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"Warum glaubt ihr Europäer uns nicht?" - Streifzug durch Erdogans Land

Wer nicht für ihn ist, ist gegen die Demokratie. Präsident Erdogan feierte am Sonntag den Sieg über die Putschisten. Über eine Million Menschen jubelten ihm zu. Die Wahrheit ist in der Türkei zu einer Glaubensfrage geworden.

Von Raphael Geiger

Nationalstolz: Mit Erdogan-Porträt und Staatsflagge fährt das Schiff am vergangenen Sonntag aus dem Viertel Çengelköy zur Massenkundgebung in Istanbul.

Nationalstolz: Mit Erdogan-Porträt und Staatsflagge fährt das Schiff am vergangenen Sonntag aus dem Viertel Çengelköy zur Massenkundgebung in Istanbul.

Ein fremdes Land ist es geworden. Ein misstrauisches.

"Warum seid ihr für die Terroristen?" , fragt der Gastwirt, der in der Putschnacht auf die Straße ging.

"Warum glaubt ihr Europäer uns nicht?" , fragt der Muhtar, ein Bezirksvorsteher, ihn traf eine Kugel der Putschisten.

"Warum helft ihr uns nicht?", fragt ein Mann auf dem Friedhof, der um einen Erschossenen trauert.

"Warum wollt ihr uns Türken kleinhalten?", fragt die Anwältin, die mehrere angeklagte Militärschüler verteidigt.

Ihr. Wir. Ihr, die Europäer, wir, die Türken. Der Gastwirt beendet das Gespräch, bevor es beginnt. Er führt durch sein Restaurant und zeigt die Einschusslöcher in Lampen, in den Fenstern, im Türrahmen, draußen in der Hauswand, im Baum gegenüber. Çengelköy, ein Stadtteil von Istanbul, ist gezeichnet von dieser Nacht, in der die Gewalt über das Viertel kam, und der Wirt sagt: "Davon sprecht ihr nicht in Europa, ihr redet nur über Erdogan."

Deshalb: "Kein Interview, tut mir leid."

Status: Es ist kompliziert

Es ist ein Einblick in die Psyche eines Landes, das in den deutschen Nachrichten so präsent ist wie kaum je zuvor, und das uns im selben Moment so fremd erscheint. Was Recep Tayyip Erdogan sagt, erfahren auch die Deutschen; und was Angela Merkel sagt, die Türken. Was Erdogan sagt, finden die Deutschen seltsam bis schrecklich; dass Merkel so wenig zu dem sagt, kränkt die Türken. Es ist kompliziert.


Çengelköy liegt am asiatischen Ufer, zwischen der Bosporus-Brücke und einer Militärakademie, Erdogans Istanbuler Haus ist in der Nähe. In jener Nacht durchquerten die Konvois der Putschisten Çengelköy auf ihrem Weg zur Brücke. Aber die Menschen dort wehrten sich. Der Friedhof ist jetzt voller Gräber mit türkischen Flaggen. Junge , die sich ihr Land nicht einfach wegnehmen lassen wollten.

"Çengelköy schreibt Geschichte", befand die regierungsnahe Zeitung "Sabah". Ein Land ist begeistert von sich selbst. Abends laufen die Bilder der flaggenroten Massen, Bilder aus allen Städten, Bilder auf allen Sendern, ergriffen melden die Moderatoren, wie viele Menschen auf die Straßen gehen, selbst am 20., am 21. Tag nach dem Putsch.

Nachts fahren Autos durch die Straßen mit einem Megafon auf dem Dach, Erdogans Reden reißen die Türken aus dem Schlaf. Die Bosporus-Brücke heißt jetzt "Brücke der Märtyrer des 15. Juli", die Straßenschilder sind schon ausgetauscht. Die Zahl der Entlassenen und Verhafteten geht auf 100 000 zu – "erst das Komma, noch nicht der Punkt", sagte Erdogan. Den einen machen solche Sätze Angst, die anderen, die Lauten, die in den Autokorsos nachts, die sind begeistert.

Der Staat ist auf der Jagd, nichts im Land soll ohne Überprüfung bleiben, selbst Militärschüler, die in der Putschnacht Uniformen trugen, die Jüngsten 14 Jahre alt, die Ältesten 16, blieben wochenlang im Gefängnis.

