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stern-Reportage

Verbrannte Erde - Erdogans Krieg im eigenen Land

Die Türkei wird von Europa in der Flüchtlingskrise umgarnt – und führt einen immer blutigeren Krieg im eigenen Land: gegen die Kurden. Wenn Erdogans Soldaten abziehen, bleiben mancherorts nur Trümmerwüsten übrig. Und junge Männer mit der Sehnsucht nach Rache.

Von Raphael Geiger, Dyarbakir

Inmitten der Ruinen von Cizre: Hier, im Südosten der Türkei, hatte die Armee monatelang Kurden bekämpft.

Inmitten der Ruinen von Cizre: Hier, im Südosten der Türkei, hatte die Armee monatelang Kurden bekämpft.

Vielleicht war sein Tod das Größte, was Ramazan je passierte. Früher saß Ramazan auf dem Grünstreifen vor der Stadtmauer von Diyarbakir, trank Tee, rauchte Wasserpfeife, tagelang, monatelang, und wartete, dass sein Leben losgeht. Er hatte Freunde, die mit Drogen dealten, manche hingen nachts in den Gassen herum und wurden zu beängstigenden Gestalten, andere entfernten sich von ihm und gingen merkwürdig oft in bestimmte Moscheen und hörten Lieder gegen die Zionisten und die Kreuzfahrer, während ihnen Bärte wuchsen. Ramazan war 16, sagt sein Vater, er suchte nach etwas, etwas Sinnvollem, etwas, wofür er bereit war zu sterben. Er fand den Kampf für ein freies Kurdistan. Widerstand gegen die Türken.

  Für sie – ein Held: Sara Baran hält ein Porträt ihres Neffen Ramazan Ögüt. Der 16-Jährige starb im Kampf gegen die türkische Armee.

Für sie – ein Held: Sara Baran hält ein Porträt ihres Neffen Ramazan Ögüt. Der 16-Jährige starb im Kampf gegen die türkische Armee.

Ramazan hatte ein Gefühl für Ungerechtigkeit, so sagen die Menschen, die ihn kannten, und er schwieg nicht, wenn ihm etwas missfiel. Zum Beispiel war da eines Tages eine Personenkontrolle. Die türkischen Polizisten packten zwei junge Kurden am Arm, zerrten sie ins Auto und wollten sie mitnehmen.

Warum, fragte Ramazan, und in einem Sekundenbruchteil reagierte er und schrie: Was macht ihr da? Was haben die beiden getan? Lasst sie los! Die Polizisten antworteten nicht, sie packten Ramazan und nahmen auch ihn mit. Polizeistation, Untersuchungsgefängnis, drei Monate lang Verhöre, die Zellen überfüllt mit Jugendlichen in seinem Alter.

Drei Monate für nichts. Aus einem unpolitischen Jugendlichen machten sie einen, der den Staat verabscheut. Die Familie bekräftigte ihn darin, sie hasst den Staat schon eine oder zwei Generationen länger.

"Die ständigen Kontrollen auf der Straße haben ihn zermürbt", sagt der Vater. "Der Staat lässt dir gar keine Wahl, du kannst kein normales Leben führen." Wer sich nicht verleugne, sondern offen seine Meinung sage, der habe eigentlich ständig mit der Polizei zu tun und auch mit Gefängniswärtern und Staatsanwälten.

Söhne gehen, Söhne sterben

Eines Morgens war Ramazan weg, er ging mit den Sachen, die er gerade anhatte: einem Trainingsanzug. Und seinem Handy. Am Nachmittag rief er die Eltern an: "Ich bin an einem guten Ort, irgendwann komme ich zurück." – "Deine Mutter wird weinen", sagte der Vater.

Beängstigend normal sind solche Abschiede geworden in der Türkei. Söhne gehen, und manche Söhne sterben, seit dieser alte Konflikt zwischen Türken und der kurdischen Minderheit wieder ausgebrochen ist. Junge Kurden tragen den Krieg in die Städte, verschanzen sich in kleinen Straßen, greifen türkische Polizisten und Soldaten an. Die reagieren brutal, fahren Panzer auf, Artillerie, zerschießen ganze Viertel, lassen keine Ärzte zu den verwundeten Kurden. Jede Schusswunde ist deshalb lebensgefährlich, und der türkische Einsatz keine Anti-Terror-Operation mehr, wie es die Regierung nennt, sondern ein schmutziger Krieg.

Davon weiß die EU, davon weiß Angela Merkel, und wahrscheinlich hätte sielängst dagegen protestiert, wenn sie die Türkei nicht so dringend brauchte. Am Montag trafen sich die EU-Regierungschefs in Brüssel wieder einmal mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu und umwarben ihn, sein Land solle mehr tun, damit nicht jede Nacht Tausende Flüchtlinge die Schlauchboote nach Griechenland besteigen.

