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18. April 2008, 10:21 Uhr

stern.de für Propaganda missbraucht

Wie Manipulation funktioniert, begreift man am besten, wenn man selbst davon betroffen ist. Chinas Staatsmedien haben plötzlich ihre Liebe zu stern.de entdeckt, mussten dafür aber meinen Blog, auf den sie sich beziehen, gründlich verfälschen. Von Adrian Geiges, Peking

Chinesische Sicherheitskräfte auf dem Platz des himmlischen Friedens© Ng Han Guan/AP

An sich sind ausländische Journalisten in diesen Tagen in China nicht willkommen. Die Regierung organisiert eine beispiellose Hetzkampagne gegen sie. Wie die anderen Kollegen bekomme auch ich dies zu spüren. Kürzlich wollte eine Gesprächspartnerin das Interview abbrechen, weil sie im stern das Foto einer Chinesin sah, die zur Hinrichtung gebracht wird: "Ich rede nicht mit Zeitschriften, die China gegenüber nicht wohlwollend sind."

Bei einer anderen Gelegenheit fragten mich Jugendliche, ob wir auch so lügen wie CNN. Auf Rückfrage mussten sie zugeben, dass sie CNN noch nie gesehen hatten. Denn chinesische Haushalte dürfen den Sender nicht empfangen. Wer selbst eine Satellitenschüssel aufstellt, muss eine Geldstrafe bezahlen, die den Monatslohn einfacher Bürger übersteigt. Ausländische Nachrichtensendungen sind nur in Vier- und Fünf-Sterne Hotels zu sehen, und da werden sie oft ausgeblendet, wenn sie etwas Kritisches über China berichten.

Für die meisten Chinesen beschränkt sich das Wissen über die ausländischen Medien deshalb auf wenige Zitate außerhalb des Zusammenhangs. Tatsächlich gibt es im Westen einseitige Vorstellungen über die derzeitigen Konflikte um Tibet und Olympia, darüber habe ich in meinem Blog geschrieben. Doch in demokratischen Ländern hat man den Vorteil, zwischen verschiedenen Medien und Meinungen auswählen zu können. Die derzeitigen Berichte in China über die ausländischen Medien hingegen sind so einseitig und verzerrt wie kein Bericht in diesen Medien selbst.

Der Artikel auf der Internetseite der Shanghai Daily

Als Kronzeuge missbraucht

Wie ich gerade am eigenen Leib erfahren habe. Nur wurde ich diesmal nicht angegriffen, sondern als Kronzeuge benutzt für etwas, was ich gar nicht gesagt habe. Der Dalai Lama sei "ein Anti-China-Diplomat", heißt es in der Überschrift der Zeitung Shanghai Daily, als Urheber dieser und anderer Meinungen wird im ganzen Artikel genannt: "Adrian Geiges, Korrespondent der deutschen Wochenzeitschrift stern". Geschrieben hat den Artikel ein Journalist, der als Autor der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua vorgestellt wird. Tatsächlich hatte ich den Dalai Lama in meinem Blog als erfolgreichen Diplomaten bezeichnet, aber nicht als antichinesischen, im Gegenteil: "Ausgerechnet der von Peking verteufelte Dalai Lama akzeptiert Autonomie Tibets innerhalb Chinas und spricht sich gegen die Gewalt aus. Statt mit ihm zu reden, hofft die KP-Führung auf seinen baldigen Tod. Das stärkt radikale Kräfte wie den 'Tibetischen Jugendkongress'."

Frei erfindet der Xinhua-Propagandist, tibetische Gewalttäter (die ich tatsächlich kritisiere) "'verletzten die Menschenrechte der Han-Chinesen', sagt Geiges". Er setzt das in Anführungszeichen, um die Leser glauben zu lassen, dies sei ein Zitat von mir. Der Satz, auf den er sich bezieht, lautet in Wirklichkeit: "Zu Recht wird darauf verwiesen, dass Chinas Führung die Menschenrechte der Tibeter verletzt. Leider verletzt sie auch die Menschenrechte ihrer anderen Untertanen, vor allem der Han-Chinesen selbst."

