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Naama und die Radikalen

Die kleine Naama war auf dem Schulweg, als ultraorthodoxe Juden sie eine Hure nannten und bespuckten. An dem Fall entzündet sich nun in Israel ein Streit über die religiösen Extremisten.

Von Manuela Pfohl

  Zehntausende Menschen demonstrierten in Beit Shemesh für Frauenrechte und ein kleines Mädchen, das von Ultraorthodoxen bespuckt wurde

Zehntausende Menschen demonstrierten in Beit Shemesh für Frauenrechte und ein kleines Mädchen, das von Ultraorthodoxen bespuckt wurde

  • Manuela Pfohl

Auch Ina Zeligman protestiert. Gegen die Ultraorthodoxen, gegen ihre zunehmende Radikalität, gegen eine extrem-religiöse Gesellschaft. 1991 ist die Jüdin aus der Ukraine nach Israel eingewandert, weil sie dem wachsenden Antisemitismus in der Heimat entgehen wollte. Und nun werden Frauen und Mädchen in ihrer Nachbarschaft bedroht, weil Männer ihnen das Recht absprechen, ihre Wege zu kreuzen. "Es ist unerträglich, mit ansehen zu müssen, wie Frauen in einem Land, wie diesem verfolgt werden", sagte sie einem Reporter der israelischen Tageszeitung "Haaretz". Und deshalb ist die 75-Jährige auf die Straße gegangen und hat mit selbstgemalten Schildern in dieser Woche gegen die Radikalen demonstriert.

Mehr als 10.000 Demonstranten waren in die westlich von Jerusalem gelegene Stadt gekommen, um ihrem Ärger über den wachsenden Einfluss extremistischer ultraorthodoxer Juden in der Gesellschaft Luft zu machen - und um ihr Mitgefühl für eine Achtjährige mit blondem Pferdeschwanz, blauen Augen und einer viel zu großen altmodischen Brille zu zeigen. Denn Naama Morgolese, Tochter jüdischer Einwanderer aus Chicago ist der Auslöser für eine der bemerkenswertesten Auseinandersetzung innerhalb der israelischen Gesellschaft.

Im ganzen Land kennt man Naama Morgolese, seit auf "Channel 2" ein Bericht über sie und ihre Mutter lief. In dem Beitrag erzählt das Mädchen mit ängstlicher Stimme, dass sie regelmäßig Bauchweh bekomme, wenn sie zur Schule müsse. Der Grund: Auf dem Weg in ihre moderne orthodoxe Mädchenschule wird sie, wie die anderen Kinder auch, seit einigen Monaten von einer Gruppe ultraorthodoxer jüdischer Extremisten bedroht, bespuckt und beschimpft. Die religiösen Hardliner fühlen sich durch den Anblick der Mädchen belästigt und fordern die Schließung der Schule Orat Barnot, weil die Mädchen, wie ihre Mütter auch, im öffentlichen Raum nichts zu suchen hätten. Eier flogen gegen die Kinder, faule Tomaten und sogar eine Stinkbombe hatten die Extremisten im Herbst in ein Klassenzimmer geworfen. Sie sei eine Hure, riefen die Männer erst kürzlich wieder, als sie mit langen Bärten, schwarzen Hüten und in langen schwarzen Mänteln auf der Straße standen und versuchten, die Zweitklässlerin mit ihrer Mutter am Weitergehen zu hindern.

  Löste in Israel eine große Debatte über jüdische Fanatiker aus: die achtjährige Naama Morgolese

Löste in Israel eine große Debatte über jüdische Fanatiker aus: die achtjährige Naama Morgolese

Als Naama im Fernsehbeitrag zu weinen beginnt, zündet der Funke der Solidarität. Andere Medien greifen den Fall auf. Die führende Tageszeitung "Yediot Ahronot" fragt am Sonntag auf ihrer Titelseite: "Wer hat Angst vor einer achtjährigen Schülerin". Journalisten kommen in die rund 100.000 Einwohner zählende Stadt, um zu recherchieren. Am Montag wird ein Kamerateam angegriffen, fast 200 Extremisten randalieren, um ihr "Hoheitsgebiet" zu verteidigen, die Polizei muss mit Elektroschockern eingreifen und wird von den Extremisten als "Nazis" beschimpft. Es gibt einige Verhaftungen. Binnen Stunden erhalten die Eltern der Schülerinnen auf ihrer Facebookseite "Wir sind alle Orot Banot" unzählige Postings, in denen ihnen Beistand zugesichert wird. Eine Demo für den kommenden Tag wird geplant - doch niemand ahnt, dass am Ende wirklich so viele Menschen kommen werden und Oppositionsführerin Zipi Livni von der Kadima-Partei öffentlich erklärt, es ginge nicht allein um Beit Shemesh, sondern darum, dass die moderate zionistische Mehrheit des Landes entscheiden müsse, welches Bild von Israel der Welt gezeigt würde.

