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Madrid-Attentäter verurteilt

Im Prozess um die Bombenanschläge auf vier Madrider Pendlerzüge sind 21 der 28 Angeklagten schuldig gesprochen worden. Mehrere Beschuldigte wurden allerdings überraschend freigesprochen. Bei den Terrorattentaten 2003 waren 191 Menschen getötet worden, etwa 1800 wurden verletzt.

Dreieinhalb Jahre nach den verheerenden Terroranschlägen in Madrid hat das Gericht 21 der 28 Angeklagten als schuldig angesehen. Die übrigen sieben Beschuldigten wurden freigesprochen. Vier der Hauptangeklagten wurden wegen Mordes und weiterer Angeklagepunkte zur Höchststrafe verurteilt.

Der Marokkaner Otman El Gnaoui erhielt 42.924 Jahre Haft, der Spanier José Emilio Suàrez Trashorras 34.715 Jahre. Sie hatten nach Ansicht der Richter aus einem Bergwerk den Sprengstoff für die Bomben besorgt. Bei dem früheren Bergmann Trashorras legte das Gericht wegen einer psychischen Störung mildernde Umstände zu Grunde. Seine Ex-Ehefrau, die einzige weibliche Angeklagte, wurde freigesprochen.

Der Marokkaner Jamal Zougam wurde zu 42.922 Jahren Haft verurteilt. Er war nach dem Urteil der Richter einer der Bombenleger, die die Sprengsätze in den Zügen deponiert hatten. Bei der Urteilsfindung werteten die Richter jede Tötung bei den Anschlägen als Mord, bei jedem Verletzten legten sie einen Mordversuch zugrunde und zählten die sich so ergebenden Einzelstrafen zusammen. Das exorbitante Strafmaß ist auf das Fehlen einer "lebenslangen" Haft im spanischen Recht zurückzuführen. Die Verurteilten dürfen jedoch höchstens 40 Jahre lang inhaftiert werden.

Gericht blieb unter Forderungen der Staatsanwaltschaft

18 Angeklagte wurden zu Haftstrafen zwischen 3 und 23 Jahren verurteilt. Bei ihnen sah es das Gericht als erwiesen an, dass sie Mitglieder einer terroristischen Vereinigung waren oder die Terroristen unterstützt hatten. Sieben mutmaßliche Bombenleger, darunter die mutmaßlichen Anführer der Zelle, hatten nicht vor Gericht gestanden. Sie hatten sich drei Wochen nach den Anschlägen in der Madrider Vorstadt Leganés selbst in die Luft gesprengt, als sie in einer Wohnung von Polizisten umstellt worden waren.

Bei vielen Angeklagten blieb das Gericht mit dem Strafmaß weit unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft. Dies galt vor allem für drei Hauptangeklagte, die die Staatsanwaltschaft als Drahtzieher und Anstifter der Anschläge bezeichnet und für die die Anklage fast 40.000 Jahre Haft gefordert hatte: El Sayed, genannt "der Ägypter", wurde freigesprochen, die Marokkaner Hassan el Haski und Youssef Belhadj erhielten 15 beziehungsweise 12 Jahre Haft. Letzteren konnte nach Ansicht der Richter zwar die Zugehörigkeit zu der Terrorzelle, aber keine Beteiligung an den Anschlägen nachgewiesen werden.

Damit ließ das Gericht es offen, wer die Führer und Drahtzieher der Terroristen waren. Eine Verwicklung der baskischen Untergrundorganisation ETA in die Attentate schloss es völlig aus. Dafür gebe es nicht den geringsten Anhaltspunkt, sagte der Vorsitzende Richter Javier Gómez Bermúdez. Die vorige konservative Regierung in Spanien hatte nach den Anschlägen vom 11. März 2004 zunächst die ETA für das Blutbad verantwortlich gemacht. Die Entscheidung der drei Richter unter Vorsitz von Gómez Bermúdez fiel einstimmig.

Bis zu 1,5 Millionen Euro Entschädigung

Die Verurteilten werden voraussichtlich Rechtsmittel gegen die Schuldsprüche einlegen. Den Opfern sprach das Gericht Entschädigungen zwischen 30.000 Euro und 1,5 Millionen Euro pro Person zu. Überlebende und Angehörige der Getöteten hatten im Gericht gespannt auf das Urteil gewartet. "Wir sind sehr nervös. Aber wir glauben, dass die Richter genügend Beweise für ein Urteil haben, dass uns zufriedenstellt", sagte Jesus Ramirez, dessen Beine bei dem Anschlag zerfetzt worden waren.