Bewaffnete Schüler gegen Familien

Sie kamen aus dem Militärinternat Kuleli, einem Prachtbau am , eröffnet 1845, eine Schule, das Oberbefehlshaber hervorgebracht hat und Staatspräsidenten. Früher gingen die Schüler in den Ort, nach Çengelköy, zum Köfteessen und Colakaufen, und manchmal schenkten die Händler ihnen die Cola. Jeder Türke ist als Soldat geboren, sagen sie hier. Der Staatsgründer Atatürk war zuerst General, dann Politiker. Die Armee war den Türken heilig. Und die Militärschüler sind "wie unsere Kinder", sagt der Bezirksvorsteher.

In der Putschnacht standen die Schüler auf einmal am Bosporus, erzählt die Anwältin Burcu Onuk. Sie standen in einem Park inmitten picknickender Familien und wussten von nichts. Der Offizier hatte ihnen erzählt, ein Terroranschlag stehe bevor. Jetzt sahen sie, wie die Familien im Park den Offizier anbrüllten, er solle doch die Kinder nach Hause schicken.

Die Anwältin Burcu Onuk verteidigt minderjährige Militärschüler, die zwei Wochen lang inhaftiert waren

Die Anwältin Burcu Onuk verteidigt minderjährige Militärschüler, die zwei Wochen lang inhaftiert waren

Zum ersten Mal in ihrem Leben hatten sie in dieser Nacht, in diesem Park inmitten der Familien ein Gewehr in der Hand. Die Magazine waren leer, aber sie hätten auch gar nicht gewusst, wie man schießt. Irgendwann spürte der Offizier, dass er die Kontrolle verlor. Als sie zurück in der Akademie waren, machten sie den Fernseher an und hörten zum ersten Mal dieses Wort: Putsch. Es sagte ihnen nichts.

Die Schüler, die von nichts wussten, wurden verhaftet. 62 Söhne.

Onuk ist eine Frau, die sich von diesem Staat nichts gefallen lassen würde; sie hat ein Gespür für Ungerechtigkeit. Es fühlte sich nicht richtig an, dass die Militärschüler eingesperrt waren. Ihr Mann war Soldat, er erzählte ihr vom Gehorsam: "Wenn ein Vorgesetzter anruft und sagt, mach zehn Liegestützen, dann macht ein Soldat das." Die Militärschüler hätten nie den Befehl verweigert. Das Wort Nein gab es in ihrer Welt nicht.

Bald demonstrierten die Eltern vor dem Gefängnis, sie durften nicht mal mit ihren Söhnen sprechen. Türkische Zeitungen berichteten, es war ein Testfall: Wie weit würde der Staat gehen, wie blind würde er zuschlagen?


Erdogan hat eine Mehrheit für sein Vorgehen

Selten war so viel Konsens. Erdogan hat eine Mehrheit für sein Vorgehen. Die einen jubeln Erdogan zu, andere akzeptieren ihn zumindest. Am Sonntag trat er in Istanbul vor mehr als einer Million Menschen auf, neben sich die Chefs von zwei Oppositionsparteien. Selbst Fischkutter und Hochzeitsschiffe brachten die Teilnehmer zu dem Gelände, singend zogen die Menschen mit ihren Flaggen Richtung Bühne, eine nie dagewesene Masse. Zum ersten Mal seit Jahren trafen sich Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern, sangen gemeinsam die Nationalhymne und standen dabei stramm wie Soldaten; schwiegen, als die Namen der Getöteten verlesen wurden, und freuten sich gemeinsam über die neue Einigkeit, den nationalen Frieden. Jubel, als Erdogan über die Todesstrafe sprach. "Wir wollen Hinrichtungen", riefen einige.

Einer fehlte: Selahattin Demirtas von der pro-kurdischen HDP. Auch die Kurden haben den Putsch verurteilt, aber von der Party sind sie ausgeschlossen. Erdogan weiß, dass nationalistische Wähler das erwarten. Und die sind mehr, also wichtiger.

Es sind seine Machtspiele, so kann man es sehen. Man könnte sich aber auch freuen, dass die Türken zusammenstehen nach jahrelanger Zerrissenheit. Westlicher Blick, türkischer Blick. Ein Kolumnist fragte neulich: Wer kennt die Türkei besser – westliche Journalisten oder wir Türken?

Der Bezirksvorsteher von Çengelköy kommt auf Krücken zum Gespräch, er setzt sich auf eine Bank an der Straße, um ihn teetrinkende Männer. Can Cumurcu ist ein gläubiger Mann, aber kein besonders frommer, so ist auch das Viertel Çengelköy: mit stabilen Mehrheiten für Erdogans AKP, aber nicht allzu konservativ.

