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6. Juli 2009, 15:32 Uhr

Ein zweites Tibet

Die Ähnlichkeiten sind frappierend: Wie die Tibeter sehen die Uiguren in den Chinesen und der Zentralregierung in Peking nur Besatzer und wollen ihren eigenen Staat. Dass die Gewalt jetzt in der Provinz Xinjiang eskaliert, ist nicht überraschend – und wahrscheinlich erst der Anfang. Von Janis Vougioukas, Shanghai

China, Uiguren, Tibet, Xinjiang, Unruhen

Tausende demonstrierten in Xinjiang© Peter Parks/AFP

Die Straßenschlachten in tibetischen Hauptstadt Lhasa sind gerade erst ein Jahr her. Tausende Mönche und tibetische Jugendliche demonstrierten damals gegen Unterdrückung und Benachteiligung durch die Chinesen. Gerade hat sich die Lage in der Himalaya-Provinz beruhigt, da hat China ein neues Problem: Xinjiang.

Mindestens 140 Menschen starben nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua ("Neues China") bei gewalttätigen Ausschreitungen in Urumqi, der Hauptstadt der autonomen Provinz Xinjiang. In den Straßen stehen ausgebrannte Fahrzeuge. Polizei- und Armeeeinheiten patrouillieren in der Stadt. In der Nacht hatten die Sicherheitskräfte eine Ausgangssperre verhängt. Augenzeugen berichten von einer "Atmosphäre wie unter Kriegsrecht".

Angst vor den Billigarbeitern

Es sind die blutigsten Auseinandersetzungen in China seit der Niederschlagung der Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor 20 Jahren. Der Konflikt begann Ende Juni in der Industriestadt Shaoguan, tausende Kilometer entfernt. Da tauchte auf der Webseite www.sg169.com eine Beitrag auf, nach dem "sechs Jungs aus Xinjiang" zwei Mädchen in der Xuri-Spielzeugfabrik vergewaltigt hätten. Inzwischen ist bekannt, dass die Nachricht eine Falschmeldung war.

Doch das Gerücht löste eine Wutwelle aus, bei der zwei Arbeiter aus Xinjiang getötet wurden. Erst im vergangenen Monat hatte die Spielzeugfabrik 800 uigurische Arbeiter angestellt. Viele Beschäftigte aus anderen chinesischen Provinzen fürchten seitdem um ihre Jobs. Es heißt, die Arbeiter aus der Armutsprovinz Xinjiang akzeptierten niedrigere Löhne.

Hunderte Demonstranten forderten am Sonntag in Urumqi die Aufklärung der Morde. Offenbar versuchte die Polizei, die Demonstration aufzulösen. Doch der Protest eskalierte. 1000 bis 3000 Demonstranten zogen bewaffnet mit Knüppeln, Messern und Stahlrohren durch die Stadt und attackierten Han-Chinesen, sie demolierten chinesische Geschäfte und Restaurants. Rund 300 Fahrzeuge wurden in Brand gesteckt.

Regierung befürchtet Schlimmes

Es geht um mehr als die toten Arbeiter in der Spielzeugfabrik. In Xinjiang sitzt die Wut tief. Viele der größtenteils muslimischen Uiguren fühlen sich kulturell eher mit den Menschen in den zentralasiatischen Nachbarstaaten verbunden und sehen die Chinesen als Besatzer und fordern die Gründung eines unabhängigen muslimischen Staates. Fast alle fühlen sich von den Chinesen benachteiligt, die oft die gut bezahlten Jobs unter sich aufteilen. 70 Prozent der rund zwei Millionen Einwohner von Urumqi gehören inzwischen zur Volksgruppe der Han-Chinesen; die Uiguren sind im eigenen Land zur Minderheit geworden.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September hat sich das Klima in Xinjiang verschlechtert. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen hat die chinesische Regierung in den vergangenen Jahren hunderte Uiguren unter dem Vorwurf des Separatismus verhaften lassen. Viele Moscheen dürfen nicht mehr per Lautsprecher zum Gebet rufen. Und die Kommunistische Partei kontrolliert die Ernennung der Imame. Die strengen chinesischen Sicherheitsvorkehrungen provozieren auch die friedlichen Uiguren. Während der Olympischen Spiele im vergangenen Jahr wurden Vermieter in ganz Peking angewiesen, keine Unterkünfte an Uiguren zu vermieten.

Auch im streng kontrollierten China gibt es jedes Jahr tausende Demonstrationen. Nur wenige verlaufen so gewaltbereit wie in Xinjiang. Die Regierung in Peking fürchtet, dass sich die Konflikte vom Sonntag in den kommenden Tagen weiter ausweiten. Offenbar ist das Internet in der gesamten Region inzwischen abgeschaltet worden, selbst die Webseiten der lokalen Regierung sind derzeit nicht mehr zu erreichen.

