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Mönche protestieren vor Journalisten

Dutzende Mönche haben den Besuch einer Gruppe ausländischer Journalisten in Lhasa für eine Protestaktion gegen die chinesische Fremdherrschaft genutzt. Unterdessen hat das EU-Parlament einstimmig das Vorgehen der Chinesen in Tibet kritisiert - in der Frage eines Olympiaboykotts kam es jedoch zu keiner Einigung.

Während einer von den chinesischen Behörden organisierten Journalisten-Visite in der tibetischen Hauptstadt Lhasa haben dutzende Mönche eine Protestkundgebung abgehalten. Wie mehrere Medien und ein Augenzeuge berichteten, brachten die Mönche im Jokhang-Tempel ihre Unterstützung für das geistliche Oberhaupt der Tibeter, den Dalai Lama, zum Ausdruck. "Tibet ist nicht frei. Tibet ist nicht frei", schrie ein junger Mönch. Der Dalai Lama trage keine Schuld an den jüngsten Ausschreitungen, erklärten die Mönche.

Regierungsangestellte versuchten daraufhin, die 26 ausländischen Journalisten von den protestierenden Mönchen wegzudrängen. "Sie wollen, dass wir den Dalai Lama vernichten, aber das ist nicht richtig", sagte ein Mönch während dem etwa 15 Minuten langen Zwischenfall vor dem Jokhang-Tempel, einem der bedeutendsten religiösen Orte in Tibet. Die ausgewählten Journalisten waren zwei Wochen nach schweren Unruhen in Lhasa zu dem Besuch in der sonst von der Außenwelt abgeschirmten Stadt eingeladen worden. Die Mönche unterbrachen die Rede eines chinesischen Regierungsvertreters, der sich zu den Unruhen in Lhasa äußerte. Der Regierungsvertreter sei ein Lügner, erklärten die Mönche. Sie riefen Slogans zur Unterstützung des Dalai Lama.

Journalisten wurden aufgefordert, zusammen zu bleiben

In Lhasa war nach den Berichten mehrerer Journalisten noch immer Brandgeruch wahrzunehmen. Zu der von den Behörden zusammengestellten Delegation gehörten Journalisten des "Wall Street Journal", der "Financial Times", der Tageszeitung "USA Today", des arabischen Nachrichtensenders El Dschasira und der Nachrichtenagentur AP. Die Nachrichtenagentur AFP und mehrere andere wichtige Medien wurden nicht zugelassen. Die chinesischen Behörden verwiesen zur Begründung auf logistische Probleme. Die Delegation traf am Mittwoch zu einem dreitägigen Aufenthalt in Lhasa ein. Sie wurde von chinesischen Behördenvertretern eng überwacht.

Nach den amtlichen chinesischen Darstellungen wurden bei den Protesten 20 Menschen von Tibetern getötet, davon 19 in Lhasa. Tibetische Exil-Vertreter sprechen von 135 bis 140 Toten durch die Niederschlagung der Proteste seitens der chinesischen Sicherheitskräfte. "Der Geruch verbrennender Gebäude liegt noch immer in der Luft", berichtete ein Reporter der "Financial Times" aus Lhasa. Die meisten Tibeter seien zu ängstlich, um Auskünfte zu erteilen. Ein Lehrer habe jedoch gesagt "Bitte, helft uns!", berichtete der Reporter weiter. Die Journalisten wurden von chinesischen Offiziellen aufgefordert, in der Gruppe zusammenzubleiben, weil es "hier immer noch nicht sicher ist".

EU-Parlament einig in Kritik an China

Offizielle Kritik aus Europa: Das Europäische Parlament hat das Vorgehen der chinesischen Behörden in Tibet einmütig scharf kritisiert. Uneins waren sich die Abgeordneten aus den 27 EU-Staaten jedoch in der Frage eines möglichen Boykotts der Olympischen Spiele in Peking. Vor allem Konservative und Grüne plädierten für einen Boykott der Eröffnungsfeier und möglicherweise auch der gesamten Spiele, während Sozialdemokraten zumeist davor warnten.

Das EU-Parlament hat zudem den Dalai Lama zu einem Besuch eingeladen, um über die Lage in der Unruheprovinz zu berichten. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter sei jederzeit willkommen, sagte Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering während einer Dringlichkeitssitzung zur Lage in der Region. An China richtete er den Appell, den Tibet-Konflikt im Dialog mit dem Dalai Lama zu lösen. Sollte dies nicht möglich sein, müssten sich europäische Politiker ernsthaft fragen, ob sie an der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Peking teilnehmen sollten, fügte er an.

Dalai Lama dankte für Unterstützung

Ähnlich äußerte sich der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke. Pötterings Angebot an den Dalai Lama wurde von den EU-Abgeordneten mit Applaus quittiert. Auch der Nobelpreisträger selbst nahm die Einladung offenbar positiv auf: Pöttering zitierte aus einem Brief des Dalai Lama, in dem dieser dem Parlament für dessen Unterstützung dankte und von einer "schwierigen Zeit" für die Menschen in Tibet sprach.

Der im Exil lebende tibetische Parlamentspräsident Karma Chopel appellierte im Europaparlament an die internationale Gemeinschaft, auf ein rasches Ende der blutigen Unruhen in seinem Heimatland zu dringen. "Die Lage ist sehr ernst. Wir müssen versuchen, das Gewissen der Weltgemeinschaft mit Blick auf die Geschehnisse in Tibet zu wecken", sagte er. Die Aufstände seien nicht auf Zentraltibet beschränkt. "Sie haben inzwischen auf eine Reihe von Regionen übergegriffen. Die chinesische Polizei kann diese Entwicklung nicht mehr kontrollieren. Deshalb ist das Militär hinzugekommen. Die Tötungen und Massaker gehen weiter." Andere Staaten müssten "endlich eingreifen und untersuchen, was dort passiert".

Human Rights Watch will Einmischung des UN-Rats

Nach Ansicht von Human Rights Watch hat der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen die Pflicht, sich mit der Tibet-Krise zu befassen. Es sei skandalös, wenn der Rat diejenigen zum Schweigen bringe, die sicherstellen wollten, dass das Gremium seine Arbeit tue, erklärte die Menschrechtsorganisation am Donnerstag.

Zwar hätten Australien, die EU, die Schweiz und die Vereinigten Staaten versucht, das Thema Menschrechtsverletzungen bei einer Sitzung des Rates zur Sprache zu bringen. Doch sei dies von China mit Unterstützung Algeriens, Kubas, Pakistans, Sri Lankas und Simbabwes verhindert worden.

AFP/Reuters/DPA/AP/AP/DPA/Reuters
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