Ortsvorsteher Can Cumurcu (M.) verlor fast sein Bein durch eine Kugel

Ortsvorsteher Can Cumurcu (M.) verlor fast sein Bein durch eine Kugel


Cumurcu erzählt von den Soldaten, die in die Restaurants eindrangen, Geiseln nahmen, auf Zivilisten zielten. Cumurcu hörte die Kugeln über sich hinwegfliegen. Dann spürte er, wie eine Kugel seinen Oberschenkel durchschlug, er ging zu Boden, Jugendliche trugen ihn weg. 18 Tote, allein in Çengelköy.

So beginnt das Gespräch, dann ändert es sich. Die Fragen stellen jetzt die Männer um Cumurcu, sie heben nacheinander den Finger, und von dem Moment an sind sie die Türken, und der Reporter ist der Deutsche.

Erdogan tut alles, dass der Hass nicht vergeht

Die Türken fragen den Deutschen, warum dem Westen der Erfolg der Türkei missfalle. Sie hätten gehört, dass die Deutschen den dritten Flughafen, das neue Drehkreuz für Turkish Airlines in Istanbul, verhindern wollten, aus Sorge um die Lufthansa. Ein anderer fragt, warum die USA vor dem letzten IS-Anschlag in Istanbul ihre Bürger warnten, einen Hinweis auf die Website der Botschaft setzten – aber die Türken nicht informierten.

Die CIA wisse Bescheid über alles in der Türkei, glaubt Bezirksvorsteher Can Cumurcu, daraus folgert die Runde am Tisch, sie habe auch von dem geplanten Putsch gewusst, sagte aber nichts. Warum? Menschen sperren sich ein in ihrer Weltsicht, sie lassen niemanden mehr hinein. Erdogan tut alles, dass der Hass nicht vergeht.

Kurden und Liberale leiden, es ist, als gehörten sie nicht mehr dazu. Für die Party braucht es Feindbilder, und es gibt mehrere. Die Freunde des Predigers Fethullah Gülen – in der Türkei bezweifelt kaum jemand, dass sie hinter dem Putsch stecken. Dazu kommt die Wut auf den Westen.

Erdogan unterstellt Deutschland, die kurdische PKK zu unterstützen. Und den USA, sie seien in den Putsch verwickelt. Die Türkei scheint wegzudriften. In Tagen geht kaputt, was über Jahrzehnte gewachsen ist.

Für die Menschen in Çengelköy ist Erdogan wie ein Stichwortgeber. Er denkt für sie. "Warum ist noch kein einziger EU-Politiker zu uns gekommen nach dem Putsch?", fragt Can Cumurcu. Sind nicht Staats- und Regierungschefs aus aller Welt nach Paris gereist, damals nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo"?

Eine berechtigte Frage, eigentlich. Warum kamen EU-Politiker ständig, als es um den Flüchtlingsdeal ging, warum nicht jetzt? Diese Frage hatte Erdogan in einem Interview gestellt. Cumurcu hat sie von ihm.

Erdogan weiß, dass die Leute sich herabgesetzt fühlen vom Westen, sie möchten bewundert werden für ihren Aufstand gegen den Putsch. Sie sind verletzt, empfänglich für Verschwörungstheorien. Empfänglich für alles, was Erdogan sagt.

Sie glauben ihm, wenn er die Europäer angreift, und wenn er die Gülen-Anhänger für alles Schlechte verantwortlich macht. Sie glauben ihm, dass die Kasernen aus den Städten verschwinden müssen, auch die Militärakademie in Çengelköy.

Die Menschen sagen, dass der Putsch ihnen das Vertrauen in die Armee genommen hat. Zur parlamentarischen Demokratie haben sie kein Vertrauen, zu den Parteien auch nicht, bleibt der eine, der über allem schwebt: der Präsident. Wenn die Armee Macht verliert, wächst seine.

Besuch am Grab eines Helden

Die Anwältin Burcu Onuk war den Militärschülern im Gefängnis bald eher eine große Schwester. "Warum weinst du denn?" , fragte ein Junge. Onuk weinte, weil der Haftrichter die Schüler im Gefängnis beließ. Sie sagte: "Weil ich euch vielleicht bald nicht mehr sehe und ich euch so mag." – "Warum dürfen wir nicht nach Hause?" , fragte ein Junge. "Was passiert mit uns?" Onuk lächelte ihn an, dann log sie: "Weil es da draußen noch gefährlich ist, weißt du."

