Seit Monaten tobt der Streit zwischen den Anhängern des frommen Ministerpräsidenten Erdogan und den Enkeln des Staatsgründers Atatürk. Ausgerechnet die Kopftuch-Verfechter setzen auf Europa, das aufgeklärte Bürgertum vertraut auf die Macht des Militärs. Von Stefanie Rosenkranz

Der türkische Premierminister Tayyip Erdogan will sich bei den Neuwahlen in der Türkei durchsetzen© Burak Kara/Getty Images
Die Menschen, die während eines Schweigemarschs "gegen den Terror" zu getragener Musik durch Istanbul laufen, sehen nicht so aus, wie sich Deutsche Türken gemeinhin vorstellen. Kopftücher: kaum. Schnurrbärte: dito. Gebetsketten, Häkelkäppis: null. Plastiktüten: wenige. Chanel-Handtaschen: viele. Polohemden von Ralph Lauren oder Abercrombie & Fitch: reichlich. Shorts: massenhaft. Ärmellose T-Shirts: ebenso. Fremdsprachenkenntnisse: beeindruckend. Wer nicht fließend Englisch spricht, kann perfekt Französisch oder Deutsch.
Man könnte meinen, man wäre bei einem Akademiker-Defilee gelandet. Und in gewisser Hinsicht ist man das auch. Organisiert wurde die Demonstration von der "Vereinigung für die Unterstützung modernen Lebens", einem Klub unter Führung der emeritierten Pharmakologieprofessorin Filiz Meriçli. Ihre Gesinnungsgenossen sind fast ausnahmslos sogenannte Weißtürken - Hochschuldozenten, Lehrer oder Richter, ausgebildet an den besten Schulen und Universitäten des Landes, belesen, weit gereist. Auch wenn sie sunnitische Muslime sind, betreten sie Moscheen nur zu Beerdigungen oder aus kunstgeschichtlichen Gründen. An hohen islamischen Feiertagen reisen sie in die Schweiz zum Skilaufen oder nach Bodrum zum Schwimmen.
Sie wirken wie weltoffene Menschen - wenn da nicht die Tatsache wäre, dass sie sich auf Wunsch der Streitkräfte versammelt haben. "Einmarsch im Irak: jetzt", und: "Nein zum Imperialismus der EU, nein zum Imperialismus der USA", steht auf ihren Spruchbändern. Und: "Armee und Nation schreiten Hand in Hand."
Die Schluss rede hält der Künstler Bedri Baykam, edel das Profil, beeindruckend die Löwenmähne, tadellos der Maßanzug. Er war einst Wunderknabe der bildenden Künste am Bosporus, heute dient er dem Establishment als eine Art Hofnarr. Der Mann, der lange in Kalifornien gelebt hat, schon mal ein Kleenex mit seinem Ejakulat ausstellte und Pornos mit der gleichen Passion liebt, mit der er Kopftücher hasst, nennt die Türkei "die beste Gesellschaft der Welt", indes "bedroht von einer Verschwörung der Imperialisten, die uns zum Bruderkrieg zwingen". "Die angebliche Demokratie der EU stinkt nach Mittelalter!", donnert er hinein in tosenden Applaus. Die Europäer versuchten, "das Land zu spalten", mithilfe von einigen "elenden Intellektuellen", die "uns Türken provozieren und dafür Friedenspreise erhalten". Gemeint ist natürlich der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Dann zitiert Baykam den Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk, nach dem sich seine Anhänger Kemalisten nennen. "Friede in der Heimat, Friede in der Welt", habe der einst gesagt, "das gilt noch immer, aber keiner soll es wagen, unsere Geduld zu strapazieren."
Als die Menge sich verläuft, ruft ekstatisch eine Dame, Dior-Sonnenbrille auf der Nase und türkische Fahne in der Hand: "Wir sind laizistisch! Wir sind demokratisch! Wir werden Mustafa Kemal folgen bis ans Ende der Welt, bis ans Ende der Zeit!" Auf den Einwand hin, der Mann sei seit 69 Jahren tot, sagt sie: "Er ist nicht tot! Seine Lehren sind für immer gültig! Glücklich ist der, der sich Türke nennt - das war sein Grundsatz, und wer das nicht unterschreiben will, ist unser Feind!" So wird derzeit das "moderne Leben" in der Türkei verteidigt.
Am 22. Juli wählen die Türken ein neues Parlament, und seit Monaten tobt ein erbitterter Kampf "um die Seele des Landes", wie der britische "Economist" titelte. Auf der einen Seite steht die gemäßigt islamische Regierung unter Recep Tayyip Erdogan. Auf der anderen toben die säkularen Kemalisten, eine Koalition aus Bürokraten, nationalistischen Parteien und den Militärs. Sie begreifen sich als Gralshüter der Lehren des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, aber nicht der Demokratie, und bestimmen seit über 80 Jahren, wo es langgeht in der Türkei - egal, wer unter ihnen Ministerpräsident ist. Die Armee, die viermal in ebenso vielen Jahrzehnten putschte, mischt unter der Ägide ihres Generalstabschefs Yaşar Büyükanit an vorderster Front mit.
Seit der 66-jährige Vier-Sterne-General vor einem Jahr an die Spitze des zweitgrößten Natoheeres befördert wurde, vergeht kaum eine Woche, in der er sein Volk nicht vor den finsteren Plänen heimtückischer Kräfte warnt. Der EU unterstellt er "geheime Pläne" zur Schwächung der Türkei, dem Bündnispartner USA wirft er vor, die separatistische kurdische Guerilla PKK im Nordirak gewähren zu lassen, wo er lieber heute als morgen einmarschieren möchte.
Und Erdogans "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" AKP attestiert er "religiösen Fundamentalismus". Als die Ende April Außenminister Abdullah Gül zum Staatspräsidenten wählen lassen wollte, warnten die Militärs via Internet, das würde die "Werte der Republik und vor allem des Laizismus" untergraben. Grund: Güls Gattin trägt Kopftuch, ebenso wie circa 55 Prozent aller Türkinnen. In diesem Stück Stoff erkennen der General und seine Mannen eine existenzielle Bedrohung für ihr Land - und für ihre Macht. Das willfährige Verfassungsgericht, bestehend "aus lauter Generälen ohne Uniform", so ein Kritiker, meldete vier Tage später Vollzug und annullierte die Präsidentschaftswahlen, worauf die AKP beschloss, stattdessen über ein neues Abgeordnetenhaus abstimmen zu lassen.
Seit dem "Cyberputsch" ist in der Türkei nichts mehr so, wie man es erwarten könnte. Wer nach EU-Befürwortern sucht, findet sie eher unter schnauzbärtigen Männern und verschleierten Frauen im tief frommen Istanbuler Stadtteil Fatih als bei den Besuchern von "Starbucks" im großbürgerlichen Viertel Nişantaşi, wo jeden Sonntagmorgen gebildete, teuer erblondete junge Frauen die pittoreskesten Verschwörungstheorien ventilieren. Die Türkei schwimme in Erdöl, heißt es dort etwa, doch die bösen Amerikaner hinderten das Land daran, es zu fördern. Sie und die Europäer seien im Begriff, eine Krankheit zu schaffen, die nur Türken dahinrafft, weswegen sie ihnen laufend - und heimlich - Blut abzapften. Und ob man schon wüsste, dass Erdo˘gan eigentlich Jude sei, ebenso wie Gül? Gebetsmühlenartig wird auch wiederholt, dass die AKP alle Türkinnen demnächst unters Kopftuch zwingen wolle.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2007