller Machenschaften gehen.

Tatort Dallas, 22. November 1963: Präsident Kennedy wird aus bis heute ungeklärten Motiven ermordet© AP

Moskau, Februar 1946. In der US-Botschaft am Roten Platz herrscht gedrückte Stimmung. Botschafter Averell Harriman ist dem eisigen Winter entflohen; sein Vertreter, der junge George Kennan, liegt mit einer Nebenhöhlenentzündung darnieder, studiert im Bett die neuesten Telegramme aus Washington und schüttelt immer wieder den Kopf - die Naivität seiner Vorgesetzten, die neun Monate nach Kriegsende noch von einer harmonischen Partnerschaft mit den Sowjets träumen, geht ihm auf die Nerven.

Schon lange versucht der junge Diplomat seinen Oberen klar zu machen, dass die Zeiten des Schmusekurses mit »Onkel Joe«, wie Sowjet-Diktator Josef Stalin während des Kriegs oft genannt wurde, endgültig vorbei sind. Dass der einstige Verbündete ein ernst zu nehmender Rivale geworden ist, der seit dem triumphalen Einmarsch in Berlin seinen totalitären Kurs noch unnachgiebiger verfolgt als je zuvor. Hier - schon wieder stößt Kennan auf eine seltsame Depesche, diesmal vom Außenministerium. Dort ist man nachhaltig irritiert über Stalins Weigerung, der Weltbank beizutreten, und verlangt eine Erklärung. Kennan, ungehalten über alle Maßen, diktiert sofort eine umfassende Analyse des Sowjet-Systems und seiner feindlichen Absichten; dann geht der Fieberkranke wieder zu Bett - und befürchtet schlimmste Reaktionen aus Washington.

Der Schlüsselbegriff des Kalten Kriegs

Doch das »lange Telegramm« wird begeistert aufgenommen, zirkuliert in verschiedenen Ministerien und geht in die Geschichte ein - als Evangelium des Kalten Kriegs. "Containment" (Eindämmung) wird zu einem Schlüsselbegriff der Epoche. Die Expansionsgelüste der Kommunisten, so Kennan, gelte es "langfristig, mit viel Geduld, Nachdruck und Wachsamkeit einzudämmen". Amerika müsse überall auf der Welt Grenzen ziehen, nach dem Motto: Bis hierher und nicht weiter.

Die USA, die sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weltpolitisch bewusst im Hintergrund hielten, stehen jetzt überall an der Front: 1945 in Berlin, 1953 im Koreakrieg. Washington beginnt, den französischen Indochinakrieg zu finanzieren, 1954 zahlt es bereits 80 Prozent. Aus der Eindämmung der sowjetischen Expansion wird schnell ein Kreuzzug gegen den Kommunismus. In der Ära des Kalten Kriegs richtet das Pentagon in 39 Ländern insgesamt 4000 Militärstützpunkte ein.

Reichstes Land auf Erden

Nach 1945 ist Amerika das mit Abstand reichste Land auf Erden und muss Europa, das es gerade vom Hitler-Faschismus befreit hat, erneut beistehen. Die Alte Welt hungert, selbst die Großmacht England mit ihrem immer noch riesigen Kolonialreich steht kurz vor dem Bankrott. Im April 1947 verlässt der Frachter "John H. Quick" den Hafen von Galveston mit 9000 Tonnen Weizen an Bord; 150 weitere Schiffe bringen Traktoren, Fischnetze, Baumwolle, Reifen, Flugzeugersatzteile und Pferdefleisch im Wert von 20 Millionen Dollar über den Atlantik. Im Rahmen des Marshall-Plans folgen bis Ende 1952 Geld und Güter für 13 Milliarden Dollar (das wären heute zirka 100 Milliarden). Die Mildtätigkeit schafft Abhängigkeiten: Amerikanische Firmen nehmen in den sechziger Jahren in Europa oft eine marktbeherrschende Stellung ein, von IBM bis General Electric; 1969 übersteigt der Wert der US-Tochtergesellschaften im Ausland beispielsweise das Bruttosozialprodukt von England.

Auch zu Hause breitet sich rasant der Wohlstand aus. Die Wirtschaftsproduktion verdoppelt sich zwischen 1946 und 1956. Das Land erlebt in den fünfziger Jahren einen Babyboom. 13 Millionen neue Häuser werden gebaut. 83 Prozent der Haushalte haben einen Fernseher. Zwischen 1951 und 1958 verdoppelt sich die Zahl der Familien, die zwei Autos besitzen. 1960 verzehren die 200 Millionen US-Bürger zwei Milliarden Hot Dogs. Amerika, das sechs Prozent der Erdbevölkerung stellt, konsumiert ein Drittel aller Güter und produziert zwei Drittel aller Waren auf der Welt.