Europäische Werte, niedergetreten von der Türkei 

Die Türkei scheint es zu genießen, dass Europa sie braucht. Am Mittwoch vor dem Gipfel ging die Ausgangssperre in der kurdischen Stadt Cizre zu Ende, nach monatelangen Kämpfen liegt sie in Trümmern. Offenbar macht es der Regierung nichts mehr aus, dass die Bilder aus Cizre gerade jetzt die Welt erreichen. Am Freitag vor dem Gipfel stellte ein Gericht die größte oppositionelle Zeitung, die "Zaman" , unter Staatsaufsicht, die Journalisten schickten noch eine letzte Ausgabe in die Druckerei, die Polizei stürmte die Redaktion und schoss Tränengas in die Menge der Leser, die für ihre Zeitung demonstrierten.

  Inmitten der Ruinen von Cizre: Hier, im Südosten der Türkei, hatte die Armee monatelang Kurden bekämpft.

Inmitten der Ruinen von Cizre: Hier, im Südosten der Türkei, hatte die Armee monatelang Kurden bekämpft.

Es sind europäische Werte, die da von der Türkei niedergetreten werden. Aber gerade deutsche Politiker behandeln sie momentan als – in ihrer Technokratensprache – nachrangig. Hauptsache, weniger Flüchtlinge. "Wir sollten nicht Schiedsrichter beim Thema Menschenrechte für die ganze Welt sein" , sagt Innenminister Thomas de Maizière. So ähnlich klang Angela Merkel vor Kurzem in Ankara, man spreche über eine "Palette von Themen", aber die Flüchtlingsfrage sei eben "bestimmend". Schweigen, bloß nichts kritisieren. Selbst wenn die türkische Politik eine neue Flüchtlingswelle auslösen könnte. Vielleicht machen sich bald auch Kurden aus Diyarbakir und Cizre auf den Weg nach Europa. Flüchtlinge mit türkischem Pass.

Seit drei Monaten gilt inzwischen eine Ausgangssperre in der Altstadt von Diyarbakir, in den Gassen, wo irgendwo die Leiche von Ramazan liegt. Inzwischen muss sie entstellt sein vom Schnee und vom Regen. Die Eltern würden sie gern beerdigen, aber der Gouverneur lässt es nicht zu.

Ramazan, Codename: "Devran Amed", frei übersetzt etwa: die Epoche von Diyarbakir, starb an einem der Gräben, die sie in der Altstadt gezogen haben, um die türkischen Panzer aufzuhalten. Einen der Gräben zu bewachen, war Ramazans Aufgabe. Nun wird sein Leben verklärt, er war, sagt seine Familie: reif, ungewöhnlich erwachsen für sein Alter, immer gut gekleidet, sehr zielstrebig und sehr mutig, das vor allem. Er habe gekämpft, weil er sich gedemütigt fühlte von dem Staat, der ihm einen türkischen Ausweis ausstellte, aber ihn nicht als Bürger achtete.

Die Polizisten in Diyarbakir stammen aus dem Westen der Türkei. Sie fahren in gepanzerten Wagen, die sie nur in Gruppen verlassen und mit Maschinengewehr im Anschlag. Sie sind keine Ordnungshüter, sie sind die Staatsmacht.

Als Ramazan aus dem Gefängnis freikam, hatte er diesen Ärger in sich. Innerhalb von ein paar Monaten wurde er Teil einer Bewegung gegen den übermächtigen Feind, YPS nennt sie sich, auf Deutsch: zivile Verteidigungseinheiten. Die Kämpfer umgibt etwas Geheimnisvolles, nie zeigen sie sich, nie prahlen sie. Gefeiert wird, wer stirbt. Die Propaganda ist einfach, sie funktioniert über Facebook. Da werden die Toten, genannt Märtyrer, zelebriert.

"Auch wer nicht kämpft, der stirbt"

Ramazans Vater erzählt, wie stolz er sei auf seinen Sohn. Der Bruder, zwölf Jahre alt, sagt, dass er nicht mehr in die Schule will, sondern kämpfen. "Wozu soll ich ihn daran hindern?", fragt der Vater, "ein Freund von ihm wurde auf der Straße angeschossen, auch er wird irgendwann sterben, selbst wenn er nicht kämpft."

