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21. Juli 2007, 10:40 Uhr

Kampf um die Seele der Türken

Seit Monaten tobt der Streit zwischen den Anhängern des frommen Ministerpräsidenten Erdogan und den Enkeln des Staatsgründers Atatürk. Ausgerechnet die Kopftuch-Verfechter setzen auf Europa, das aufgeklärte Bürgertum vertraut auf die Macht des Militärs. Von Stefanie Rosenkranz

Der türkische Premierminister Tayyip Erdogan will sich bei den Neuwahlen in der Türkei durchsetzen© Burak Kara/Getty Images

Die Menschen, die während eines Schweigemarschs "gegen den Terror" zu getragener Musik durch Istanbul laufen, sehen nicht so aus, wie sich Deutsche Türken gemeinhin vorstellen. Kopftücher: kaum. Schnurrbärte: dito. Gebetsketten, Häkelkäppis: null. Plastiktüten: wenige. Chanel-Handtaschen: viele. Polohemden von Ralph Lauren oder Abercrombie & Fitch: reichlich. Shorts: massenhaft. Ärmellose T-Shirts: ebenso. Fremdsprachenkenntnisse: beeindruckend. Wer nicht fließend Englisch spricht, kann perfekt Französisch oder Deutsch.

Man könnte meinen, man wäre bei einem Akademiker-Defilee gelandet. Und in gewisser Hinsicht ist man das auch. Organisiert wurde die Demonstration von der "Vereinigung für die Unterstützung modernen Lebens", einem Klub unter Führung der emeritierten Pharmakologieprofessorin Filiz Meriçli. Ihre Gesinnungsgenossen sind fast ausnahmslos sogenannte Weißtürken - Hochschuldozenten, Lehrer oder Richter, ausgebildet an den besten Schulen und Universitäten des Landes, belesen, weit gereist. Auch wenn sie sunnitische Muslime sind, betreten sie Moscheen nur zu Beerdigungen oder aus kunstgeschichtlichen Gründen. An hohen islamischen Feiertagen reisen sie in die Schweiz zum Skilaufen oder nach Bodrum zum Schwimmen.

"Armee und Nation schreiten Hand in Hand"

Sie wirken wie weltoffene Menschen - wenn da nicht die Tatsache wäre, dass sie sich auf Wunsch der Streitkräfte versammelt haben. "Einmarsch im Irak: jetzt", und: "Nein zum Imperialismus der EU, nein zum Imperialismus der USA", steht auf ihren Spruchbändern. Und: "Armee und Nation schreiten Hand in Hand."

Die Schluss rede hält der Künstler Bedri Baykam, edel das Profil, beeindruckend die Löwenmähne, tadellos der Maßanzug. Er war einst Wunderknabe der bildenden Künste am Bosporus, heute dient er dem Establishment als eine Art Hofnarr. Der Mann, der lange in Kalifornien gelebt hat, schon mal ein Kleenex mit seinem Ejakulat ausstellte und Pornos mit der gleichen Passion liebt, mit der er Kopftücher hasst, nennt die Türkei "die beste Gesellschaft der Welt", indes "bedroht von einer Verschwörung der Imperialisten, die uns zum Bruderkrieg zwingen". "Die angebliche Demokratie der EU stinkt nach Mittelalter!", donnert er hinein in tosenden Applaus. Die Europäer versuchten, "das Land zu spalten", mithilfe von einigen "elenden Intellektuellen", die "uns Türken provozieren und dafür Friedenspreise erhalten". Gemeint ist natürlich der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Dann zitiert Baykam den Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk, nach dem sich seine Anhänger Kemalisten nennen. "Friede in der Heimat, Friede in der Welt", habe der einst gesagt, "das gilt noch immer, aber keiner soll es wagen, unsere Geduld zu strapazieren."

