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Obamas Sieg ist nicht Romneys Niederlage

And the winner is … Barack Obama. Beim Thema Außenpolitik konnte dem US-Präsidenten Widersacher Mitt Romney nie das Wasser reichen. Eine Vorentscheidung für die Wahl ist das jedoch nicht.

Von Martin Knobbe und Giuseppe Di Grazia, New York

Barack Obama war abergläubisch. Er hielt sich bei der letzten Debatte in Boca Raton, Florida, an die gleiche Vorbereitung wie beim Duell vor einer Woche auf Long Island, die er souverän gewonnen hatte. Nachdem er kurz die Halle besucht hatte, in der die Redeschlacht später stattfinden würde, ging er in sein Zimmer des "Embassy"-Hotels und verbrachte den Nachmittag mit Marty Nesbitt und Mike Ramos, zwei seiner besten Freunde, mit denen er am liebsten über Sport fachsimpelt. Zum Abendessen ließ er sich und seiner Frau Michelle wieder Steak mit Kartoffeln servieren. Als er später zurück in die Halle schlenderte, war er in der gleichen Stimmung wie vergangenen Dienstag: hellwach, angriffslustig und schlagfertig.

Präsident Barack Obama gewann gegen seinen republikanischen Herausforderer Mitt Romney auch diese Debatte. Eine erste Umfrage auf CNN fiel mit 48 zu 40 Punkten zu seinen Gunsten aus. Seine Wiederwahl in zwei Wochen ist damit aber nicht gesichert. Dafür war der Sieg an diesem Abend nicht groß genug. Romney zeigte Schwächen, machte aber nicht allzu viele Fehler.

Außenpolitik ist Obamas Festung

Es sollte in diesen eineinhalb Stunden eigentlich nur um Außenpolitik gehen, aber dann stritten sich Obama und Romney doch auch lange um die alten Themen: die Wirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit. Vor allem Romney drängte immer wieder in diese Richtung. Manchmal nahm es schon fast manische Züge an, wenn er seinen Fünf-Punkte-Plan herunterbetete, obwohl ihn niemand danach gefragt hatte. Sein Motto schien an diesem Abend zu lauten: über alles reden, bloß nicht über Außenpolitik.

Amerikaner interessieren sich tatsächlich nicht sonderlich für Außenpolitik, zumindest nicht in diesem Wahljahr. Für sie ist die Frage entscheidend, wie sicher ihr Job und wie teuer das Benzin ist. Weil der Wahlkampf aber gerade spannend ist wie nie, schauten doch wieder viele zu, um zu sehen, wer sich als besserer Repräsentant Amerikas und Verteidiger seiner Werte in der Welt zeigen würde.

Die Außenpolitik gilt seit längerem als Festung für Obama, als eine, die der außenpolitisch unerfahrene Romney nicht einnehmen kann. Obama hat Amerikas Staatsfeind Nummer Eins, Osama bin Laden, zur Strecke gebracht, die meisten Führer von al Kaida durch Drohnenattacken töten lassen, den Krieg im Irak beendet und den Abzug aus Afghanistan eingeleitet. Die Festung hielt auch an diesem Abend. Romney musste den Präsidenten für dessen Kampf gegen al Kaida loben, vor allem für den Tod bin Ladens: "Herr Präsident, ich beglückwünsche Sie dazu."

Romney überrascht mit liberalen Positionen

Romney, sich des wenigen Spielraums bewusst, versuchte, Obama zu überraschen: Er griff ihn von links an. Über die Notwendigkeit, Frieden zu schaffen, sprach er plötzlich, über die Bedeutung, die Wurzeln des islamischen Radikalismus zu bekämpfen, mit Entwicklungshilfe und Bildung. "Es reicht nicht, wenn wir uns aus dem ganzen nur freischießen", kritisierte er Obamas Strategie, vor allem mit Drohnen und Spezialkommandos sich der Terroristen zu entledigen. Ein Argument, das wohl keiner aus dem Munde eines Konservativen erwartet hätte.

Mit einem plötzlichen Richtungswechsel hatte Romney Obama schon in der ersten Debatte überrascht, als er plötzlich moderate, manchmal liberale Positionen verrat. Damals war der Präsident tatsächlich sprachlos. Diesmal aber war er gewappnet. "Was der Gouverneur hier erzählt, ist einfach nicht wahr", sagte Obama mehrmals und warf seinem Kontrahenten, vor, ständig die Meinung zu wechseln. Romney sagte nur, mit Angriffen gegen ihn werde man die Probleme des Landes nicht lösen. Dann aber blieb er farblos. Er hatte einfach zu wenig zu sagen.

Obama greift an, Romney stimmt zu

So war die Leitlinie für diesen Abend bald gesetzt: Obama griff an, Romney stimmte zu.

So nah wie bei keiner Debatte zuvor waren sich diesmal die Kandidaten. Sie saßen mit dem Moderator an einem mächtigen Schreibtisch und waren fast gezwungen, sich ständig in die Augen zu blicken. Diesmal aber war es nicht Obama, sondern Romney, der oft nach unten blickte, wenn er sich fieberhaft Notizen machte. Obamas Blick war fast ohne Unterbrechung aufmerksam. Er sah aus wie ein Leopard, der seine Beute nicht aus den Augen lässt.

Doch die Nähe war nicht nur räumlich. Romney konnte selten genau sagen, was er außenpolitisch anders machen würde als der Präsident. Lediglich beim Thema Iran warf er Obama vor, zu nachgiebig zu sein. Die nukleare Bedrohung durch Iran sei die größte militärische Bedrohung für Amerika.

Romney schwitzt, ist fahrig und nervös

Romney gelang es nach 37 Minuten, das Gespräch erstmals auf die Wirtschaft zu lenken, ein Thema, in dem er sich deutlich wohler fühlt. Ausgerechnet dort aber holte er sich den heftigsten Konter des Abends ab. Als er Obama vorwarf, er wolle die Ausgaben für das Militär kürzen und ihm vorwarf, die US-Navy habe heute schon weniger Schiffe als 1916, holte der Präsident genüsslich zum Gegenschlag aus: "Wir haben heute auch weniger Pferde und Bajonette. Das Militär hat sich verändert, wir haben heute Flugzeugträger, auf denen Flugzeuge landen und wir haben diese Boote, die unter Wasser tauchen, die nennen wir nukleare U-Boote." Romney war sichtlich getroffen und sprachlos. Obama sah so aus, als hätte er sich dafür am liebsten selbst Beifall geklatscht.

Mitunter hat man bei Obama das Gefühl, dass er keine Lust hat, seine Politik zu erklären. An diesem Abend war das Gegenteil der Fall. Auf Romneys Gesicht waren in diesen Momenten Schweißperlen zu sehen, bei Obama keine. Er fühlte sich wohler von Minute zu Minute. Romney wirkte nervös und verwechselte einige Namen. Seine Souveränität aus der ersten Debatte hat er nicht wiedererlangt.

Barack Obama ist nach Punkten der Sieger des Debattenmarathons, er hat zwei von drei Duellen gewonnen. Sein Problem aber könnte sein: das entscheidende, nämlich das erste, hat er verloren. Es war das, das Mitt Romney nach einem Umfragetief nach oben spülte. Seitdem liefern sich die Kandidaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Daran hat auch die letzte Debatte nichts geändert.

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Von:

Giuseppe Di Grazia und Martin Knobbe