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17. März 2008, 08:59 Uhr

Die neue Protest-Generation

Die Zeiten des friedlichen tibetischen Protests sind vorbei: Mit Brutalität wehren die Tibeter sich gegen die ökonomische Hegemonie Chinas. Mit Aussicht auf Erfolg? Nicht ohne internationale Unterstützung. Die Chancen darauf stehen schlecht – mit China verscherzen wollen es sich nämlich die wenigsten. Von Teja Fiedler

Ein tibetischer Mönche protestiert in Kathmandu, Nepal, gegen die Tibet-Politik Chinas© Narendra Shrestha/DPA

Die Gesichter sind meist jung und voller trotziger Hoffnung. Eine etwa hundertköpfige Schar von Exil-Tibetern ist im Norden Indiens symbolisch auf dem Weg in ihr Heimatland, um der Welt und den Chinesen zu zeigen: Dort gehören wir hin. Ihr Protestmarsch endete jedoch vor der Grenze. Die Chinesen dulden keine "aufwieglerischen Elemente" in der "autonomen chinesischen Provinz Tibet". Dem im Westen hoch verehrten Dalai Lama, der samt einer tibetischen Exilregierung in Dharamsala am Fuße des Himalaya residiert, sind diese Protestler im wahrsten Sinn des Wortes enteilt. "Er hat seine eigene Sicht der Dinge und die respektieren wir", sagt die Studentin Dolma, "doch es ist Zeit, den Chinesen mit gleicher Münze zurückzuzahlen."

Die junge Generation im Ausland hält nicht mehr viel vom behutsamen Kurs ihres geistlichen Oberhaupts, das nach seiner Flucht aus Tibet im Jahr 1959 Schritt für Schritt seine Ziele zurückgesteckt hat, seit 1988 die Oberhoheit Chinas über die ehemalige Theokratie Tibet anerkennt und heute nur noch eine nicht genau definierte "wirkliche Autonomie" für sein Land fordert. Erst seit es in der vergangenen Woche bei Protestaktionen in Tibets Hauptstadt Lhasa Dutzende von Toten gab, schwenkte der Dalai Lama auf einen härteren Kurs ein. Er bezeichnete die chinesische Politik in Tibet als "Terrorregime" und "kulturellen Völkermord" und forderte eine UN-Untersuchung der Zustände in seinem Land, ohne allerdings bisher den Aufruf zum aktiven Protest ausdrücklich zu unterstützen. Und während die Marschierer in Indien Transparente mit der Aufschrift "Boykott der Olympischen Spiele in Peking" mit sich tragen, sprach sich der Dalai Lama noch einmal für Spiele in Peking aus.

Brutalität gegen "mörderische Banden"

Wie soll die "gleiche Münze" aussehen, von der die Exil-Tibeter sprechen? Chinesische Sicherheitskräfte scheinen die Lage in Lhasa inzwischen im Griff zu haben, auch wenn jetzt außerhalb der Hauptstadt an mehreren Orten neue Unruhen aufflackern. Die Behörden haben Montag um Mitternacht als Termin gesetzt, spätestens bis dann müssen sich "Kriminelle" ergeben, um auf Milde hoffen zu können.

Die von den Chinesen abhängige Regierung hat jedoch auch durchaus eine Handhabe gegen die gewaltsamen Protestierer. Nach einigen Tagen friedlicher, meist von Mönchen geführter Demonstrationen waren zum Wochenende Polizeistationen, Streifenwagen, chinesische Geschäfte und Banken in Flammen aufgegangen. Die Behörden antworteten mit noch mehr Brutalität. "Ich kann Panzerfahrzeuge auf der Straße sehen. Feuer an vielen Stellen überall in der Stadt", schilderte ein chinesischer Restaurantbesitzer am Handy die Situation, "mörderische Banden durchstreifen die Stadt und attackieren uns Chinesen und unser Eigentum."Wir warten dringend, dass die Regierung etwas unternimmt." Ein dänischer Tourist berichtete, Tibeter würden an ihre Haustüren die traditionellen weißen Gebetsschals hängen, um vor Übergriffen ihrer Landsleute sicher zu sein.

Ökonomische Hegemonie Chinas

Tibet ist heute – mehr als fünfzig Jahre nach dem Einmarsch von Maos Revolutionsgarden – ethnisch kein eindeutiges Land mehr. Eine bewusste Politik der Ansiedlung von Chinesen hat dazu geführt, dass inzwischen beide Volksgruppen etwa gleich stark sind – und die Chinesen haben mehr oder weniger das Wirtschaftsleben in der Hand. Der Protest der Tibeter richtet sich mindestens genauso gegen diese ökonomische Hegemonie der Chinesen wie gegen die kulturelle Überfremdung. Aus der Sicht Pekings hat die Angliederung Tibets an China dem Land Vorteile gebracht, stolz weisen sie auf die 2006 eröffnete höchste Eisenbahn der Welt hin, die Lhasa mit Zentralchina verbindet. Sie hat dem Tourismus Tibets unbestreitbar Auftrieb gegeben und praktisch den gesamten Güterverkehr mit dem Ausland übernommen. Für die meisten Tibeter ist die Bahnlinie hingegen ein weiteres Instrument der Überfremdung.

