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23. Juli 2008, 07:11 Uhr

"Den Haag hat von Milosevic gelernt"

Radovan Karadzic ist gefasst. Die Regierung in Belgrad ist nun verpflichtet, ihn an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auzusliefern, sagt Völkerrechtler Christian Tomuschat im stern.de-Interview. Er erklärt, wie es jetzt weitergeht und welche Strafe dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher droht.

Im UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wartet man auf die Auslieferung von Radovan Karadzic

Herr Tomuschat, der frühere Serbenführer Radovan Karadzic wurde nun gefasst. Was erwartet den mutmaßlichen Kriegsverbrecher nach seiner Verhaftung?

Für die serbische Regierung besteht eine Verpflichtung, Karadzic an das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag zu überstellen. Belgrad kann zwar den Haftbefehl gegen Karadzic formal prüfen, aber letztlich ist Serbien völkerrechtlich verpflichtet, Karadzic auszuliefern. Das UN-Tribunal wurde 1993 vom UN-Sicherheitsrat eingesetzt, und seine Entscheidungen sind deshalb für alle Staaten rechtlich bindend.

Wie verläuft die Überführung nach Serbien?

Auf serbischem Boden untersteht Karadzic der Befehlsgewalt der serbischen Polizei. Sollte er mit dem Flugzeug aus dem Land gebracht werden, würde der Sicherheitsdienst des UN-Tribunals Karadzic übernehmen. In Den Haag muss er dann unverzüglich einer Kammer des Gerichts vorgeführt werden. Dort wird ihm der Haftbefehl eröffnet, und er bekommt die Gelegenheit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Danach wird Karadzic im Untersuchungsgefängnis in Den Haag warten müssen, bis das Hauptverfahren gegen ihn eröffnet wird. Das kann sich aber noch einige Monate hinziehen. Die Anklage wird wohl erst noch bestehende Lücken im Beweismaterial schließen wollen, bevor sie die öffentliche Verhandlung beginnt.

Wie könnte die Strategie der Anklage im Fall Karadzic aussehen?

Aus dem Prozess gegen den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic hat man in Den Haag gelernt. Es ist besser, Nebensächlichkeiten fallen zu lassen und sich auf einige wenige Punkte in der Anklage zu konzentrieren. Ansonsten läuft man Gefahr, dass sich das Verfahren über mehrere Jahre hinzieht. Auf der anderen Seite darf die Anklage aber auch nicht zu eng gefasst sein, weil man so Kritik schürt, es werde begangenes Unrecht nicht ausreichend berücksichtigt. Es kommt also darauf an, einen Mittelweg zu finden, um Unrecht repräsentativ vor Gericht zu bringen, ohne eine unendliche Kette von Einzelfällen durchzuarbeiten.

Vieles spricht dafür, dass Karadzic für die Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg verantwortlich ist. Wie will er sich dagegen verteidigen?

Die Verteidigung wird behaupten, Karadzic sei für die Kriegsverbrechen in Bosnien nicht verantwortlich gewesen. Vielmehr habe sich die Armee der bosnischen Serben selbständig gemacht. Dem völkerrechtlichen Grundsatz der Verantwortung des Vorgesetzten kann er sich aber nicht so leicht entziehen. Auch für den Fall, dass Karadzic die Gräueltaten nicht selbst befohlen hat, so geschahen sie doch in seinem Einflussgebiet als bosnischer Serbenführer.

Wie lange wird das Verfahren dauern?

Das lange Verfahren gegen Milosevic hat alle in Den Haag das Fürchten gelehrt. Man wird sicher versuchen, den Prozess kurz zu halten. Dabei kommt es darauf an, ob es auch schriftliches Beweismaterial gegen Karadzic gibt. Sollte sich die Anklage nur auf Zeugenaussagen stützen, wird das Verfahren wohl doch jedenfalls weit mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen.

Welches Urteil ist zu erwarten?

Die Anklage wird lebenslange Haft für Karadzic beantragen. Schließlich ist er in allen drei Punkten, Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, angeklagt. Eine Todesstrafe sieht das Statut des Gerichts nicht vor.

Welche Bedeutung hat ein Verfahren gegen Karadzic für das Kriegsverbrechertribunal und das Völkerrecht?

In erster Linie stärkt das Verfahren die Autorität des Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien. Eigentlich sollte dieses internationale Gericht bis 2010 geschlossen werden, aber angesichts der Verhaftung von Karadzic wird man diesen Zeitplan wohl nicht mehr einhalten können. Ein Prozess gegen Karadzic bedeutet aber noch mehr. Er widerlegt das Diktum, wonach die Kleinen bestraft und die Großen immer laufen gelassen werden. Eine Verurteilung von Karadzic wird so auch vielen muslimischen Bosniaken eine moralische Genugtuung verschaffen.

