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Ein Platz in Angst und Schrecken

Istanbul ist im Ausnahmezustand: Die Polizei stürmt den Taksim-Platz, wirft sogar Steine auf Demonstranten. Nicht nur Anwohner hoffen auf ein Ende der Eskalation - aber danach sieht es nicht aus.

Von Felix Dachsel, Istanbul

  Allein und die Rauchschwaden: Ein einsamer Demonstrant geht über den Taksim-Platz, der einem Schlachtfeld gleicht.

Allein und die Rauchschwaden: Ein einsamer Demonstrant geht über den Taksim-Platz, der einem Schlachtfeld gleicht.

Emre steht am Fenster eines Cafés am Taksim-Platz. Eigentlich müsste er jetzt arbeiten, aber sein Café ist leer, die Tür geschlossen. Er trägt eine Maske, das Gas zieht durch die Fensterschlitze. Das, was er draußen sieht, nur 300 Meter entfernt, macht ihm Angst: ein Dutzend Wasserwerfer, brennenden Barrikaden, hunderte Polizisten. Verletzte werden abtransportiert. Tränengasschwaden ziehen über den Platz. Sirenen, Schreie. Er sieht eine Stadt im Ausnahmezustand.

Seit den frühen Morgenstunden räumt die türkische Polizei gewaltsam den zentralen Platz in Istanbul, der an den besetzten Gezi-Park anschließt. Erst kümmert sie sich um eine wichtige Zufahrtsstraße, die mit einem Dutzend Straßenbarrikaden blockiert ist, dann fährt sie Wasserwerfer auf, um Demonstranten fern zu halten. Aus einer anderen Zufahrtsstraße strömen mehrere Hundert Uniformierte auf den Taksim-Platz.

Erdogan gibt sich wenig entgegenkommend

Seit zwölf Tagen kommt das Land nicht zur Ruhe. Ob in der Provinz, in der Hauptstadt Ankara oder hier, mitten im Zentrum des europäischen Teils Istanbuls, begehren die Menschen auf. Ursprünglich ging es den bei den Protesten um den Erhalt des Parks, der einem Einkaufszentrum weichen soll. Dann aber schlug die Staatsgewalt unerbittlich zu, seitdem demonstrieren die Türken gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan.

Der lässt wenig Bereitschaft erkennen, auf die Menschen zuzugehen. Für den Mittwoch ist zwar ein Treffen des Ministerpräsidenten mit Vertretern der Demonstranten angesetzt, doch die Situation wird das kaum beruhigen. Zuletzt sagte Erdogan in einer Rede: "Wir sind geduldig geblieben, wir sind noch immer geduldig, aber es gibt eine Grenze für unsere Geduld." Die Demonstranten, so seine wenig entgegenkommende Ankündigung, hätten "einen Preis zu zahlen".

Polizei wirft Steine auf Demonstranten zurück

Zuletzt hieß es, die Polizei werde zumindst den Gezi-Park in Ruhe lassen. Aber immer wieder feuert sie Tränengasgranaten ab, später auch in den besetzten Park, in dem sich viele Demonstranten sammelten und Parolen schreien. Teilweise fliegen Steine in Richtung der Polizei, die Polizei wirft Steine auf Demonstranten zurück. Im Camp bricht Panik aus, Menschen rennen und stolpern über Zelte, ihre Augen rot und tränend. Die Polizei versucht in den Gezi-Park einzudringen, als sich ihr aber Demonstranten in den Weg stellen, zieht sie sich zurück. Ordner versuchen, die Campbewohner zu beruhigen. "Langsam", rufen sie und: "Nicht rennen!"

Inzwischen umstellt die Polizei das prestigeträchtige Atatürk-Denkmal und das Atatürk-Kulturzentrum, von dem sie alle Fahnen und Banner der Demonstranten entfernt haben. Neben dem Gezi-Park brennt eine Barrikade, hinter der Demonstranten kauern. In kleineren Seitenstraßen fliegen wieder Steine und Tränengasgranaten durch die Luft. Ein halbes Dutzend Wasserwerfer rollt über den Platz und feuert um sich. Am Rand des Taksim-Platz liegen erschöpfte Polizisten im Schatten. Sie hatten sich zuletzt über zu lange Einsatzzeiten beschwert.

"Überall ist Taskim, überall ist Widerstand"

Im Gezi-Park halten Ordner einen Korridor frei, durch den Verletzte zu den wartenden Krankenwagen getragen werden: Sie haben Atemnot, Platzwunden, liegen regungslos auf Liegen. Immer wieder sind laute Detonationen zu hören. Noch ist der Park in Hand der Besetzer. Sie trommeln und schreien Parolen wie "Tritt zurück, Erdogan" oder "Überall ist Taskim, überall ist Widerstand." Möglicherweise beginnt die Polizei noch am Dienstag, den Park zu räumen.

Der Einsatz der Polizei kommt zu einem Zeitpunkt, da weniger Demonstranten im Park und auf den Taksim-Platz waren, als in den Tagen zuvor. Die Polizei hatte sich am Dolmabahce-Palast am Bosporusufer gesammelt, rund einen Kilometer vom Taksim-Platz entfernt. Sie saßen dort in Bussen, tranken Tee und rauchten. Es sah nicht danach aus, dass sie sich auf einen schnellen Einsatz vorbereiteten.

Emre hofft auf ein baldiges Ende

Emre, der Kellner, zieht seine Atemmaske vom Kopf. Er erkennt seine Stadt nicht wieder. Dort, wo sonst Touristen ihre Rollkoffer über die Straße zerren, wo sich Verliebte zum Tee verabreden und Taxis im Stau stehen, steigen jetzt Rauchwolken auf, liegen Steinbrocken verstreut, brennen Barrikaden. "Hoffentlich hat das bald ein Ende", sagt er. Es sieht es nicht danach aus, dass seine Hoffnung in Erfüllung geht - im Gegenteil.

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