China hat sich mit der Annexion Tibets nie im Unrecht gefühlt. Das Land stand über Jahrhunderte erst unter mongolischer, dann unter chinesischer Oberhoheit, im Gegenzug dafür hatten die buddhistischen Herrscher Chinas dem Dalai Lama, seiner Mönchskaste und den tibetischen Feudalherren im Inneren freie Hand gegeben. Erst 1913 wurde Tibet ein unabhängiger theokratischer Staat. Der kommunistische Machtpolitiker Mao konnte zumindest vor sich selbst die Besetzung als revolutionären Akt rechtfertigen.

China wird seinen eisernen Griff nicht aufgeben

Heute bekennen sich der Dalai Lama und die Exilregierung in Dharamsala zu einem demokratischen Tibet mit freien Wahlen. Die Chancen für dessen Verwirklichung stehen schlecht. Auch die jungen Marschierer wissen, dass der tibetische Protest bestenfalls punktuelle Erfolge erzielen kann. Zwar sind die Chinesen höchst interessiert, im Vorfeld von Olympia nicht als brutale Kolonialherren zu erscheinen – das könnte sie zu einigen kosmetischen Zugeständnissen bewegen –, doch ihren eisernen Griff auf die "Provinz Tibet" werden sie nicht aufgeben, selbst wenn das ihr Image heftig beschädigen sollte. Und die Reaktion des Auslands zeigt: die Bereitschaft, China ernsthafte Konsequenzen für sein Verhalten spüren zu lassen, ist gering. Ein Boykott der Spiele von Peking im August wird von Politikern allenthalben abgelehnt.

Besonders Chinas Anrainer zeigen wenig Neigung, den großen Nachbarn zu reizen. Indien, das 1961 mit China einen Grenzkrieg über tibetisches Territorium geführt hatte, heute aber auf relativ gutem Fuß mit Peking steht, verbot anfangs sogar den Protestmarsch der Tibeter. In Delhi endete der Versuch von Exilgruppen, vor der chinesischen Botschaft zu protestieren, mit Prügeln durch die indische Polizei und mehreren Festnahmen. Und der Gebirgsstaat Nepal sperrte auf Bitten Chinas vorsorglich die Anstiegsroute zum Mount Everest zwischen dem 1. und dem 10. Mai für alle Kletterer. In diesem Zeitraum soll die olympische Fackel als Zeichen von Frieden und Verständigung auf den höchsten Gipfel der Erde getragen werden. Da könnten die Chinesen medienwirksame Proteste, vielleicht gar verbunden mit dem Entrollen der tibetischen Nationalflagge, in ganz dünner Luft wirklich nicht gebrauchen.