Glücklich ist der, der sich Türke nennt

Als die Menge sich verläuft, ruft ekstatisch eine Dame, Dior-Sonnenbrille auf der Nase und türkische Fahne in der Hand: "Wir sind laizistisch! Wir sind demokratisch! Wir werden Mustafa Kemal folgen bis ans Ende der Welt, bis ans Ende der Zeit!" Auf den Einwand hin, der Mann sei seit 69 Jahren tot, sagt sie: "Er ist nicht tot! Seine Lehren sind für immer gültig! Glücklich ist der, der sich Türke nennt - das war sein Grundsatz, und wer das nicht unterschreiben will, ist unser Feind!" So wird derzeit das "moderne Leben" in der Türkei verteidigt.

Am 22. Juli wählen die Türken ein neues Parlament, und seit Monaten tobt ein erbitterter Kampf "um die Seele des Landes", wie der britische "Economist" titelte. Auf der einen Seite steht die gemäßigt islamische Regierung unter Recep Tayyip Erdogan. Auf der anderen toben die säkularen Kemalisten, eine Koalition aus Bürokraten, nationalistischen Parteien und den Militärs. Sie begreifen sich als Gralshüter der Lehren des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk, aber nicht der Demokratie, und bestimmen seit über 80 Jahren, wo es langgeht in der Türkei - egal, wer unter ihnen Ministerpräsident ist. Die Armee, die viermal in ebenso vielen Jahrzehnten putschte, mischt unter der Ägide ihres Generalstabschefs Yaşar Büyükanit an vorderster Front mit.

Finstere Pläne heimtückischer Kräfte

Seit der 66-jährige Vier-Sterne-General vor einem Jahr an die Spitze des zweitgrößten Natoheeres befördert wurde, vergeht kaum eine Woche, in der er sein Volk nicht vor den finsteren Plänen heimtückischer Kräfte warnt. Der EU unterstellt er "geheime Pläne" zur Schwächung der Türkei, dem Bündnispartner USA wirft er vor, die separatistische kurdische Guerilla PKK im Nordirak gewähren zu lassen, wo er lieber heute als morgen einmarschieren möchte.

Und Erdogans "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" AKP attestiert er "religiösen Fundamentalismus". Als die Ende April Außenminister Abdullah Gül zum Staatspräsidenten wählen lassen wollte, warnten die Militärs via Internet, das würde die "Werte der Republik und vor allem des Laizismus" untergraben. Grund: Güls Gattin trägt Kopftuch, ebenso wie circa 55 Prozent aller Türkinnen. In diesem Stück Stoff erkennen der General und seine Mannen eine existenzielle Bedrohung für ihr Land - und für ihre Macht. Das willfährige Verfassungsgericht, bestehend "aus lauter Generälen ohne Uniform", so ein Kritiker, meldete vier Tage später Vollzug und annullierte die Präsidentschaftswahlen, worauf die AKP beschloss, stattdessen über ein neues Abgeordnetenhaus abstimmen zu lassen.

Junge Frauen ventilieren die pittoreskesten Verschwörungstheorien

Seit dem "Cyberputsch" ist in der Türkei nichts mehr so, wie man es erwarten könnte. Wer nach EU-Befürwortern sucht, findet sie eher unter schnauzbärtigen Männern und verschleierten Frauen im tief frommen Istanbuler Stadtteil Fatih als bei den Besuchern von "Starbucks" im großbürgerlichen Viertel Nişantaşi, wo jeden Sonntagmorgen gebildete, teuer erblondete junge Frauen die pittoreskesten Verschwörungstheorien ventilieren. Die Türkei schwimme in Erdöl, heißt es dort etwa, doch die bösen Amerikaner hinderten das Land daran, es zu fördern. Sie und die Europäer seien im Begriff, eine Krankheit zu schaffen, die nur Türken dahinrafft, weswegen sie ihnen laufend - und heimlich - Blut abzapften. Und ob man schon wüsste, dass Erdo˘gan eigentlich Jude sei, ebenso wie Gül? Gebetsmühlenartig wird auch wiederholt, dass die AKP alle Türkinnen demnächst unters Kopftuch zwingen wolle.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 29/2007

