"Grüne Olympische Spiele" in Peking sind kaum mehr als Propaganda. Chinas Umwelt wird weiterhin verpestet. Nun steuert die Führung behutsam um - denn zu viel Dreck gefährdet ihre Macht. Von Astrid Maier, Peking/Hangzhou

Smog über Peking: China will die Menge der Abgase durch neue Emissionsstandards reduzieren© Adrian Bradshaw/EPA/DPA
Die Berge am Horizont sind schon lange vor den Pekingern da gewesen. Und doch ist es ein Grund für große propagandistische Freude, wenn man die Silhouette, wie an diesem Junitag, vom Stadtzentrum aus sehen kann: "Vor neun Jahren noch hatten wir 100 Tage im Jahr mit blauem Himmel. 2007 waren es bereits 246", sagt Sun Weide, Sprecher des Olympischen Organisationskomitees. Und wenn es so weitergeht, wird es in diesem Jahr noch blauer da oben. Zumindest für das Empfinden der Chinesen. Europäer sehen den Himmel mit anderen Augen. "Es kommt darauf an, was man unter Blau versteht", lästert ein deutscher Manager, der seit sieben Jahren in Peking lebt. "Die Lebensqualität hat sich nicht verbessert."
Noch 41 Tage bis zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Nicht zuletzt mit dem Versprechen "Grüner Spiele" hat Peking den Zuschlag für das Sportereignis ergattert. Und in der Tat, die Spiele werden an vielen Stellen so umweltfreundlich sein, wie man sich das wünschen mag. Doch alles ist nur eine große, grün angestrichene Fassade. Olympia wird kaum etwas verändern, China wird im Dreck weiterleben - bis dieser zu einer Gefahr für die Machthaber wird.
Mit "grünen Hügeln, klarem Wasser, Grasflächen und blauem Himmel" möchten die Machthaber die Gäste begrüßen. "Die Regierung hat über 200 Maßnahmen getroffen", spult Sun Weide seine Botschaften ab. "Wir haben 100 Fabriken geschlossen, seit Mai gelten für Autos Emissionsstandards wie in Deutschland, wir haben die Abgase um 30 Prozent reduziert, die Grünflächen in Peking um mehr als 51 Prozent vergrößert. Es gibt kein Problem. Wer nach Peking kommt, wird es mit eigenen Augen sehen können."
Vermutlich wird Sun sogar recht behalten. Die Stadt setzt alles daran, zum Start der Spiele ihr grünes Gesicht zu zeigen. Allein für Vorzeigeprojekte wie das Schwimmstadion, bei dem verbrauchtes Wasser wiederverwendet wird und dessen Fassade aus recycelbarem, lichtdurchlässigem Kunststoff besteht, wurden 5,4 Milliarden Dollar investiert. Peking hat sein U-Bahn-Netz erweitert, Schwerindustrie ausgelagert, Busse und Taxis mit Erdgasmotoren umgerüstet, Kohlekessel auf Gas und Strom umgestellt.
Und je näher die Spiele rücken, desto größer der Aktionismus: So dürfen zwischen dem 20. Juli und dem 20. September nur die Hälfte der drei Millionen Autos durch Peking fahren, mal die mit geraden Kennzeichen, mal die mit ungeraden. Bauarbeiten innerhalb des Zentrums müssen ruhen, damit der auf der ganzen Stadt klebende Staub verschwindet. Selbst das Wetter werden die Chinesen austricksen: Sollten Regenwolken den Smog im Tal einkesseln, wird die Regierung künstlichen Regen provozieren. Und so lautet die Frage nicht, ob China umweltfreundliche Spiele ausrichtet. Die Frage ist, ob das Land Olympia nutzen kann, um in der Ökopolitik einen Sprung zu machen. "Ob das Olympische Dorf grün wird oder nicht, macht keinen Unterschied. Diese Maßnahmen müssen in langfristige Projekte über Peking hinaus umgesetzt werden", sagt Lo Sze Ping, Leiter von Greenpeace China.
Und danach sieht es zurzeit nicht aus - daran können auch die knallroten Parolen an den Wänden nichts ändern oder die riesigen Plakate entlang den Autobahnen, die Chinas Umweltschutz im Dienste Olympias preisen. Denn den gibt es vor allem in der Propaganda. Das zeigt schon die Umweltbilanz. Laut Weltbank liegen 16 der 20 Städte mit der schlechtesten Luft auf der Welt in China - 660.000 Menschen sterben dort jährlich an der Luftverschmutzung, so die Weltgesundheitsorganisation, weitere 96.000 an verschmutztem Trinkwasser. 80 Prozent des Mülls und des Abwassers werden nicht entsorgt oder geklärt, Kohlekraftwerke blasen ihre giftigen Abgase über das ganze Land, Betriebe verpesten ganze Dörfer, in denen die Bevölkerung an Krebs erkrankt. Ökonomen rechnen vor, dass die Umweltschäden das Wirtschaftswachstum auffressen. Die Regierung steuert mit Gesetzen gegen - die umso mehr missachtet werden, je weiter die Fabriken von Peking entfernt liegen.