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25. März 2008, 16:31 Uhr

Politiker und Sportler streiten um Olympia

Die Meinungen über einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele in Peking gehen unter Politikern und Sportlern weit auseinander. Während viele die pauschale Boykott-Weigerung des Deutschen Olympischen Sportbundes kritisieren, schlägt ein Politiker sogar einen neuen Austragungsort vor.

Wie auf das Vorgehen Chinas in Tibet reagiert werden sollte, ist bei Politikern und Sportlern umstritten© Petros Giannakouris/AP

Ein Boykott der Olympischen Spiele in China muss aus Sicht führender Politiker wegen der Tibet-Krise eine Option bleiben. Grünen-Chefin Claudia Roth kritisierte den Beschluss des Olympischen Sportbunds, im August das deutsche Team definitiv nach China zu schicken. Dies sei ein "Blankoscheck" Deutschlands für die Führung in Peking, denn die Unruhen in Tibet dauerten an und es drohe eine humanitäre Katastrophe, sagte sie im WDR. Ähnlich kritisch äußerten sich die CDU-Politiker Ruprecht Polenz und Eckhard von Klaeden.

Regierungssprecher Thomas Steg nannte die Forderung nach einem möglichen Boykott der Olympischen Spiele in Peking vordergründig. Es gehe der Bundesregierung darum, den Menschen zu helfen, Gewalt zu vermeiden und im Dialog politische Lösungen für Konflikte zu suchen. Boykottforderungen seien eher geeignet, von der Notwendigkeit einer politischen Lösung abzulenken. Steg teilte mit, dass der Dalai Lama bei seinem für Mai geplanten Besuch in Deutschland nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen wird. Grund sei, dass die Kanzlerin in der geplanten Zeit nicht in Deutschland sein werde. Außenminister Frank-Walter Steinmeier wollte mit seinem chinesischen Kollegen Yang Jiechi telefonieren und über die Lage in Tibet sprechen.

Frankreich erwägt wegen des chinesischen Vorgehens in Tibet einen Boykott der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele, will aber an den Wettkämpfen teilnehmen. "Niemand fordert den Boykott der Olympischen Spiele, vor allem nicht der Dalai Lama", sagte Außenminister Bernard Kouchner am Dienstag im französischen Rundfunk. Man solle "nicht tibetanischer sein als der Dalai Lama". Präsident Nicolas Sarkozy schloss auf eine Frage aber zumindest einen Boykott der Eröffnungsfeier nicht mehr aus.

"Niemand weiß, wie sich die Lage entwickeln wird"

Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, sagte im Südwestrundfunk, es sei klüger, aktuell zur Boykottfrage nichts zu sagen, einen solchen Schritt damit aber auch nicht auszuschließen. "Denn wir wissen ja nicht, wie sich die Dinge in China und in Tibet weiter entwickeln." Der Außenexperte der Unionsfraktion, Eckart von Klaeden, sagte im Deutschlandfunk, zurzeit sei eine Boykottdrohung falsch. "Aber niemand weiß, wie sich die Lage entwickeln wird." Deutschland müsse aber in jedem Fall die Diffamierung des Dalai Lama zurückweisen, und den "beleidigenden Nationalismus" der chinesischen Führung anprangern. In punkto Menschenrechte und kulturelle Autonomie dürfe es keinen "Werterelativismus" geben.

Der CDU-Europaparlamentarier Elmar Brok regte überdies an, die Olympischen Spiele nur noch in Griechenland stattfinden zu lassen, möglichst schon ab diesem Jahr. Kleine Länder könnten sich die Spiele ohnehin nicht mehr leisten. Zudem erneuerte er seine Forderung, dass Politiker auf Reisen zu den Sommerspielen nach China verzichten sollten.

Sportler sollen sich während der Spiele äußern

Die Grünen-Chefin Roth forderte alle Sportler auf, sich während der Spiele zu den Vorgängen in Tibet zu äußern. Zudem kritisierte sie, dass der Lauf der olympischen Flamme vom antiken Olympia nach Peking weiterhin durch Tibet führen soll. Damit solle offenbar eine "neue Provokation" ausgelöst werden. Kritik äußerte Roth auch an den deutschen Sponsoren. "Warum hört man nichts von Adidas? Warum hört man nichts von VW?", fragte sie.

Das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) hatte sich trotz der Tibet-Krise gegen einen Olympia-Boykott entschieden. Generaldirektor Michael Vesper verteidigte diese Entscheidung. Ein Boykott werde den Menschen und Aktivisten in Tibet nicht helfen, sondern die Isolation Chinas verstärken und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit von der Krisenregion ablenken, meinte er im NDR.