Den Angeklagten wurde Beteiligung an der Serie von zehn Bombenexplosionen in Madrider Pendlerzügen am Morgen des 11. März 2004 zur Last gelegt. Dabei kamen 191 Menschen ums Leben, etwa 1800 wurden verletzt. Islamisten bekannten sich zu den Anschlägen und bezeichneten sie als Racheakt für die Entsendung spanischer Truppen in den Irak. Der fünfmonatige Prozess war im Juli zu Ende gegangen.

Von el Kaida inspiriert

Die Anschläge vom 11. März 2004 wurden nach Ansicht der Anklagebehörde von einer islamistischen Terrorzelle verübt, die sich von el Kaida inspirieren ließ, aber nicht direkt dem internationalen Netz angehörte. Die Terroristen hatten zur morgendlichen Hauptverkehrszeit per Mobiltelefon zehn Bomben in den Waggons von vier Vorortzügen gezündet. Drei Wochen später kamen die Fahnder den vermutlich wichtigsten Terroristen der Gruppe auf die Spur. Die sieben Verdächtigen sprengten sich in einer Wohnung in der Madrider Vorstadt Leganés in die Luft, als sie von der Polizei umstellt waren.

Von den 28 verbliebenen Angeklagten stammen 14 aus Marokko, neun aus Spanien, zwei aus Syrien und je einer aus Ägypten, Algerien und dem Libanon. Acht von ihnen gelten nach der Anklageschrift als Haupttäter. Sie sollen die Anschläge geplant, den Sprengstoff beschafft und die Bomben gelegt haben. Die mutmaßlichen Anführer der Gruppe waren der Ägypter Rabei Osman el Sayed sowie die Marokkaner Hassan el Haski und Youssef Belhadj. Der Spanier José Emilio Suàrez Trashorras sowie die Marokkaner Rafa Zouhier und Otman el Gnaoui sollen laut Anklage den Sprengstoff beschafft und die Marokkaner Jamal Zougam und Abdelmajid Bouchar Bomben in den Zügen deponiert haben.

Für diese acht Angeklagten forderte die Staatsanwaltschaft jeweils fast 40.000 Jahre Haft. Die Angeklagten, die den Prozess in einem Käfig aus kugelsicherem Glas verfolgt hatten, hatten die Vorwürfe bestritten. "Ich bin ein normaler Muslim und lehne Gewalt ab", versicherte El Sayed, genannt "der Ägypter". Er musste die Urteilsverkündung über eine Videokonferenz verfolgen, da er eine Haftstrafe in Italien verbüßt.

Prozess brachte Versäumnisse an den Tag

Nach den Anschlägen hatten die Ermittler binnen weniger Wochen das Netz der mutmaßlichen Terroristen aufgedeckt und zerschlagen. Der Prozess brachte aber auch schwere Versäumnisse der spanischen Sicherheitskräfte an den Tag: Die Gefahr des islamistischen Terrors war trotz zahlreicher Warnungen offensichtlich völlig unterschätzt worden; Hinweise von Polizeispitzeln auf das Terrornetz wurden nicht ernst genommen und Sprengstoffdepots in Bergwerken nicht bewacht; Polizei, Zivilgarde und Geheimdienste arbeiteten aneinander vorbei; eine der wichtigsten Figuren der Terrorgruppe befand sich aufgrund eines Justizirrtums auf freiem Fuß.

Text und Begründung der Urteile sind über 600 Seiten lang. Der Inhalt wurde bis zuletzt streng geheimgehalten. Der Vorsitzende Richter Javier Gómez Bermúdez sorgte dafür, dass nichts an die Öffentlichkeit durchsickerte. Nicht einmal der Gerichtspräsident wurde vorab in Kenntnis gesetzt. Die Polizei verstärkte für den Tag der Urteilsverkündung die Sicherheitsvorkehrungen, um mögliche Terroranschläge zu verhindern.

DPA/Reuters/AP/AP/DPA/Reuters

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