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Mit Limonensaft gegen die Staatsmacht

Ägypten erlebt ein Déjà-vu: Krawalle von Alexandria bis Asyut, mehr als tausend Verletzte und ein Dutzend Tote. Das alte System schlägt mit harter Hand zurück.

Von Gerald Drißner, Kairo

Wie bringt man einen Ägypter dazu, nach Hause zu gehen? Vielleicht, in dem man ihn frieren lässt? Die Moderatorin des Staatsfernsehens wusste gestern keine andere Erklärung, als sie live zusah, wie Polizisten auf den Tahrir-Platz stürmten und die Zelte der Demonstranten niederbrannten. Spätabends berichteten Fernsehreporter dann auch tatsächlich, dass die Situation schwieriger werde. Ein paar Regentropfen fielen vom Himmel und es werde kalt in der Nacht: 12 Grad plus.

Wut bringt aber bekanntlich das Blut in Wallung, und so wurden es nicht weniger Demonstranten, sondern mehr: der Tahrir-Platz wurde zurückerobert. Die Wut zog weiter nach Alexandria, wo die Demonstranten einen riesengroßen Betonklotz im Stadtteil Smouha stürmen wollten, der Sitz von Polizei und Geheimdienst. Die Kämpfe in der Nacht waren so heftig, dass Hausbewohner in der Nachbarschaft die Flucht ergriffen, "weil Tränengasgeschosse auf den Balkonen landeten", sagt Mira Hosny, eine Augenzeugin. Die Wut zog weiter nach Suez, wo im Januar die Revolution begann und nach Asiut, Suhag und El-Minya in Oberägypten. Mehr als ein Dutzend Tote zählt das Gesundheitsministerium seit Samstag und mehr als 1700 Verletzte.

Der ägyptische Staat ist seit zwei Tagen lahmgelegt. Gestern Nachmittag attackierten Hacker auch noch die Homepage des ägyptischen Staatsfernsehens, Freund des Militärs und Feind der Demonstranten, und schrieben den TV-Machern eine Warnung auf die Startseite: "Dies ist eine einfache Antwort auf die Absurditäten, die wir gestern gesehen haben." Der Geist der Revolution, der seit Monaten für toterklärt wird, ist plötzlich wieder da – und das System schlägt zurück, wenn auch in einer aggressiveren Form. Die unter Mubarak gefürchtete Polizeitruppe "Amn El Markazy" ist wieder im Einsatz und geht auf die Demonstranten los, auch mit Hilfe der Militärpolizei. "Die Lage ist angespannter als damals, als die Leute auf Kamelen über den Tahrir ritten", sagt Khaled Abdallah, ein Aktivist. Die Leute auf dem Tahrir brüllen auch wieder die gleichen Parolen wie im Januar – nur geht es dieses Mal gegen Tantawi, den obersten Militärführer des Landes.

Die ominöse "Ewigkeitsklausel" des Militärs

Längst vergessen sind die Zeiten, als das Volk jedem Panzer zujubelte, der vorbeifuhr und sogar davon sprach, dass "Volk und Militär eine Hand" seien. Die Generäle des Militärrats regieren das Land so, wie sie es in der Ausbildung gelernt haben: erteilen Befehle und dulden keinen Widerspruch. Lassen lästige Demonstranten und Blogger einsperren und Journalisten zensieren.

Doch was hat die Ägypter plötzlich so wütend gemacht? Seit fast zwei Wochen berichten die Zeitungen über ein Dokument, das der Vize-Premier Ali El-Seli ausgearbeitet hat. Darin werden dem Militär Rechte eingeräumt, die über der Verfassung stehen, die es noch zu schreiben gilt.

Diese "Ewigkeitsklausel" sollte garantieren, dass der künftige Staat auf keinen Fall islamischer sein wird als der alte. Denn schon in der alten Verfassung ist ordentlich Islam drin, zum Beispiel, dass die Scharia die Quelle der Gesetzgebung ist.

Somit ist aus westlicher Sicht das Militär keine schlechte Option. Denn fast jeden Monat lassen die Generäle ausrichten, dass sie es nicht zulassen werden, dass jemand die Macht an sich reiße – eine klare Ansage gegen einen islamischen Gottesstaat. Außerdem will das Militär nicht auf die Gelder aus den USA verzichten, zwei Milliarden Dollar, die aber nur fließen, wenn Ägypten dem Westen möglichst keine Probleme macht. In einem Café in einer Seitenstraße des Tahrir-Platzes sitzen Heba, Amal und Amira. Es ist Nachmittag, die Kämpfe zwischen Polizei und Demonstranten finden einen halben Kilometer entfernt statt. Trotzdem ist das aggressive Tränengas bis hier zu spüren. "Wir haben Papiermasken dabei und haben Tücher in Limonensaft getränkt, die wir uns vor die Nase halten", sagt Heba.