Bewusste Lüge oder Flüchtigkeitsfehler?

"Geiges war unter den wenigen ausländischen Journalisten in Tibet während der gewaltsamen Unruhen im März", behauptet das von der Shanghaier KP-Führung kontrollierte Blatt weiter. Leider nicht. Ausländischen Journalisten wird die erforderliche Reisegenehmigung verweigert, auch darüber hatte ich in dem Text geschrieben und kritisiert: "Hauptschuldiger am falschen Bild ist jedoch die chinesische Führung selbst. Sie lässt uns Pekinger Korrespondenten nicht nach Tibet, obwohl wir von dort ausgewogen und sachkundig berichten würden." Eine bewusste Lüge der Shanghai Daily, weil sie so den Eindruck erwecken will, "meine" (weitgehend von ihr selbst erfundene) Meinung sei deshalb kompetenter als die anderer? Oder ein Flüchtigkeitsfehler, weil der Kollege vielleicht unter Zeitdruck geschrieben hat oder nicht genug Deutsch versteht? Beides möglich, aber falls letzteres, muss er das Recht auf Fehlbarkeit auch westlichen Medien zugestehen (in China wird derzeit immer das Beispiel von ausländischen Fernsehsendungen genannt, in denen bei Bildern von Auseinandersetzungen zwischen der Polizei in Nepal und Tibetern der Eindruck entstand, es sei chinesische Polizei).

Nein, es ist nicht die Schuld der Chinesen und auch nicht die Schuld der chinesischen Journalisten, die durch die Zensur stark beschränkt werden. Es ist die chinesische Führung, die Halbwahrheiten mit Lügen mischt, vor allem aber die andere Hälfte der Wahrheit unterdrückt.

Von Adrian Geiges, Peking
 
 
KOMMENTARE (10 von 37)
 
