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Londons Bürgermeister Sadiq Khan - ein Leuchtturm in Zeiten der Krise

Die Wahlen auf der Insel werden vom Terror überschattet. Theresa May und ihr Herausforderer Jeremy Corbyn wollen sich als starke Führer positionieren. Aber den stärksten Eindruck hinterlässt ein anderer: Londons Bürgermeister Sadiq Khan.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan

Ruhender Pol in aufgeregten Zeiten: Londons Bürgermeister Sadiq Khan

Montagabend versammelten sich die Londoner am Potters Fields-Park in der Nähe der Tower Bridge und gedachten der sieben Toten und der vielen Verletzten vom vergangenen Samstag. Es sind inzwischen vertraute Bilder, die man kennt aus Paris und Nizza und Brüssel und Berlin und Manchester. Kerzen, Blumen, warme Worte abermals und zum zweiten Mal binnen weniger Wochen in London. Der Bürgermeister Sadiq Khan hielt eine bewegende und starke Rede. Er sagte: "Als Bürgermeister von London möchte ich eine klare Botschaft an diese kranken und bösen Extremisten schicken, die diese furchtbaren Verbrechen begehen. Wir werden Euch besiegen. Ihr werdet nicht gewinnen. Und als ein patriotischer muslimischer Brite sage ich: Ihr begeht diese Abscheulichkeiten nicht in meinem Namen."

Am Dienstag um elf stand die Nation abermals still für eine Minute, und Khan verbrachte die Schweigeminute mit Rettungskräften und nannte es eine Ehre.

Khan machte, wie stets in den vergangenen Tagen eine gute Figur. Der erste muslimische Bürgermeister einer westlichen Metropole präsentierte sich wie schon im März als ruhender Pol in aufgeschäumter Zeit. Er präsentierte sich staatsmännischer und besonnener als die Premierministerin Theresa May und ihr Labour-Kontrahent Jeremy Corbyn, die nach einem Tag der respektvollen Ruhe ihren Wahltag mit Wucht fortsetzten – und sich auf der Folie des Anschlags gegenseitig kritisierten.

May und Corbyn tauschen Vorwürfe aus

Corbyn warf May vor, während ihrer Zeit als Innenministerin die Polizei finanziell und personell dramatisch unterhöhlt zu haben und forderte sogar ihren Rücktritt.

May wies das empört zurück und keilte, Corbyn sei kein Patriot, was der wiederum empört zurückwies. Und so ergab ein Wort das andere zwei Tage vor der Wahl.

Kurzer Faktencheck an dieser Stelle: Fakt ist, dass die Zahl der britischen Polizisten seit 2010 von 141.000 auf 122.000 gesunken ist.

Fakt ist ebenso, dass die neue Chefin von Scotland Yard, Cressida Dick, Kritik äußerte an den Kürzungen und darauf hinwies, dass der Polizei-Apparat die Belastungsgrenze erreicht habe.

Fakt ist aber auch, dass selbst mit größerer Präsenz die Attacke vom Samstag wohl kaum hätte verhindert werden können. Einer der drei Attentäter, Khuram Butt, war der Polizei nämlich sehr wohl bekannt und war auch schon verhört worden. Er tauchte im vergangenen Jahr in einer Dokumentation des TV-Senders Channel 4 auf, wurde von Nachbarn und Bekannten zweimal wegen seiner extremen Ansichten gemeldet. Er verschwand dennoch, ähnlich wie der Attentäter von Manchester, vom Radar von Polizei und Inlandsgeheimdienst MI5, weil von ihm keine unmittelbare Gefahr auszugehen schien. Auf der Insel, noch ein Fakt, halten sich 23.000 Dschihadisten auf, 3000 von ihnen gelten als gefährlich. Und: Zu jeder Tages- und Nachtzeit laufen 500 Ermittlungen.

Das muss man wissen, ehe man voreilig die Dienste kritisiert, die allein in den vergangenen neun Wochen fünf terroristische Plots vereitelten. Drei aber nicht. Zweimal London, einmal Manchester.

Die Briten, warnte der hochrangige „Scotland Yard“-Beamte Mark Rowley, sähen sich in Zukunft einem “völlig anderen Bedrohungslevel ausgesetzt“ und müssten dem entsprechend begegnen. Er sprach das zwar nicht offen aus. Aber auch seine Worte zielten auf: mehr Geld, mehr Personal, mehr Zeit für Ermittlungen.

Genau darum kreist nunmehr der Wahlkampf in seiner Schlussphase. Er kreiste sogar schon darum, als die Kampagne am Sonntag offiziell ausgesetzt war, die Premierministerin aber vor ihre Haustür in der Downing Street trat und ein eilig zusammengeschustertes Vier-Punkte-Programm zur Bekämpfung des Extremismus vortrug, das unter Experten eher Stirnrunzeln auslöste. Sie forderte beispielsweise drastische Haftstrafen für Islamisten, obschon es diese drastischen Haftstrafen gerade in Großbritannien längst gibt. Sie forderte obendrein die Betreiber der Social-Media-Plattformen dazu auf, noch stärker gegen extremistische Botschaften vorzugehen.

Der klare Vorsprung der Premierministerin ist dahin. 

May wollte Stärke demonstrieren, wirkte aber alles andere als stark. Es sah aus wie ein Akt der Verzweiflung vor dem Hintergrund sinkender Popularität.

Vor Wochen noch sah sie wie die sichere Siegerin aus und rief die Wahlen ja auch deshalb aus, weil sie die historische Chance nutzen wollte, die schwächelnde Labour-Party auf Jahre hinaus zu beerdigen. Aber dann unterliefen ihrem Team reihenweise strategische Fehler, etwa bei den Kosten für die Altenpflege, und ihr Vorsprung von mehr als 20 Prozent der Stimmen schmolz zusammen auf ein paar Punkte, und Jeremy Corbyn, der kauzige Labour-Vorsteher kam plötzlich entspannter daher, während May zusehends verkrampfte. Der Wahlkampf hat nun ihre Schwächen für alle sichtbar bloßgelegt. May vertraut auf Vertrautes, sie vertraut abgelesenen Reden und auf bleierne Phrasen wie “strong and stable leadership“, selbst wenn sich die Nation längst darüber zu amüsieren beginnt und sie von Kommentatoren "Maybot" getauft wird.

Sie wirkt merkwürdig steif und starr und weit entfernt von den Menschen, die sie wählen sollen. Und bekam Anschauungsunterricht in Sachen Krisenmanagement und Gewandtheit vor der eigenen Haustür, vom Bürgermeister auch ihrer Stadt: Sadiq Khan. Der federte erst mal die dümmlichen Tweets von Donald Trump über London mit großer Klasse ab und ließ dann verlauten, der geplante Besuch des US-Präsidenten sei keine besonders gute Idee. Er sprach damit Millionen aus der Seele. Man fragte sich manchmal, was wohl passieren würde, wenn Khan statt Corbyn für Labour antreten würde.

Am Donnerstag wählen die Briten nun. Theresa May wird darüber froh sein. Sie hechelt der Schlusskurve entgegen, wird aber vermutlich einen knappen Vorsprung über die Ziellinie retten.

Und dann? Das Land steuert unruhigen und ungewissen Zeiten entgegen. Die terroristische Bedrohung bleibt, nur elf Tage nach den Wahlen beginnen die Brexit-Austrittsverhandlungen. Und irgendwann, später des Jahres, kommt auch noch Trump zu Besuch. May hatte ihn eingeladen.

Großbritannien bleibt wirklich nichts erspart.

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