Ramazans Tante sagt, sie möchte den Kindern die Ohren zuhalten, damit sie den Kampflärm nicht hören. "Was soll aus ihnen werden in ein paar Jahren?", sagt sie. Töte einen, und du hast die Familie gegen dich. So wirkt die türkische Politik in den Kurdengebieten: wie ein Terrorzuchtprogramm. Wenn man mit den Menschen in Diyarbakir spricht, spürt man eine erschreckende Sympathie für Terroranschläge gegen türkische Soldaten. Kaum jemand findet es schlimm, dass die Stadtguerilla YPS 16-Jährige wie Ramazan nicht nach Hause schickt, sondern an die Front.

  Dem Krieg so nah: Nach Gefechten steht Rauch über Diyarbakir.

Dem Krieg so nah: Nach Gefechten steht Rauch über Diyarbakir.

Eine Million Menschen leben hier, ganz normales Leben findet statt in Cafés, Parks, in den Shoppingmalls, während der Krieg als Geräusch über der Stadt liegt. Selbst in der Altstadt, ganz nahe an den Kämpfen, spielen Kinder in den Gassen Fußball, gehen Familien im Kiosk Brot kaufen, als hörten sie es nicht, als spürten sie es nicht: dieses Knattern, dröhnend, so laut, als wäre es gleich nebenan. Als gehörte es dazu wie ein vorbeifahrendes Auto, eine Bohrmaschine.

Es ist ein Schusswechsel, irgendwo hier im Viertel, kurdische Jugendliche haben sich verschanzt und eine Einheit von türkischen Soldaten angegriffen, vielleicht drei Blocks entfernt beschießen sie sich jetzt. Türkische Spezialeinheiten gegen Teenager wie Ramazan. Zwei türkische Soldaten kostet der Schusswechsel an diesem Tag das Leben, mehrere werden verletzt, es ist einer der schlimmeren Tage. Aber auch ein normaler, irgendwie.

Die kurdischen Kämpfer schaffen einen Mythos ...

"Es macht mich nicht glücklich, Tote zu sehen", schreibt Agir, einer der Kämpfer da drinnen im Labyrinth der Gassen. "Aber ich habe keine Wahl" , schreibt er, "ich muss kämpfen, muss töten, so ist das im Moment leider im Nahen Osten."

Agir heißt eigentlich anders. Seinen wirklichen Namen möchte er nicht nennen. Agir ist kurdisch für Feuer, es klingt ähnlich wie das türkische Wort für Schmerz. Agir, 24, ist seit einigen Monaten Mitglied der YPS. Er möchte nicht sprechen, er schreibt die Antworten auf Zettel, die er über mehrere Mittelsmänner weiterleitet.

Wofür kämpfst du, Agir?

"Für die Menschlichkeit" , schreibt er. "Dafür, dass ich als Kurde in meinem Land entscheiden kann. Wenn du dich nicht wehrst und darauf bestehst, ein Mensch zu sein, dann verlierst du deine Menschlichkeit." Und gegen wen kämpfst du?

"Gegen die rassistische, faschistische türkische Regierung, die unsere Toten auf der Straße liegen lässt, bis sie verwesen." In Agirs Denken hat das Gewaltmonopol des Staats keinen Platz, nach staatlicher Definition ist er ein Rebell. Oder ein Terrorist. Aber muss sich ein Staat dieses Monopol nicht auch verdienen? Dadurch, dass er Bürger gleich und gerecht behandelt, dass jeder seine Meinung sagen kann? "Unsere Identität ist in Gefahr" , schreibt Agir, "man greift uns an mit Panzern und mit Kampfjets, aber dies ist unser Land, und wir werden es verteidigen bis ganz zum Schluss."

Kämpfer wie er schaffen einen Mythos, der kurdische Jugendliche fasziniert. Gegen die Türken zu kämpfen bringt jenen Respekt ein in der Familie, bei Freunden, den sie sonst nie bekämen. Freiheitskämpfer oder Helden nennt man sie, wenn sie kämpfen, und Märtyrer, wenn sie sterben. 

Dass sie sterben, hat damit zu tun, was im vergangenen Jahr in der Türkei kaputtging. Zum ersten Mal schaffte es eine prokurdische Partei ins Parlament, dabei hatten die Türken eine Zehnprozenthürde eingeführt, damit genau das nie passiert. Die Partei bekam 13 Prozent, ihr Erfolg nahm der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan zum ersten Mal die Mehrheit.

Und das, obwohl Erdogan jahrelang auf die Kurden zugegangen war. Religiöse Kurden waren seine Stammwähler. Erdogan analysierte das Ergebnis einige Tage, so lange trat er nicht auf. Dann reagierte er.

Einerseits hatte ihm die Kurdenpartei Stimmen genommen, andererseits hatte das aber auch eine rechtsextreme, nationalistische Partei getan, die von jeher gegen die Kurden hetzt. Erdogan bedient sich seitdem zweier Emotionen, die in der Türkei stärker sind als alles andere: der Liebe zur Religion und der Liebe zum Vaterland.