Zur Person

Zur Person Christian Tomuschat lehrte als Professor für öffentliches Recht, Völkerrecht und Europarecht an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Interview: Tobias Betz
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
O.Bi (23.07.2008, 20:01 Uhr)
@rued
Mit Ihrem ersten Satz voll einverstanden!
Die Erklärung ist aber anders.
Noch 1991 waren 1/4 der Einwohner in Srebrenica – Serben. Als Karadzic 1995 in Srebrenica endlich rein gekommen ist, waren gar keine Serben da und in den Dörfern drum herum noch weniger. Was glauben Sie was mit denen passiert war? Was glauben Sie, mit wessen Köpfen posierten Kämpfer von Oric, der vor kurzem in Haag frei gesprochen wurde, vor den westlichen Reportern?! Was glauben Sie, wer in den serbischen Häusern zu der Zeit sich breit gemacht hat?!
Deshalb kann ich Karadzic, der sein Land und Leute wieder zu befreien versucht hat, nicht mit Bush und Blair, die in fremden Ländern Millionen von Zivilisten umgebracht haben, VORSÄTZLICH, weil die dass haben was diese Verbrecher wollen, vergleichen.
Ich kann mir keinen Westler vorstellen, der begrüßen wird, dass ihm sein Haus weg genommen wird, seine Familienmitglieder umgebracht oder vertrieben werden, und wenn er versucht den Vertreiber und Mörder los zu werden (mit sanftem Lächeln geht das nicht), dafür noch in den Bau kommt, vor ein Gericht, das dem ersten Angreifer Schuldfreiheit bescheinigt.
Warum sind die alle so blind hier? Es muss besondere Art von Gehirnwäsche sein.
UR63 (23.07.2008, 14:23 Uhr)
Das Urteil ...
gegen diesen Mann ist doch schon längst gefällt!
Das war zu Hitlers,Honecker und auch EU-Zeiten schon immer so!
Hier werden nur politische Interessen
verfolgt!
antikommunist (23.07.2008, 13:05 Uhr)
Vergleiche
hin oder her. Natürlich kann man Bush und Blair nicht unterstllen, vorsätzliche Massenmörder zu sein. Läßt man alle Emotionen weg, bleiben nackte Zahlen. Und diese Zahlen beleggen eben, dass durch Bushs und Blairs illegalen Angriffskrieg weit mehr Menschen zu Tode kamen, als durch alle Milosewichs, Karadcizs, Bin Ladens und wie sie alle heißen, zusammen.
Und was heißt "tyrannischer Herrscher"? Wieso haben dann die Amis und Engländer den sudanesischen Despoten, den simbabwischen Herrscher, das myanmarische Militärregime und wer weiß wen noch, noch nicht "geschasst"?
SteinMain (23.07.2008, 12:51 Uhr)
Ob es noch etwas widerlicheres gibt ?
Als wenn die Neokolonialisten sich so etwas wie einen, von irgendwelchen schwammigen, altruistisch-ethischen Heucheleien legitimierten internationalen Gerichtshof installieren, um ihre Siegerjustiz zu legitimieren ?
Ja, gibt es.
Diese schäumend-entrüstete Rechthaberei der Globalisierungsspekulanten und Kriegsgewinnler, denen bei einer passenden Gewinnmarge ein paar tausend tote Menschen eigentlich egal sind, und die sich zu diesem Thema jetzt in der Öffentlichkeit produzieren werden, ist noch widerlicher.
rued (23.07.2008, 12:04 Uhr)
Bush oder Blair?
Die beiden Herren nicht zu mögen ist zwar eine Sache, aber sie so über einen Kamm mit Karadzic zu scheren ist schon mehr als ignorant.
Bush und Blair haben immerhin die Bevölkerung von tyrannischen Herschern befreit, die ihre eigene Bevölkerung nieder gemetzelt haben.
(Während wir z.B. immer kräftig mit dem Zeigefinger wedeln und dann hinterher doch nur tatenlos zusehen wie Frauen und Kinder abgeschlachtet werden)
Auch wenn die Begründungen dafür zumindest im Irak mehr als heuchlerisch waren.
Das kann man aber wohl kaum mit Karadzic vergleichen, der Menschen zu tausenden zusammentreiben und erschiessen lässt.
j_w_s (23.07.2008, 11:32 Uhr)
Gerechtigkeit
Wann werden Bush und Blair endlich an Den Haag überstellt. Sie haben nachweislich auf Lügen basierend und ausschließlich den eigenen Interessen folgend den Irak angegriffen und über 1 Million Tote zu verantworten.
UR63 (23.07.2008, 11:22 Uhr)
Dieses Tribunal..
ist eine einzige Farce!
die Kleinen fängt man,die Großen lässt man laufen!
Vor allen ist dieses Tribunal nur dazu da,um die Machenschaften der EU,Deutschlands und der USA zu decken bzw. im nachhinein einen Angriffskrieg zu rechtfertigen!
Politisch motiviert halt!
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