Zwei Wochen dauerte es, bis die Schüler nach Hause durften. Der Staatsanwalt kann dagegen in Berufung gehen, noch ist es nicht vorbei. Einer der Jungen sagte Onuk, er wolle nicht mehr in die Armee, er habe jetzt andere Pläne. Jura würde ihn interessieren.

Am frühen Abend steht ein Mann auf dem Friedhof von Çengelköy, er heißt Ömer Güven, ein Englischlehrer. Er lebt auf der anderen Seite von Istanbul, mit der Metro und dem Bus hat er anderthalb Stunden hierher gebraucht. Er kennt den Mann nicht, an dessen Grab er steht, hat nur auf Twitter von ihm gelesen. Jetzt ist er zum zweiten Mal gekommen, weil er den Mann bewundert, weil er an dessen Grab spüren will, warum er bereit war zu sterben.

Ömer Güven kann mit den Jubelveranstaltungen in der Stadt wenig anfangen. Er trauert still um die getöteten Zivilisten

Ömer Güven kann mit den Jubelveranstaltungen in der Stadt wenig anfangen. Er trauert still um die getöteten Zivilisten


Der Mann, das hat er gelesen, war 1997 nach dem damaligen Putsch ins Gefängnis gekommen, mit 16, habe Jahre in der Haft verbracht. Dann baute er sich ein Unternehmen auf, bekam drei Kinder. Und als er hörte, dass wieder Soldaten die Macht übernehmen wollten, ließ er alles zurück und lief nach Çengelköy, zur Polizeistation, die unter Beschuss stand, und versuchte zu helfen. Ömer Güven hockt stundenlang vor dem Grab und denkt darüber nach.

"Das türkische Volk hat für alle Völker der Welt Geschichte geschrieben"

Er mag den Begriff "Held" nicht, aber dieser hier sei einer. Er meidet die Demokratie-Partys, sie sind ihm zu laut und zu aufdringlich, wichtig sei doch nur eine Botschaft, sagt Güven: "Das türkische Volk hat für alle Völker der Welt Geschichte geschrieben." In der Putschnacht hätten Fromme neben Frauen mit Tattoos gestanden, Kurden und türkische Nationalisten, alle nebeneinander, gegen eine Militärdiktatur.

Güven hat in Litauen studiert, er liebt Europa, und auch er fühlt sich verraten. Wie viele Vorurteile die Europäer hätten, und wie wenig sie davon wüssten, was es heißt, unter einem Militärregime zu leben; was es heißt, Soldaten mit Gewehr im Anschlag entgegenzulaufen, wie viel Mut dazugehört.

Die Verhaftungen, sagt Güven, "wen interessieren die, wir haben eine Diktatur verhindert."

Tausende Verschwörer könnten noch im Land sein, sagt Burcu Onuk, die Anwältin. "Der Staat muss prüfen, wen er lieber im Gefängnis lässt." Sie verstehe, dass die Justiz Zeit brauche. "Die Richter arbeiten rund um die Uhr, aber es sind so viele Fälle."

Onuk ist keine Erdogan-Wählerin, sie ist, kann man sagen, eine westliche Frau. Aber sie glaubt Erdogan, wenn er über die Gülenisten spricht, sie gibt ihm recht, wenn er die Europäer kritisiert. Sie redet dann wie die Männer beim Tee. "Der Westen will nicht, dass wir mächtig werden", sagt sie. "Die Türkei hat nur Feinde."

Noch immer würden die Türken für einen EU-Beitritt stimmen, sie wollen dazugehören, dieses Land strebt nach Westen, dort sieht es seinen Platz. Aber egal, was in der Türkei passiert, der Westen ist irgendwie mitschuldig. Erdogans Propaganda verfängt selbst bei jenen, die ihn nicht mögen, Menschen wie die Anwältin Onuk, die Schüler aus dem Gefängnis holen musste.

Die Türken stehen jetzt zusammen, als Demokraten. Fände jetzt eine Wahl statt, dann wäre sie frei, aber der Gewinner stünde schon fest.

Ömer Güven wiederholt immer wieder einen Satz, er sagt: "Wir lassen das nicht mehr geschehen, nie mehr." Als könne ein weiterer Putsch jederzeit passieren. Er wird immer wieder zu dem Friedhof kommen und das türkische Volk bewundern. Den Türken könne niemand etwas gegen ihren Willen befehlen, sagt er. "Darfst du das schreiben?", fragt er zum Abschied. "Schreib das!"

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