Eine "Nation aus Nationen"

Ja, der Durchschnittsamerikaner durfte stolz, glücklich und selbstgefällig sein - so wie sein ewig lächelnder Präsident Dwight D. Eisenhower, den alle nur "Ike" nennen, wenn er nachmittags demonstrativ Golf spielt.

Die USA, von denen ihr geistiger Gründungsvater Walt Whitman sagte, sie seien eine "Nation aus Nationen", wachsen zum weltumspannenden Imperium, das seine Produkte überallhin exportiert. Zuerst sind es Cola-Automaten, später Xerox-Maschinen und McDonald's-Filialen. Im Gegensatz zum großen Rivalen, der Sowjetunion mit ihren rigiden Ideologie-Konzepten, die eher für Drittweltländer attraktiv sind, haben die USA Produkte von universellem Charme zu bieten, nützliche Dinge für jedermann, modern, modisch, mobil. Autos etwa. 1957 gibt es in den USA 56 Millionen Pkws, in Russland 415 000. New Yorks Männer tragen Brooks-Brothers-Hemden und weiße Broque-Schuhe, die Moskauer haben zerbeulte Anzüge und verlotterte Socken an.

Hollywoods Filme sind das Maß der Dinge, in der neuen Glitzermetropole Las Vegas geht man zum "Topless Pizza Lunch".

Dagegen ist die Alte Welt grau und rückständig, vor allem die Sowjetunion. Dennoch gelingt es der UdSSR, den Rivalen USA jahrzehntelang in Atem zu halten. Am 23. September 1949 zünden die Sowjets ihre erste Atombombe; der deutschstämmige Spion Klaus Fuchs hat ihnen verraten, wie man sie herstellt. Panik und Paranoia beherrschen seit diesem Tag die amerikanische Politik, zumal kurz zuvor Mao Tse-tung auch in China den Kommunismus ausgerufen hatte. Amerikas Kalte Krieger wittern jetzt überall Konspiration. Vier Millionen Menschen werden bis 1954 auf ihre Staatstreue überprüft, knapp 10 000 verlieren ihren Job - Lehrer, Gewerkschafter, Sekretärinnen.

Senator Joe McCarthy, der oberste Gesinnungsschnüffler, entfacht eine Hexenjagd. Ein Feind ist, wer "unamerikanische Aktivitäten" betreibt. Hollywood-Größen und Literatur-Nobelpreisträger wie Humphrey Bogart oder Thomas Mann stehen auf der schwarzen Liste.

Die Saubermänner wühlen im Müll

"Haben Sie jemals das Thema "Tanz in Russland" behandelt?", "Lesen Sie viele Bücher?", "Haben Sie häufig Farbige zu Gast?" - fünfmal wird der Gewerkschaftsfunktionär Alfred Bernstein verhört, dann verliert er seine Stellung und muss mit seiner Frau Sylvia einen Waschsalon eröffnen. McCarthys Agenten durchwühlen Bernsteins Müll, horchen Postboten aus. Pulitzer-Preisträger Carl Bernstein beschreibt später in seinem Buch "Loyalties", wie er als Kind die Verfolgung erlebte. Seine Spielkameradin Nancy durfte nicht mehr mit ihm Rad fahren - ihre Eltern hatten es verboten. Carl gesteht, er hätte seinem Vater am liebsten den Minigolf-Schläger auf den Kopf gehauen, weil Papa die Familie in Unannehmlichkeiten stürzte.

Als sich McCarthy 1957 im Alter von 48 Jahren zu Tode gesoffen hat, ist der Spuk zwar vorbei, doch die Furcht vor dem inneren Feind, vor Unterwanderung und Verrat bleibt ein prägendes Element der amerikanischen Politik.

Inzwischen gilt Kennans Strategie der Eindämmung in Washington als zu lasch. Der Star-Diplomat geht ins akademische Exil, eine neue Gruppe von Scharfmachern ersinnt aggressivere Maßnahmen - allen voran Eisenhowers Außenminister John Forster Dulles, der eine Art heiligen Krieg gegen die gottlosen Kommunisten führen will. Bereits lange vor seiner Amtszeit betreibt der Republikaner Dulles die Gründung der CIA (Central Intelligence Agency). Sie wird 1947 aufgebaut, tritt jedoch erst in der Eisenhower-Zeit voll in Aktion, als Dulles? Bruder Allen Chef des Geheimdienstes wird.

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