Ein Leben wie vor 1400 Jahren

Die Studentinnen wollen abends zum Tahrir-Platz gehen, um die Demonstranten zu unterstützen. Einer politischen Gruppe gehören sie nicht an. "Wir wollen endlich Wahlen und einen demokratischen Staat", sagt Amal.

Das ist genau die Crux an der derzeitigen Situation: das Militär will garantieren, dass es keinen islamischen Staat geben wird, was den Islamisten nicht passt. Das finden die Liberalen wiederum auch gut, doch um genau das zu garantieren, will das Militär nicht von der Stelle rücken, was den Liberalen wiederum aufstößt. Und so kommt es, dass derzeit Liberale, Kommunisten und islamische Fundamentalisten gemeinsam auf dem Tahrir protestieren – ohne eine Idee zu haben, wie es ohne Militär weitergehen könnte.

Hazem Salah Abu Ismail will Präsident in Ägypten werden, er trägt einen langen Bart und sein Wahlprogramm ist einfach: ein Leben wie vor 1400 Jahren. Er ist ein Salafist und seit Freitag auf dem Tahrir, wo auch die Omar-Makram-Moschee steht. Beten gilt in diesem Land als Waffenstillstand. Als Abu Ismail nach dem Gebet zum Sonnenuntergang die Moschee verlassen möchte, ist sie plötzlich von Polizisten umstellt. "Ich bin gefangen in der Moschee!", telefoniert er nach draußen. Abu Ismail stellt seine Gefolgsleute vor die Wahl: "Betet weiter, oder verteidigt den Platz!"

Das Land diskutiert sich müde

Die Salafisten sind unangenehme Gegner für die Polizisten, denn es ist nicht einfach für einen gläubigen Polizisten, auf einen offensichtlich noch gläubigeren Bruder einzuprügeln.

Der Ruf des Landes ist nach den Krawallen wieder auf dem Tiefstand, die Börse brach ein, die Touristen sind verunsichert. Wer die Leute letzten Endes mobilisiert hat, auf den Tahrir zu gehen, darüber gibt es Spekulationen. Manche sind einfach hingegangen, wie die Studentin Heba, "weil wir dachten, es ist jetzt Zeit". Die Regierung Ägyptens sagt, dieser Aufstand auf dem Tahrir sei der Versuch, die Wahlen zu sabotieren. Damit werde der "Neuaufbau der staatlichen Institutionen" verhindert. Die Muslimbrüder halten dagegen. Sie sind die einzige Partei, die nicht nur in den Städten sondern bis in die Nester des Nildeltas Wahlkampf machen. Sie werden bei den Wahlen vermutlich die großen Gewinner sein. Deshalb bestehen auch sie darauf, dass die Wahlen wie geplant am 28. November stattfinden. Die Muslimbrüder sind auch die einzigen, die sich derzeit auf dem Tahrir zurückhalten. Sie nahmen nur am Freitag an der Demonstration teil und haben danach die meisten ihrer Leute abgezogen. Sie warten ab, denn egal, was die Polizei auch macht – am Ende hilft es ihnen sowieso.

Wie Ägypten aus dieser vertrackten Lage wieder herauskommen soll, darauf hat momentan niemand eine richtige Antwort. Das Land diskutiert sich müde. Am ehesten hat es Muhammed El-Baradei auf den Punkt gebracht: "Was momentan passiert ist ein Verlust für alle Ägypter", sagte der ehemalige Direktor der internationalen Atombehörde gestern Nacht in einer Talkshow des ägyptischen Senders "Dream2". Das Militär hofft indes, dass die Proteste ein kurzes Aufflammen waren und es sowieso nur Tausende waren und keine Hunderttausende oder gar Millionen – und den Demonstranten somit der Rückhalt in der Bevölkerung fehlt.

Der Plan, dass die Ägypter womöglich eh nach Hause gehen, weil ihnen zu kalt ist, der ist jedenfalls nicht aufgegangen. Bereits kurz nach 21 Uhr twitterten einige Aktivisten vom Tahrir-Platz, dass die ersten Zelte schon wieder aufgestellt seien.

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