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15. August 2006, 11:14 Uhr

"Wer will schon neben Bombenlegern wohnen?"

Bis vor einer Woche war High Wycombe ein ruhiges englisches Städtchen. Doch hier lebten sechs der Männer, die die Terroranschläge auf Flugzeuge geplant haben sollen. stern.de berichtet aus einem Ort im Fadenkreuz der Ermittler. Von Cornelia Fuchs und Tony Thompson

Die Polizei durchsucht ein Haus in High Wycombe, in dem einer der Terrorverdächtigen festgenommen wurde© Steve Forrest

"Wer will schon neben Bombenlegern wohnen?" Der junge Mann pakistanischer Herkunft in schwarzem T-Shirt und schwarzer Jeans spielt mit seiner Gebetskette und schaut die ruhige Anwohnerstraße hinunter auf das mit blau-weißem Plastikband abgesperrte Haus, vor dem zwei Polizisten patrouillieren. Am Straßenrand parken große Mittelklassewagen. Adil Lone, 28, besucht hier seinen Onkel. Er ist vor zehn Jahren aus High Wycombe weggegangen, hat studiert und ist Unternehmensberater geworden. Er kannte drei der sechs Verhafteten aus seiner Schulzeit. Keine besonderen Erinnerungen hat er an sie: "Die Familie Sawar lebte wie alle hier, ruhig und für sich. Und hier in der Straße passierte auch nie etwas Außergewöhnliches." Bis auf den vergangenen Donnerstag: Da wurde ein junger Brite mit rasiertem Kopf und Bart aus seinem roten Nissan Micra gezerrt und festgenommen.

Don Stewart-Whyte war erst vor sechs Monaten zum Islam übergetreten. Ein ruhiger Junge, sagen die Nachbarn. Das änderte sich. Als Neu-Gläubiger besuchte er die Moschee, rasierte sich den Kopf und heiratete schnell, eine Marokkanerin. 10.000 Muslime wohnen in High Wycombe, fast alle kommen aus Pakistan, meist aus dem pakistanisch kontrollierten Teil von Kashmir. Es gibt keine großen Probleme mit Arbeitslosigkeit oder Gewalt. Bis vor einer Woche war High Wycombe eigentlich ein ruhiges, typisch britisches Städtchen.

Verdächtige kommen aus der Mittelschicht

Die meisten der 23 Verdächtigen, die vergangene Woche in Großbritannien unter dem Verdacht festgenommen wurden, bis zu zehn Flugzeuge gleichzeitig in die Luft sprengen zu wollen, kommen aus der Mittelklasse. Sie haben studiert, besitzen eigene Gebrauchtwagen-Handlungen, arbeiten in der Konditorei der Familie oder fahren Taxi.

So ist es kein Wunder, dass auch in High Wycombe die Vorsteher der Moscheen hilflos sind. Sie kennen die jungen Männer, deren Namen nun in der ganzen Welt bekannt sind, von deren Besuchen der Freitagsgebete. Doch was sie ansonsten motiviert, wissen sie nicht. Don Stewart-Whyte soll noch vor wenigen Wochen eine ökumenische Diskussionsveranstaltung besucht und über seine Bekehrung gesprochen haben. In der Hauptmoschee des Ortes weiß keiner eine Antwort auf die Frage, was junge Leute in ihrer Mitte radikalisiert. Und irgendwie hoffen sie auch alle, dass sich die ganze Aktion als Missverständnis herausstellen wird, und der Spuk bald vorüber ist.

Eingreifen, auch ohne Beweise

Laut Aussagen der Sicherheitsbehörden gibt es inzwischen 1200 Menschen, die jederzeit für Anschläge bereit ständen. Der Inlandsgeheimdienst MI5 leitet nach Aussagen des Chefs der Terror-Einheit von Scotland Yard, Peter Clarke, zur Zeit über 70 Terror-Investigationen gleichzeitig: "Und die Zahl der neuen Fälle nimmt nicht ab, sie nimmt eher zu." Dass die Polizei am vergangenen Donnerstag in Ost-London, High Wycombe und Birmingham zugegriffen hat, war nicht geplant. Ganz im Gegenteil wollten die eingeschleusten Beamten, die schon seit Dezember 2005 die Verdächtigen beobachteten, noch weitere Beweise für die Anschlagspläne der Gruppen abwarten. Doch die Taktik musste geändert werden, wie ein hoher Scotland-Yard-Beamter erklärt, der aufgrund seiner Arbeit in der Terror-Ermittlung anonym bleiben will: "Eigentlich wollen wir die Verbrecher am liebsten mit der gezückten Waffe in der Bank festnehmen. Aber jetzt ist die Gefahr für Menschenleben viel zu groß. Wir müssen jetzt eingreifen, auch wenn die Beweise noch nicht alle da sind."

Schon einmal hatten die Fahnder zu lange gewartet - entgegen ersten Aussagen waren die Attentäter des 7. Juli 2005 durchaus schon vorher in den Radar der Ermittler gelangt. Doch war die Überwachung nicht lückenlos genug, um die Attentate zu verhindern. Anlass für den Zugriff war diesmal ein Telefonat aus Pakistan. Fast panikartig verlangte der Anrufer von seinen Vertrauten in Großbritannien, dass die Pläne sofort in die Tat umgesetzt werden sollten. In Pakistan hatten die Behörden einen jungen Briten verhaftet. Rashid Rauf war im April 2002 aus Birmingham verschwunden, nachdem sein Onkel von einer Gruppe junger Männer vor seinem Haus erstochen worden war. In der muslimischen Gemeinde in Birmingham ist allgemein bekannt, dass der Onkel einem Ehrenmord zum Opfer fiel, und der Täter nach Pakistan floh.

Um seine pakistanischen Verwandten nicht in die Mordermittlungen zu verwickeln, scheint Rashid Rauf jeglichen Kontakt zur Familie vermieden zu haben. Stattdessen hat er anscheinend Kontakt mit extremistischen Gruppen aufgenommen. Wie viele Mitglieder der muslimischen Gemeinde in Birmingham stammt auch Raufs Familie aus der Mirpur-Region in Kashmir. Hier hat beispielsweise die islamistische Organisation Lashkar-e-Toiba ihre Basis. Sie ist auch in Birmingham aktiv.

Ermittlern fehlen die Fakten

Rashid scheint als Kontaktmann zwischen den extremistischen Gruppierungen in Pakistan und seinem Bruder in Birmingham fungiert zu haben. Die Polizei bestätigt heute, dass die Ermittlungen mit einem Hinweis aus der muslimischen Gemeinde im Juli 2005 ihren Anfang genommen haben. Bis jetzt fehlt den Berichten über die "Operation Overt", wie die Verhaftungen von der britischen Polizei genannt werden, die Fakten.

Dabei steigt die Skepsis im Lande, ob die Rede von terroristischen Anschlagsplänen "apokalyptischen Ausmaßes", wie der Innenminister John Reid verkündete, wirklich auf verlässlichen Fakten beruht. Zwischen dem 11. September 2001 und dem 30. Juni 2006 sind in Großbritannien 1047 Menschen mit Verdacht auf terroristische Aktivitäten festgenommen worden. Nur 158 wurden tatsächlich unter den neuen Gesetzen angeklagt.

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