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Analyse

Warum Belgien die Brutstätte des islamistischen Terrors ist

Kein anderer europäischer Staat scheint mit dem Terror enger verknüpft als Belgien. Was macht das kleine Land zwischen Frankreich und den Niederlanden zur Dschihadisten-Brutstätte und -Basis?

Von Sophie Albers Ben Chamo

Ein Polizeiwagen im Brüsseler Stadtteil Molenbeek

Ein Polizeiwagen in Brüssels berüchtigtem Stadtteil Molenbeek

Zu den belgischen Spezialitäten zählt neben Spitzen und Fritten mittlerweile auch der Terror. Und das nicht erst seit den Anschlägen in Brüssel vom Dienstagmorgen. Was ist los in dem kleinen Land zwischen Frankreich und den Niederlanden, im Herzen der EU?

Die Geschichte des Terrors in Belgien ist lang. Und habe immer enge Verbindungen nach Frankreich gehabt, sagt Rik Coolsat, Terrorismusexperte von der Universität Ghent, der schon lange zu Belgiens Sonderrolle forscht.

Anschläge seit den 80er Jahren

In den 1980er und -90er Jahren gab es immer wieder Anschläge vor dem Hintergrund der Unruhen im Nahen Osten. Damals kamen Radikale, die aus Frankreich abgeschoben wurden, teilweise in Belgien unter.

1985 wurde Brüssel sogar als "neuer zentraler Schauplatz des Euro-Terrorismus" beschrieben, nachdem diverse Einrichtungen der Nato, aber auch zum Beispiel die AEG angegriffen wurde. Als Täter galten unter anderem die französische Action directe, aber auch die deutsche Rote Armee Fraktion. Vor rund 20 Jahren haben belgische Polizisten bei einer Razzia gegen die islamistische Gruppe GIA das erste Dschihadisten-Dokument in Europa überhaupt gefunden.  

Zwei Tage nach 9/11, den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington, wurde im Brüssler Vorort Uccle ein Islamist verhaftet, der einen Anschlag auf eine Nato-Basis plante. 

Die beiden Mörder des erfolgreichen afghanischen Taliban-Gegners Ahmed Shah Maasoud hatten belgische Pässe, als sie 2003 nach Kabul reisten.

2005 war Muriel Degauque, eine belgische Konvertitin, die erste europäische Frau, die sich in einer Selbstmordaktion in die Luft sprengte. 

2008 wurde ein Netzwerk ausgehoben, das junge belgische Muslime in Al-Kaida-Trainingscamps schickte.

Der Belgier Moez Garsallaoui agierte als ideologischer Anführer in Pakistan, wo er unter anderem den Franzosen Mohammed Merah trainierte, der 2012 sieben Menschen in Toulouse und Montauban ermordete.

2014 erschoss ein Franzose, der in Brüsseler Vorort Molenbeek lebte, vier Menschen im Jüdischen Museum der Stadt. 

2014 wurde die radikalislamische Organisation Sharia4Belgium ausgehoben, die durch Hasspredigten und Rekrutierung auffiel.

Amedy Coulibaly, ein Franzose, der während des Charlie-Hebdo-Attentats im Januar 2015 fünf Menschen ermordete, hat sich in Brüssel mit Waffen versorgt.

Ein Mann, der im August 2015 beim Versuch, im Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris einen Anschlag zu verüben, aufgehalten wurde, hat vorher in Molenbeek die Moschee besucht.

Spur führte direkt nach Brüssel

Nach Molenbeek führte die Spur auch nach den Anschlägen von Paris im vergangenen November. Hier ist der Attentäter Salah Abdeslam aufgewachsen und hier wurde er gerade erst verhaftet. Molenbeek gilt vielen als Brutsstätte für selbsternannte Dschihadisten. Und obwohl der Brüsseler Vorort tatsächlich von einem hohem Migrantenanteil,von hoher Arbeitslosigkeit, schlechter Bildung und Ghetto-Charakter geprägt ist, sind es auch andere Orte in Belgien, wo sich junge Menschen radikalisieren.

Belgien stelle die höchste Pro-Kopf-Anzahl ausländischer Kämpfer in Syrien. "Doppelt so viele wie Frankreich, vier Mal so viele wie Großbritannien", sagte Shiraz Maher vom International Centre for the Study of Radicalization and Political Violence in London, auf Anfrage des stern. Außerdem weise die Recherche darauf hin, dass in Belgien ein großes, ausgeklügeltes Terrornetzwerk gebe, größer als das, das für die Anschläge in Frankreich im vergangenen Jahr verantwortlich war."

Warum Belgien?

Die Gründe, die Belgien für Terroristen attraktiv machen, sind vielschichtig: Einmal ist es wohl die strategische Lage mitten in einem Europa der offenen Grenzen. Alltäglicher Rassismus und mangelnde Integration sind fruchtbarer Untergrund für Radikalisierung. Belgien ist bekannt für den florierenden Handel mit illegalen Waffen, der wohl auch dem relativ kleinen Sicherheitsapparat geschuldet ist. Die Herausforderung ist groß für Polizei und Sicherheitsdienste bei Nato und EU in der Hauptstadt und mehr als 4500 internationalen Organisationen und Firmen. Das hat die belgische Regierung bisher offensichtlich schleifen lassen. Laut der nationalen Antiterror-Organisation Ocad stehen rund 800 Islamisten unter Beobachtung.

Außerdem, darauf weisen unter anderem Eric Bonse in "Cicero", aber auch der "Guardian" hin, gebe es in Belgien einen entscheidenden Unterschied zu anderen muslimischen Gemeinden in Europa: Es gebe kaum lokale Imame. Die Gemeindevorsteher würden meist "importiert" mit kräftiger Unterstützung von Saudi-Arabien, also dem wahabitischen Islam.

Nach den Anschlägen von Paris im vergangenen November hatte Kristof Clerix im "Guardian" bereits die massiven Probleme in Belgiens Terrorabwehr als bekannt beschrieben. Und er endete mit dem Satz "Währenddessen drückt sich die belgische Bevölkerung selbst die Daumen." 

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