Von Teja Fiedler
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
cornhill67 (17.03.2008, 19:48 Uhr)
Ich bin fassunglos und zutiefst bestürzt,
wenn ich sehe wie hier Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Recht auf Freiheit ist das Geburtsrecht eines jeden auf dieser Welt.
Wieso boykottieren nicht einfach die teilnehmenden Sportler die Olympiade? Auf die Politiker können wir lange warten.Ich werde diese Spiele diesmal nicht im Fernsehen verfolgen und somit die wirtschaftlichen Interessen weiter unterstützen.
Cornelia Hill
Stahlkappe (17.03.2008, 14:21 Uhr)
Enttäuschung
Ich bin GNADENLOS von der EU und den USA enttäuscht das sie in der Hinsicht NIX unternimmt.
Da wird doch Deutlich das GELD und Wirtschaftsinteressen über Menschenrechten stehen.
Die EU/USA unternimmt doch nur was wenn sie davon vorteile hat.
Heuschler Bande
Motzerator (17.03.2008, 14:12 Uhr)
Olympia ja, aber in China ?
Ich gönne den Sportlern ihre Olympiade, aber diese kann überall auf der Welt statfinden.
Statt einem Boykott sollte man die Spiele einfach auf die ganze Welt verteilen, aus Protest gegen das Chinesische Vorgehen im Tibet!
Jede bisherige Olympiastadt könnte die eine oder andere Spielstätte beisteuern, so das insgesamt alle Veranstaltungen stattfinden könnten.
Das IOC hätte die Möglichkeit, China hier kräftig unter Druck zu setzen, vieleicht würde solcher Druck auch die Vorgehensweise in Tibet beeinflussen.
Clibanarius (17.03.2008, 13:35 Uhr)
Bei der Olympiade...
...würde das Regime ganz einfach den bekannten Sketch aus vielen Filmen aufführen, nur in einem viel grösseren Umfang: Während die Kameras laufen, wird lieb geschaut, viel (falsch) gelächelt, blumige Worte getauscht, gastfreundlichkeit geheuchelt und herzlich umarmt. Sind die Kameras aus und die Teams abgereist, die ausländischen Sportler wieder zuhause ihre Medaillen polierend und Werbeverträge sammelnd, würgen die Machthaber und ihre Schergen die Schwachen wie vorher praktiziert. 2 Beispiele aus der Geschichte gibt es aber, die Grund für Hoffnung geben: Deutschland 1936 und Sowjetunion 1980. Beide waren nach kaum 10 Jahren am Ende, mit mehr oder weniger besserem für das eigentliche Volk.
LaoLu (17.03.2008, 13:32 Uhr)
und wieder
spricht geballtes Wissen aus den bisherigen Kommentaren.
Leute: Völkerrechtlich ist Tibet heute, am 17.03.08, ein Teil (genau: eine autonome Region) der Volksrepublik China.
Und das war schon so, als das IOC die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2008 nach Beijing vergab.
Justizius (17.03.2008, 13:26 Uhr)
Ein Land...
-das Menschenrechte missachtet
-das kulturellen Völkermord betreibt
-das die Staaten um sich permanent bedroht und versucht diese zu annektieren
Dieses Land soll vom 8. August bis zum 24. August 2008 Austragungsort der XXIX Olympischen Sommerspiele werden. Da beschleicht doch einen ein leichtes DejaVu, wenn man an die XI. Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin zurück denkt.
China benimmt sich auf internationalem Parkett wie eine Wildsau, führt andere Staaten an der Nase herum und versucht jeden Vorteil für sich zu nutzen. Unlautere Methoden haben dabei in China wohl Tradition.
Hier sollte endlich ein Schlussstrich gezogen werden: Bis hier und nicht weiter! Es gibt Grundwerte, die zu verteidigen sind. Offenbar sind aber diese den wirtschaftlichen Interessen gewichen...
ninini (17.03.2008, 13:10 Uhr)
olympia als chance
mein erster gedanke war auch: auf keinen fall an diesen spielen teilnehmen... aber an wem würde die chinesische regierung ihren fruswt auslassen??? ist die olympiade nicht vielmehr die chance für all die unterdrücktgen minderheiten in diesem land, vor den laufenden kameras der welt ihr gesicht zu zeigen ohne die angst vor panzern?????
übrigens: WIR alle sind die westliche welt... wenn keiner von uns mehr den billigschund aus china kauft, womit finanzieren sie dann ihre waffen??
babylon (17.03.2008, 13:04 Uhr)
Respekt
Respekt vor dem tibetischen Volk, welches normalerweise sehr friedliebend ist. Als dieses Land widerrechtlich besetzt wurde schwieg die Welt und nun schweigt die Welt wieder. Leider haben die Tibeter nicht einmal Selters die sie exportieren können.
Unsere westlichen Politikerflaschen schauen wie immer zu und wagen nicht das Wort gegen China zu erheben. Boykott der Olympiade ist das einzig Richtige!
langeralex (17.03.2008, 12:47 Uhr)
Was sagt die UN? Und das IOC?
Ich glaube die internationale Gemainschaft sollte sich langsam mal ein paar Druckmittel gegen China überlegen. Schließlich ist es nicht nur die westliche Welt die von der Wirtschaftsmacht China abhängig ist, sonder ohne Stahl ,Maschinen und Brennstoffimporte ist die Chinesische Wirtschaft so überlebensfähig wie ein Kanarienvogel in der Mikrowelle.
Warum hat die UN Angst vor Sanktionen gegen China, das die es mit Freiheit und menschenrechten nicht so genau nehmen ist ja nunmal schon bekannt.
Die Gewaltanwendung gegen eine Minderheit im eigenen Land würde jedem anderen Land der Welt schliesslich auch direkt mit Sanktionen oder politischem Druck quitiert.
Im Hinblick auf die Olympischen Spiele kann ich nur hoffen, das das IOC offiziell die Spiele absagt oder zumindist ein Boykott der westlich-orientierten Staaten stattfindet.
Petarbo (17.03.2008, 12:37 Uhr)
Olympische Spiele 2008: Hände hinter dem Kopf falten
Jeder Medaillengewinner sollte im Sommer in China beim Abspielen der Nationalhymnen die Hände hinter dem Kopf falten. Das Zeichen für "Ergebung", Furcht und Ohnmacht -und Solidarität mit Tibet. 500 Millionen TV-Zuschauer wären beeindruckt, hoffe ich wenigstens...
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