... und helfen Erdogan so ungewollt im Wahlkampf

Erdogan beschrieb die Kurdenpartei als Komplizen der PKK, als Verbündete von Terroristen, die seit Jahrzehnten den türkischen Staat bekriegen. Er beschrieb sie als Sozialisten, als Ungläubige, unwählbar für einen Muslim. Die Kurden teilten sich: Die einen hassten Erdogan fortan mehr denn je; die vielen frommen Kurden aber folgten ihm und kehrten bei der Neuwahl im November zu seiner Partei zurück.

Dazu gewann Erdogan bei rechten Wählern, die sich von seiner nationalistischen Propaganda ergriffen fühlten, ständig befeuert durch die Nachrichten aus den Kurdengebieten, wo gerade der Krieg begann. Der Unfrieden schenkte Erdogan den Sieg bei der Neuwahl.

Junge Männer wie Agir dienten ihm als Argument im Wahlkampf.

Es ist Abend, als Agir seine Antworten notiert. Seine Zettel erzählen: Es ist kalt. Er hat sich mehrere Schichten übereinander angezogen. Eine Familie lässt ihn und ein paar Kameraden bei sich übernachten.

  Verzweiflung gebiert Hass: Eine Frau beklagt die Zerstörung ihres Hauses in Cizre.

Verzweiflung gebiert Hass: Eine Frau beklagt die Zerstörung ihres Hauses in Cizre.

Sie sitzen in der Küche ganz hinten in der Wohnung, sicher vor Scharfschützen und Granaten. Sie haben ein kleines Feuer gemacht, klein genug, dass der Rauch nicht nach außen dringt, damit die türkischen Soldaten sie nicht entdecken.

Agir schreibt, dass die Türken ihnen nicht einmal ihre Muttersprache erlaubten, nicht mal in der Schule dürften die Kinder auf Kurdisch lernen.

Agir schreibt vom "Yoldaslik" , der Kameradschaft, "wir sind Gefährten auf einem gemeinsamen Pfad".

Angst? Ein Luxus, den man sich im Kampf nicht erlauben kann

Agir schreibt, wie es ihm das Herz zerriss, als einer seiner engsten Freunde getötet wurde, Seite an Seite hatten sie gekämpft. Stolz waren sie auf ihre Waffen, die gehörten zum revolutionären Dasein. Die Waffe: Schutz und Macht. Er will sie vorsichtig einsetzen, sonst gerate er auf "das gleiche Niveau wie der Gegner".

Angst?

"Ich habe sie überwunden. In so einem heißen Kampf, so nah am Gegner, weicht die Angst schnell dem Ärger, dem Gefühl des Widerstands, da kann ich mir nicht mehr den Luxus erlauben, Angst zu haben."

Was esst ihr, wie überlebt ihr?

"Wir kommen klar, wir waren vorbereitet auf den Kampf, und wichtiger als Wasser und Brot ist uns die Freiheit."

Nicht nur in Diyarbakir, auch in einigen kleineren türkischen Städten wie Cizre kämpft die YPS gegen die türkische Armee. Ein Krieg, den keiner militärisch gewinnen kann, aber der, fürchten viele, über Generationen weitergetragen werden könnte.

Erdogans Wahlsieg hat ein gespaltenes Land hinterlassen, die Menschen gegeneinander aufgehetzt, längst ist die Türkei Teil des Kriegs um den Nahen Osten. Den Norden von Syrien, entlang der türkischen Grenze, beherrschen kurdische Milizen, sie haben ein Rückzugsgebiet geschaffen für Kämpfer und vor allem den Beweis, dass Kurden erfolgreich sein können. Es ist eine Art kurdischer Gazastreifen, aus Sicht der Türkei ein feindlicher Ort an der Grenze, den sie so schnell nicht mehr loswird. So wenig wie den Hass, den die junge Generation, Männer und Frauen, Agir und Ramazan, ihre Brüder und Schwestern in sich tragen.

Agir, das kurdische Feuer, der türkische Schmerz. Vielleicht lebt er nicht mehr, wenn dieser Text erscheint. Die kurdischen Kämpfer halten nur noch wenige Straßenzüge in Diyarbakir. Zu 98 Prozent sei die Altstadt gesäubert, meldete die türkische Armee.

Ramazans Vater hat von einem der letzten Gespräche erzählt, einige wenige Worte, kurz bevor sein Sohn verschwand. Er habe an Ramazan appelliert: Geh nicht, lebe ein Leben, gründe eine Familie. "Du hältst das alles aus, was sie mit uns tun?" , antwortete Ramazan: "Ich nicht."

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