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
Cookie00 (23.07.2007, 09:03 Uhr)
Europaer sind blind
Anstatt die wirklich westlich orientierten nicht religiösen Sparten einer Nation zu unterstützen, werden sie hier als totale Irre, die unter Paranoia leiden, dargestellt. Es ist unglaublich, wir blind die Deutschen und Europa gegenüber dem Islam sind.Die islamische Bewegung ist eine sehr gefährliche Bewegung und Erdogan versucht, im Gegensatz zu anderen islamischen Politikern, den Westen, mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Glaubt aber bloß nicht, dass es spurlos an Europa vorbei gehen wird. Es ist ein ganz gefährlicher Weg, den die Türkei eingeschlagen hat und man sollte bloß nicht denken, dass Erdogan, Gül oder sonst irgend jemand die Katze aus dem Sack gelassen hat. Leider ist die Berichterstattung in den westlichen Medien wieder mal ziemlich manipulativ unterwegs - wenn man doch bloß alles bekannt machen würde, was Erdogan schon von sich gegeben hat, würden vielleicht auch Deutschen erkennen, wie gefährlich dieser Mann ist. Man sollte meinen, dass die Geschichte, die Menschen gelehrt hat, vorsichter zu sein... schon ganz andere sind durch Massen an die Macht gekommen...
Countryjoe (23.07.2007, 06:39 Uhr)
Europa
Bei der seltsamen Art von blinder Toleranz die hier gegenüber ausländischen Fanatikern herrscht ist es kein Wunder, daß die Islamisten auf Europa setzen.
Europa täte gut daran, die laezistischen Kräfte in der Türkei zu unterstützen, anstatt die islamistische Kolonisation zu fördern.
Clibanarius (22.07.2007, 22:04 Uhr)
@Der Jurist
Zustimmung. Das Problem ist jedoch die AKP und Erdogan, die einen Ausverkauf der Türkei betreiben und um jeden Preis in die EU wollen. Vor allem Erdogan scheint es als ein ganz persönliches Ziel zu nehmen, in die Geschichtsbücher als der Premier reinzugehen, als erster das Europa-Tor überschritten zu haben. Dieser Mann betrügt das Wahlvolk in einem vergleichbaren Ausmass wie seinerzeit Kohl ("Blühende Landschaften"). Der vorgebliche Wirtschaftsaufschwung, der sich eh nur auf den Westen und die Ballungsräume konzentriert, ist extrem teuer erkauft mit einer Verdopplung der Auslandsverschuldung von 70 Mrd. Dollar im Jahre 1998 auf rund 140 Mrd. im Jahre 2005 und aktuell auf ca. 150 Mrd. Dollar. Wer zahlt diese Zeche und vor allem: Wann platzt die Seifenblase vom türkischen Aufschwung?
gruni36 (22.07.2007, 21:08 Uhr)
naja
momentan wollen doch eher die meisten rein weil sie sich Vorteile versprechen und die europäer wollen sie nicht reinlassen
DerJurist (22.07.2007, 13:02 Uhr)
Stolz wie ein Türke...
Nun, das Groß der Türken möchte gar nicht in die EU ! Warum sollten sie denn auch ? Durch die Zollunion kann uneingeschränkt Handel mit der EU getrieben werden. Durch die Nichtmitgliedschaft zur politischen EU können jederzeit sehr flexibel Abkommen mit China, Indien Russland etc. getroffen werden welche der Türkei Vorteile verschaffen ohne auf die "Wehwehchen" solcher Staaten wie Polen, Portugal, Bulgarien etc Rücksichtnehmen zu müssen, die ja alle bekanntlich ein Veto Recht haben und dieses auch als Schwert zu nutzen wissen.
Nein liebe Leser, ich sage Ihnen, die Türkei möchte nicht in die EU und die Freiheiten abgewogen mit etwas Stimmrecht in der EU und etwas Strukturbeihilfe der EU überwiegen deutlich. Der türkische Kapitalist und das Establishment sind sich einig:
Sollen sich doch die Europäer mit Quälgeistern herumstreiten die für ein Stückchen mehr Macht, Geld oder Einfluss bereit sind den "glorreichen" europäischen Gedanken zu riskieren...
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