Athleten begrüßen DOSB-Beschluss

Deutsche Olympia-Athleten haben den DOSB-Beschluss, auf einen Olympia-Boykott zu verzichten, begrüßt, wollen sich aber in Peking nicht den Mund verbieten lassen und denken über andere Formen der Unmutsäußerungen nach. Aus der Politik kommt Kritik an der DOSB-Entscheidung, und China selbst lehnt jegliche ausländische Vermittlung im Tibet-Konflikt ab. Stattdessen wird weiter auf Verschleierungstaktik gesetzt.

"Es ist traurig, was in China passiert, ein Boykott würde daran aber nichts ändern. Sinnvoller wäre es, wenn die Athleten mit stillem Protest ihr Gesicht zeigen und bei den Spielen beispielsweise Armbänder gegen die Unruhen tragen. Da bin ich dabei", sagte Stabhochspringer Danny Ecker. Seine Kollegin Anna Battke könnte sich sogar vorstellen, dass sich bei der Eröffnungsfeier eine Athletengruppe als tibetische Mönche und eine andere sich als chinesische Regierungsbeamte verkleiden könnten. "Dann könnten wir uns symbolisch die Hände reichen", sagte Battke im "Spiegel".

"Stille Diplomatie" ist Buschschulte zu wenig

Die Verkündung von IOC-Präsident Jacques Rogge, im Machtspiel mit der chinesischen Führung auf "stille Diplomatie" zu bauen, war auch Schwimmerin Antje Buschschulte zu wenig: "In unserer Gesellschaft darf sich jeder frei äußern. Solange es nicht unfair wird und ich jemand anderem keinen Schaden zufüge, muss das auch bei Olympia möglich sein. Wenn man schon für freie Meinungsäußerung ist, dann muss man auch jede Meinung akzeptieren."

Bei aller Erleichterung über das klare DOSB-Bekenntnis "Pro Peking" wollen sich Deutschlands Elite-Athleten nicht als moralische Instanz missbrauchen lassen. "Es gibt zwischen Deutschland und China so viel wirtschaftliche Verbindungen, dass auch von dieser Seite Sanktionen kommen könnten", erklärte Radprofi Linus Gerdemann. Triathlet Jan Frodeno würde es "für wirkungsvoller halten, wenn sich Olympia-Sponsoren und die dort involvierte Wirtschaft entsprechend verhalten würden".

IOC droht Gesichtsverlust

Imke Duplitzer fährt "mit gemischten Gefühlen hin". "Bei meinen vierten Spielen könnte ich zum ersten Mal zur Eröffnungsfeier, aber ich werde da wohl nicht hingehen, um zu zeigen, ich bin hier, weil ich hier sein muss", sagte die Degenfechterin und prophezeite gleichzeitig, das Internationale Olympische Komitee (IOC) "wird ohne Gesichtsverlust da nicht herauskommen."

Die kritischen Überlegungen europäischer Politiker über einen möglichen Boykott der Olympischen Spiele gefielen China unterdessen überhaupt nicht. "Tibet ist eine innere Angelegenheit Chinas und erlaubt keine ausländische Einmischung", sagte der Sprecher des Außenministeriums, Qin Gang. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte forderte dazu auf, alternative Veranstaltungsorte zu prüfen, "in jedem Fall aber den Druck auf Peking zu erhöhen".

DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
spinnitz (28.03.2008, 10:27 Uhr)
stiller Boykott
sollte schon geübt werden.
Unter den vielen, vielen Sportlern, die sich nach Peking begeben werde sind bestimmt einige Hundert, die ihren Sport nicht aus kommerziellen Gründen, sondern aus idealistischen Werten betreiben. Und durch den Boykott würde diesen Sportlern die teilweise Jahrelange Vorbereitung und Verzichtübung zunichte gemacht. Ich sehe eine Möglichkeiten, seine Meinung solidarität mit den symbolisch für alle unterdrückten der Welt zu zeigen:
Warum laufen nicht alle teilnehmenden Sportler in den Farben der Mönchskutten der tibetanischen Mönche bei den Spielen umher. Verzicht auf die kommerzielle Einkleidung durch namhafte Sportartikelhersteller. Ganz mutige schneiden sich auch noch die Haare ab. Gegen den Dresscoede einzelner Nationen kann wohl auch die Charta der "Politikfreiheit" des IOC etwas ausrichten.
Wenn dann doch ein Boykott sein soll, warum schließt man nicht die Sportler der VRC aus. Veranstalter ist das IOC, nicht Peking und nicht China. Die haben das Hausrecht.
ganzbaf (26.03.2008, 15:49 Uhr)
Doch: Boykott muß sein !

