Wo krieg' ich einen Generator für meinen Strom her? Womit bewaffne ich den Wächter? Und: Was mache ich mit meinem korrupten Vermieter? Stern-Reporter Christoph Reuter musste bei seinem Umzug von Hamburg in die afghanische Hauptstadt Kabul sehr elementare Fragen beantworten. Ein Erlebnisbericht.

In der afghanischen Hauptstadt Kabul ein Haus zu beziehen, kann eine nervenaufreibende Sache sein© Ahmad Masood/Reuters
Manche Menschen finden es aufregend, ein Haus zu beziehen, ja aufreibend, wenn sie erst schrittweise realisieren, dass das Haus auf den ersten Blick zwar bewohnbar aussah - es aber mitnichten ist. Auf Dauer nach Kabul zu ziehen, ist, wenngleich aus anderen Gründen, auf jeden Fall ausgesprochen aufregend und aufreibend.
In Kabul wiederum ein Haus zu beziehen, ist die multiplizierte Form von beidem und bietet Trost vor allem in den Worten des großen Dramenexperten Heiner Müller: "Alles ist Material." Und überdies so lehrreiches: Während andere Ausländer in Kabul aus Angst vor Anschlägen bereits Anfang November kaum noch ihre festungsartig gesicherten Compounds und Hotels verließen, bewegten wir uns gefahrloser als andere, versichern afghanische Freunde: "Niemand würde im Moment Ausländer bei Immobilienmaklern, Elektrikern oder in Installationsgeschäften vermuten!" In-Restaurants wie das "L'Athmosphere" oder das bereits 2007 attackierte "Serena-Hotel" seien viel gefährlicher. Denn auch die Taliban würden sich anschlagstechnisch danach richten, wo man auch erwarten kann, Ausländer zu treffen. Sicher nicht bei Verhandlungen über Gardinenstangen.
Da es wenige Mietwohnungen in Kabul gibt und angesichts der Tristesse und Gefahr ringsum ein eigener Garten erheblich zur Lebensqualität beiträgt, bleibt nur, ein Haus zu mieten. Das Angebot ist stetig gestiegen in den vergangenen zwei Jahren: Firmen, Hilfsorganisationen ziehen ihr internationales Personal ab, die meisten Botschaften haben ihre Diplomaten vergattert, in Unterkünften auf dem Botschaftsgelände zu wohnen. So auch die deutsche Botschaft, deren Personal im liebevoll titulierten Appartmentblock "German Jail" in je zwei Zimmern lebt. So groß das Angebot ist, so bizarr ist es auch. Aus unerfindlichen Gründen sind die Häuser zumeist für Bewohnerzahlen konzipiert, die eher einem Unterstamm als einer Großfamilie entsprechen: Eines hat 15, das nächste zwölf, ein anderes 27 Zimmer. Die allerdings fast alle finster, heruntergekommen - aber jeweils mit einer Duschkabine versehen, was wiederum die Lehmwände ruiniert hat. Hier habe eine "Security-Company" ihre philippinischen Söldner untergebracht, erklärt ein Nachbar ungerührt. Außerdem scheinen die Kabulis keine Gärten mehr zu mögen, obwohl ihre Stadt einst genau dafür berühmt war. Jeder Eigner erzählt stolz von betonierten Parkplätzen und Vorhöfen, einer möchte sein just renoviertes Haus noch attraktiver machen und lässt gerade ein weiteres Viertel des Rasens unter Zement verschwinden.
Dann ist es endlich gefunden: ein altes Haus, solide, nicht zu groß, und: mit einem schönen Garten. Das heißt, der Garten wäre noch schöner, hätten die Vorvormieter nicht eine Art Hubschrauberlandeplatz betoniert, groß genug für 20 Autos. Aber immerhin: Tamim, der Makler, lacht viel, vermutlich ist das ein gutes Zeichen. "Ich garantiere, alles ist in Ordnung", sagt er. "Strom, Wasserleitungen. Und wenn es Probleme gibt, kümmere ich mich um alles!" Auch die Vormieter klingen vertrauenswürdig: Die holländische Botschaft hatte das Haus gemietet, aber nach dem Mord am Regisseur Theo von Gogh und dem Karikaturenstreit hatten auch die Niederlande ihr Personal lieber zentral untergebracht und das Haus nie bezogen.
Und schließlich der Vermieter: ein Oberst der afghanischen Armee! Klingt doch seriös. Auch er versichert, das Haus sei tiptop in Ordnung - was sich allerdings nicht ganz verträgt mit den skeptischen Blicken eines sicherheitshalber bestellten Klempners und Elektrikers. Ein kleiner Generator wird geborgt, um die Leitungen zu prüfen und den Wassertank auf dem Dach zu füllen, denn um Strom muss man sich in Kabul selber kümmern. Es sei denn, man schmiert den zuständigen Beamten in der Verwaltung und bekommt mehr als die üblichen drei Stunden alle drei Tage. Doch kaum rattert der Generator, zischt es kurz in den Sicherungskästen. Und auch der Wassertank wird zwar voll - aber nicht unbedingt wieder leer, da der Zufluss zur Toilettenspülung leider kaputt ist. Lässt sich beheben, versichert ein gelassener Klempner. Doch selbst er schaut etwas überrascht, als er unter der Küchenspüle die Abflüsse überprüfen will: Der Ausguss mündet - in einen Eimer. Auch die anderen Abflüsse münden zwar in einer Leitung hinter dem Haus, aber deren Verlauf endet im Gestrüpp des Gartens.