LaoLu (24.04.2008, 00:24 Uhr)
Bilder über die schreckliche Vorgehensweise der Chinesen in Tibet,
wird nun der Herr Geiges entgegnen, gibt es nicht, weil ja die westliche Presse, die objektiv berichten hätte können, nicht durfte.
Und nur die westliche Presse hätte Bilder und Videos machen können, die diese Brutalität dokumentiert.
Die in Lhasa lebenden Menschen nicht.
In Zeiten von Internet und Fotohandies.
Jaja.
---
Für die Tatsachen, daß es auch von der direkten "blutigen Niederschlagung" des "Aufstandes", also aus der Zeit, als die internationale Presse noch in Tibet sein durfte, keine Foto- oder Videobeweise für ein solches Vorgehen gibt, übergeht Herr Geiges.
Sehen Sie, ziyou, das ist sie, die freie Presse....
ziyou (23.04.2008, 22:03 Uhr)
youtube.com
Ich möchte alle fragen, die über die über die schreckliche Vorgehensweise der Chinesen in Tibet reden, konkret sagen, was da wirklich passiert war.
Es wurde in Dt. Medien kein einziges Bild/Video diesbezüglich gezeigt. Gezeigt wurden, "Material die aus änhl. Konfliktregionen stammen". Wer die Bilder wirklich sehen möchtet, bitte einfach bei youtube schauen.
z.B."2008 Tibet Riot, the Truth and Lies 2/4" als stichwort angeben, oder "Tibet riot: evidence of Dalai Lama's involvement 1/2". Danke!
über Dalai Lama kann man in youtube.com ebenfalls einiges erfahren, stichwort "Dalai Lama's Naked Truth Exposed". Desweiteren habe ich ein Video bei youtube gesehen. Ist nicht schlecht:"FREE IRAQ, FREE TIBET" und über das neutrale medien bitte "2008 Tibet Riot, the Truth and Lies 3/4"angeben.
ziyou (23.04.2008, 22:02 Uhr)
traurig
ich bin eine chinesische Studentin und habe sog. "west" vor März 08 idealisiert, wie viele hunderttausende westorientierte junge chinesen. Niemand hier in Europa kümmert e sich darum, dass Tibet seit fast 800 Jahre zu China gehört. Und in den sog. "brutale Niederschlagung tibetischen Protesten in Tibet" waren die Hans, nicht die Tibeten, Opfer. Die chinesische Händler, die von den wenigen brutalen Tibeten ermördert wurden.
Und der Vorfall in Paris mit der attackierte behinderte Sportlerin kommentierten die Franzosen als "eine Ohrfeige" für China. Unsere Herzen bluten. Unsere Träume von "West" SIND endgültig zerplatzt. Ich habe Europa geliebt. Wirklich!! Jetzt bin ich nur noch unendlich traurig, dass ich mich so geirrt habe.Die Proteste Weltweit sind nicht von der chin. Regierung organisiert, sondern von uns Studenten selbst. Hören Sie auf zu behaupten, dass wir "regierungtreu" wären. Nein, wir waren, damit meine ich, fast alle, die in Europa lebende Chinesen waren absolut "west"treu! Jetzt nicht mehr.Es bleib nur Traurigkeit...
seppmaier (21.04.2008, 20:27 Uhr)
Adrian Geiges, du Heuchler!
du hast natürlich noch nie was von bertelsmann gehört, nicht wahr?
auch nicht darüber, dass ein jeder journalist, der sich morgens noch aufrecht und ehrlich im spiegel betrachten will, den konzermedien den rücken kehrt um sich alternativen medien im internet zuzuwenden.
und überhaupt: medienzensur findet in brd nicht statt...niemals nicht, nein, nein...
manndernichtdaist (21.04.2008, 15:51 Uhr)
Ist er nicht süß?
Und jetzt jammert er rum! Lesen sie ihren Blog nochmal, der kam nämlich Pro China rüber und nun haben sie die Quittung dafür, wie der Hunde-Katze-Maus-Fresser wirklich ist. Nämlich ein tatsachenverdrehender Kommunist und Antisemit, nichts anderes.
pops (21.04.2008, 15:29 Uhr)
Hört man da etwas Neid,
LaoLu? Als linientreuer Chinese im Ausland können Sie sich sicher auch ein 'rotes Seidenhemdchen' kaufen...
LaoLu (21.04.2008, 14:55 Uhr)
Nein, gnädige Frau,
das war mein Kommentar zum empörten Artikel von Adrian Geiges, dem Mann im roten Seidenhemdchen.
Malt (21.04.2008, 14:53 Uhr)
Wenn mann sich....
...die Bilder der Demonstranten gegen Carrefour in China ansieht, kommt, zumindest bei mir, zwangsläufig dieses Bild der SA Männer vor jüdischen Geschäften in den Sinn. Die hatten auch so seltsame Schilder und Parolen zu bieten... ich frage mich, ob die Aufrufe zur Mäßigung nur noch Olympia zu verdankne sind...
eltalein (21.04.2008, 14:25 Uhr)
Artikel über Dalai Lama
ging wohl in die Hose.
Deshalb sollte sich der Stern mehr um das Wesentliche kümmern, nämlich zumindest Artikel schreiben, dass diese Werbeveranstaltung Olympia in einem Land, wo es weder Menschen -noch Tierrechte gibt ( auch Millionen Tiere werden in China wegen Pelz sowie Hunde und Katzen fast lebendig verspeist, unvorstellbar gequält), um die Menschen besser aufzuklären, denn nur Aufklärung hilft, diesen Wahnsinn zu beenden.
paulmaz (21.04.2008, 14:24 Uhr)
Chinafresser
Das war doch klar, dass nach diesem
Blog die Chinafresser zur Hochform
auflaufen. Dass wir, bis auf den ei-
nen Bericht über den Dalai Lama von
Herrn Geiges, von den westlichen Me-
dien von verlogener Heuchelei und
Propaganda überschüttet werden, stört
diese selbsternannten Medienwächter
nicht. Lieber einen Splitter im Auge
des Anderen suchen, als den eigenen
Balken herausziehen.
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