Tatsächlich sind die Angriffe der ultraorthodoxen Extremisten von Beit Shemesh kein lokales Problem. Seit ein paar Jahren nimmt der Einfluss der Strengreligiösen in der israelischen Gesellschaft zu, und mit ihm die radikalen Forderungen nach mehr "Gottgefälligkeit". Längst sind die mittelalterlichen Lebens- und Wertevorstellungen nicht mehr auf das ultraorthodoxe Viertel Mea Shearim in Jerusalem begrenzt. Tanya Rosenblit bekam das kürzlich zu spüren, als sie sich arglos neben einen Mann in einen Überlandbus setzte. Sie solle sich gefälligst nach hinten scheren, blaffte ein Ultraorthodoxer die Studentin an. Andere wollen gar getrennte Busse für Männer und Frauen, Fußwege, deren Benutzung nur Gleichgeschlechtlichen erlaubt ist, Synagogen, in denen sich keine Frauen mehr aufhalten dürfen. Kleidungsvorschriften, die knöchellange weite Röcke fordern und die Bestrafungen für Frauen vorsehen, die nicht mit einem züchtigen Kopftuch auf die Straße gehen, gehören ebenso dazu, wie die Überzeugung, dass ein ehrbarer Mann sein Leben der heiligen Tora widmen und nicht mit Arbeit verschwenden soll. Der geistige Führer der mitregierenden Shaspartei, Rabbi Ovadia Yosef, habe, laut "Haaretz", in dieser Woche empfohlen, dass jüdische Ärzte keine Nichtjuden mehr behandeln.

Obwohl sie nur rund zehn Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, wächst die Macht der Ultraorthodoxen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Regierung die Extremisten mit Samthandschuhen anfasse, glauben viele Israelis. Seit Jahren gelten die Ultraorthodoxen der Politik als Mehrheitenbeschaffer. Teile der Orthodoxie sind zuverlässige Unterstützer der illegalen Siedlungspolitik und in der Auseinandersetzung mit den palästinensischen Nachbarn. Rabbi Dov Lior ist so einer. Der Ultraorthodoxe nennt Soldaten, die ihren Posten in den illegalen Siedlungen räumen, Nazis, die auch wie solche behandelt werden sollten. Im Frühjahr 2010 geriet er in die Schlagzeilen, weil er einer der beiden Rabbiner war, die öffentlich ein Buch namens "Torat Ha’Melech" guthießen, das auf 230 Seiten eine Art von Anleitung für jeden gab, "der die Frage erwägt, ob und wann es aus religiöser Sicht erlaubt ist, einem Nichtjuden das Leben zu nehmen". Denn aus Sicht des Autors sind "Nichtjuden von Natur aus unbarmherzig (mitleidslos)" und sollten getötet werden, um "ihre bösen Neigungen zu zügeln". Regierungschef Benjamin Netanjahu vermied dennoch jede Kritik an Lior und zählte ihn statt dessen Anfang des Jahres zur "führenden Elite des jüdischen Volkes."

Keine offizielle Anerkennung für Reformen

Dass Netanjahu nach den jüngsten Ausschreitungen gegen die Mädchenschule von Beit Shemesh versicherte, er sei gegen die Taten der Extremisten, mag ihm in der Stadt kaum jemand abnehmen. Tzion Sultan, einer der Aktivisten für die Mädchenschule erklärt den Reportern, die am Dienstag für "Haaretz" vor Ort waren, auch warum: In Zusammenarbeit zwischen dem Bürgermeister von Beit Shemesh, dem ultraorthodoxen Minister für Bau- und Wohnungswesen und dem Premierminister sei beschlossen worden, demnächst in der Stadt 30.000 Wohnungen zu bauen. Davon seien allerdings nur 2000 für säkulare oder moderat orthodoxe Menschen geplant. Das Ziel sei klar. Die Extremisten bekämen im Ort immer mehr Terrain und die Demokraten immer weniger Chancen.

Selbst einigen orthodoxen Gruppen ist diese Entwicklung nicht ganz geheuer, machte Aryeh Goldhaber, Vertreter der "Tov"-Bewegung, deutlich, die als gemäßigte Orthodoxe in Beit Shemesh Stadträte stellt. Der Schrecken, den die Extremisten verbreiten, müsse endlich aufhören, forderte er bei dere Demo und nannte die Hardliner eine "Gruppe von Verrückten". Um die Gesellschaft der Ultraorthodoxen zu reformieren, bemüht sich "Tov" verstärkt um Bildung. In einer Jeshiva, in der junge Orthodoxe lernen, Arbeit und das Torastudium miteinander zu verbinden, und in der Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden, soll für mehr gesellschaftliche Balance in der Stadt gesorgt werden. Doch statt ihn zu unterstützen, habe das Bildungsministerium es abgelehnt, die Schule offiziell anzuerkennen. Dass die Massenproteste vom Dienstag etwas in der Politik verändern, sei nicht nur eine Hoffnung, sondern zwingend notwendig, wenn man keine Zukunft wolle, die "so schwarz ist wie die Motive der Männer, die ihre Nachmittage damit verbringen Schülerinnen anzuschreien", warnt Goldhaber.

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