Das bisschen an Druckmittel, das wir haben, muß auch eingesetzt werden!
STOPP von Mord und Totschlag unter Ausschluß der Weltöffentlichkeit!!
STOPP der Unterdrückung der freien Presse!!!
Oetker333 (26.03.2008, 14:05 Uhr)
Boykott ist der größte Schwachsinn
Denn jeder Staat hat Flecke auf seiner weißen Weste. Also gleich Olympia abschaffen! Wenn man Peking boykottiert dann boykottieren sie die USA und dann beginnt das Gemetzel der Staaten. Politik hat nichts zu suchen im Sport. Freie Medien gibt es nirgendwo auf der Erde, denn die Medien gehören einflussreichen Mangern im Westen und sie zeigen dann auch nur Berichte die die Gegenseite (in dem Fall China) kritisieren aber die eigene Seite (in dem Fall die USA) nicht. Es ist richtig über die Tibeter zu berichten, aber wer berichtet über die Indianer in den USA? Es ist richtig Simbabwe zu kritisieren aber wer kritisiert den US-Verbündeten Saudi-Arabien? Die westlichen Medien sind genauso verlogen wie die chinesischen Medien. Die eigenen Zustände nicht erwähnen aber die der anderen schon!
albundy69 (26.03.2008, 11:34 Uhr)
Tibetische Flagge
...was heisst hier tibetische Flagge ? Wenn ich mit der Fahne von Buxtehude die Entzündung der "heiligen Flamme" in Aten stören würde, hätte man mich wahrscheinlich ebenfalls an die Luft gesetzt ( p.s. "Buxtehude" ist nur ein Beispiel, niemand soll sich hier wieder persönlich beleidigt fühlen)
albundy69 (26.03.2008, 11:29 Uhr)
Was soll das .............
China sorgt dafür, dass die Spiele in Ruhe nd Ordnung über die Bühne gehen können. China investiert gewaltige Geldmittel in den Neubau von Stadien, China baut kulturelle Kontakte aus, China vermindert industrielle Ausstösse damit westliche Sportler bei ihrer Selbstvermarktung top sein können, China´s Menschen bringen persönliche Opfer um bei den Spielen dabei sein zu könenn und nun meinen irgendwelche Sesselfurzer aus Sport-, Kultur- und Reiseausschüssen alles absagen zu müssen ! Es wurde kein Journalist, kein Sportler, kein Bürokrat aus dem Westen an irgendetwas gehindert, was dem frielichen Ablauf der Spiele nicht im Weg steht. LASST DIE FINGER VON DEN O.G. in BEIJING, LASST DEN CHINESEN IHR UND UNSER FEST ! (p.s. mittlerweile scheint klar zu sein dass 24 tibetisch stämmige Sportler im chinesischen Team (wo denn sonst) dabei sind, und diese Sportler haben NICHT zum Boykott aufgerufen !
H.Heine (25.03.2008, 18:34 Uhr)
Im Westen nichts neues
Warum die deutschen Olympia Athleten sich gegen einen Boykott stellen liegt doch auf der Hand. Die Sommerspiele sind für einige Sportarten das Großereignis schlechthin. Man kann sich der Öffentlichkeit präsentieren, sich profilieren und dadurch sein Marktwert erheblich steigern. Und der Titel Olympiasieger hat ja auch keinen schlechten Klang. Und wo die Sportprominenz ist, sind große Ausrüster wie Nike, Adidas oder Puma auch nicht weit, ganz zu schweigen von Mercedes Benz oder VW. Die Milliarden die mit den Werbeeinnahmen und Übertragungsrechten eingenommen werden, scheffelt man auch nicht alle Tage.
Aber all diejenigen, die nicht in der Verantwortung stehen, oder mit bzw. durch Olympia verdienen dürfen ihren Unmut zum Besten geben.
Ein Olympia Boykott würde den Menschen nichts bringen, das ist richtig. Aber entschiedene Schritte wie wirtschaftliche Sanktionen und politische Isolatin Chinas sind genauso wenig von dem Westen zu erwarten. Also im Westen nichts neues.
Oetker333 (25.03.2008, 17:40 Uhr)
Boykott
Die Olympischen Spiele in Los Angeles und in Moskau wurden von Teilen der Welt boykottiert. Jetzt wollen sie auch Peking boykottieren. Ich finde Politik hat nichts mit Sport zu tun. Oder warum hat man die Spiele in Berlin nicht boykottiert? Oder warum lässt man die USA zu Olympia kommen obwohl sie im Irak sind?
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