Die georgische Opposition hat Präsident Eduard Schewardnadse zum Rücktritt innerhalb einer halben Stunde aufgefordert. Andernfalls werde man den Wohnsitz des Präsidenten stürmen.

Die georgische Opposition wird immer offensiver und droht mit dem Sturm auf den Wohnsitz des Präsidenten© Sergei Ilnitsky dpa
Die georgische Opposition hat Präsident Eduard Schewardnadse am Sonntagnachmittag zum Rücktritt innerhalb einer halben Stunde aufgefordert. Andernfalls werde man den Wohnsitz des Präsidenten stürmen, erklärte Oppositionsführer Michail Saakaschwili in Tiflis. Fast die gesamte Armee sei bereits zu den Demonstranten übergelaufen.
Der Fernsehsender Rustawi-2 hatte bereits zuvor berichtet, rund 170 Soldaten der georgischen Nationalgarde seien zur Opposition gestoßen. Das genauere Ausmaß der Übertritte war jedoch zunächst nicht zu beziffern.
Der Kampf um die Macht in Georgien hat sich mit der Verhängung des Ausnahmezustandes durch Präsident Eduard Schewardnadse dramatisch zugespitzt. Der russische Außenminister Igor Iwanow bemühte sich am Sonntag in Tiflis, bei Verhandlungen mit beiden Seiten ein mögliches Blutvergießen zu verhindern. Der in seine Residenz am Stadtrand geflohene Schewardnadse bekräftige seine Bereitschaft zum Dialog, lehnte aber einen von der Opposition geforderten Rücktritt ab. Polizei und Militär griffen bislang nicht in den Konflikt ein.
Die internationale Gemeinschaft äußerte sich besorgt über einen möglichen Bürgerkrieg in der ehemaligen Sowjetrepublik am Schwarzen Meer. Bundesaußenminister Joschka Fischer appellierte an beide Seiten, "einen friedlichen und verfassungsmäßigen Weg aus den gegenwärtigen innenpolitischen Spannungen zu suchen". Die Bundesregierung beobachte die Entwicklungen in Georgien mit Sorge, hieß es in einer am Sonntag in Berlin verbreiteten Mitteilung.
Auf dem Platz vor dem Parlament in Tiflis demonstrierten am Sonntag erneut mehrere zehntausend Georgier friedlich gegen Schewardnadse, während sich die Sicherheitskräfte zurückhielten. Der radikale Oppositionsführer Michail Saakaschwili hatte am Samstag mit Dutzenden von Anhängern die konstituierende Sitzung des am 2. November mit zahlreichen Manipulationen gewählten Parlaments gesprengt. Dabei kam es zu Tumulten. Schewardnadse musste im Schutz schwer bewaffneter Leibwächter flüchten. Der Präsident und frühere sowjetische Außenminister solle ins Exil nach Deutschland gehen, sagte Saakaschwili dem US-Sender CNN.
Die Opposition müsse das Parlament und die ebenfalls besetzte Staatskanzlei unverzüglich räumen, forderte Schewardnadse am Sonntag im staatlichen georgischen Fernsehen. "Das ist ein Ultimatum." Sein Amt hatte das Vorgehen der Präsidentengegner am Samstag als "gewaltsamen Umsturz" bezeichnet. Den geforderten Rücktritt wegen der Wahlfälschungen lehnte Schewardnadse mehrfach ab. Er sei aber zu Gesprächen "über die Parlamentswahlen" bereit, bekräftigte er.
Russland wolle sich nicht in die Angelegenheiten Georgiens einmischen, sagte Iwanow. "Es will aber helfen, die Ereignisse wieder in den Rahmen des Rechts zurückzubringen." In einer Pendeldiplomatie zwischen Präsidentenresidenz und Parlament verhandelte der Abgesandte von Präsident Wladimir Putin mehrfach mit beiden Seiten. "Es gibt Vorschläge, die zu Kompromissen führen könnten", sagte Iwanow, ohne Einzelheiten zu nennen.
In Telefonaten mit Schewardnadse forderten auch US-Außenminister Colin Powell und UN-Generalsekretär Kofi Annan eine friedliche Lösung in Georgien. Der niederländische Außenminister Jaap de Hoop Scheffer bot als Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) dem georgischen Präsidenten Hilfe zu einer politischen und demokratischen Regelung an.