Von Janis Vougioukas, Shanghai
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
LaoLu (07.07.2009, 14:45 Uhr)
Au weia
Gott segne Sie, Herr Vougioukas
Wofür denn? Für den Heldenmut, hier in China ein fürstliches Leben führen zu dürfen?
Und die Angst um Journalisten können Sie sich auch sparen.
Selbst Andreas Lorenz, der hier seit Jahren für den SPIEGEL Agitprop vom Besten zusammenschreibt, hat, wenn ich richtig informiert bin, bislang keinerlei Repressalien durch das furchtbare Regime hinnehmen müssen.
PatZ. (07.07.2009, 10:02 Uhr)
Gott segne...
Lieber Herr Janis Vougioukas,
Gott segne sie!
Ich habe ja schon Schiss, dass mein auch manchmal etwas kritischer Blog (www.shanghai09.blog.de) Opfer der chinesischen Zensur wird.
Wenn Sie das lesen: es wuerde mich mal interessieren, ob man Sie an ihrer Arbeit hintert?
Ich habe immer Angst um ehrliche Journalisten in China...
LaoLu (07.07.2009, 00:08 Uhr)
@JimPanse
Die Überheblichkeit, die Sie bei der Kritik an Kommentaren von Menschen, deren Muttersprache nicht die deutsche ist, an den Tag legen, fällt auf Sie zurück.
Versuchen Sie bitte mal, in einer Fremdsprache, so Sie denn einer mächtig sind, einen grammatikalisch korrekten Kommentar abzufassen.
Sollte Ihnen das, zum Beispiel auf Mandarin, gelingen, können wir uns weiter über unzulängliche Sprachkenntnisse unterhalten.
Obwohl – arrogant wäre eine solche Diskussion immer noch.
Latze (06.07.2009, 19:28 Uhr)
Und so ein Land
wie China bekommt von Deutschland, immer noch "Entwicklungshilfe" von über 800 MILLIONEN Euro.
Ich schäme mich für dieses Land.
gesox (06.07.2009, 19:03 Uhr)
Der KP in China gebe ich noch 5-10 Jahre
Ein Regime, das auf Unterdrückung, Gewalt und Lügen aufbaut, wird früher oder später von den Bürgern abgeschafft.
JimPanse (06.07.2009, 17:14 Uhr)
@S-achte: Genau
...daneben. Was hat die jahrtausendalte Geschichte eines Landes mit aktuellen Menschenrechten und Meinungsfreiheit zu tun? Widersprüchlichkeit der Systeme rechtfertigt unterdrückte Pressefreiheit? Möglichkeiten eines Landes auf Kosten von Willkür und Machtmissbrauch? Föderalismus nach Besetzung und Annektion? Verständnis für andere Kulturen sind das Eine, aber es ist immens schade, dass du Wirtschaft und Politik nicht von Kultur und Geschichte zu unterscheiden scheinst. Vielleicht mal die rosarote Brille weglegen, den Sonnenuntergang vom letzten Chinaurlaub vergessen und dann beobachten, kommentieren und begleiten.
inselkarl (06.07.2009, 16:54 Uhr)
Normale Nebenkriegsschauplätze
Die Aufgeregtheit des Westens sollte sich bei den Unrughen in Uigurien in Grenzen halten. Hier agiert eine neue Weltmacht mit Repression, anderswo mit Zuckerbrot. Leider hat der Westen, resp. das Abendland hier nichts mehr zu sagen, weil es sich in seiner Beliebigkeitsideologie und pseudomoralischen Überkorrektheit als altersschwacher zahnloser kasrtierter Kater zeigt, dem die Tigerstaaten der BRIC mit kurzem Knurren das Gnadenbrot( ÖL Gas Rohstoffe Industrie- und Konsumgüter) verweigern können. Aber nicht alle glauben, der Kampf der Kulturen ist schon verloren. Eunflussreiche Kreise schicken demnächst Israel in einen Krieg mit dem Iran- entweder zur kurzfristigen Sicherung des Weltfriedens oder als Preludium zum III. Weltkrieg.
utospatz (06.07.2009, 16:53 Uhr)
Was nutzt dir eine zehntausendjährige
Kulur, wenn du morgen an dem ersäufst was du produziert hast?
Wenn nach Fertigstellung des Yangtse-Damms dießer bricht, 500dert millionen ersaufen, die Restwelt mit Hilfsmitteln stillhält, was glaubst du, was dann mit Peking geschieht?
Es ist doch heute schon so, wenn in Ostchina ein Bergwerksunglück geschieht, müsste Peking 1tausend Rettungskräfte einfliegen, um 10 Kumpels zu retten.! Wenn dann noch 750millionen auf die Restarmee' zugehn, erst dann werden in Peking die Lichter ausgehn! Eine jede Geschichte wiederholt sich!
S-achte (06.07.2009, 16:35 Uhr)
@JimPanse, @undjetztnochder
@JimPanse
Eigentlich ist es ja müßig, Deinen Beitrag zu kommentieren.
Kennst Du überhaupt irgendeinen Chinesen außer SüßSauer?
Es ist immens schade, daß dieser Haufen 'Anti China Aktivisten' keine Lust hat, sich mit der Geschichte, der Kultur und den Möglichkeiten dieses Landes auseinanderzusetzen.
Auch nicht mit den Widersprüchlichkeiten der Systeme hier wie dort.
Was also soll Dein Gequatsche?
ProChinaAktivisten? Dui, die gibt es und die sind zu erkennen. Aber eine ehrliche Diskussion führt Ihr AntiChinaAktivisten Deines Schlages auf Grund mangelnder Kenntnis auch nicht.
Schreib doch mal einen Beitrag zu den Hintergründen der muslimischen Einflußnahme in nicht-muslimischen Ländern. Fällt Dir dazu was ein? Bin gespannt drauf.
@undjetztnochder
Kommt drauf an, auf was ein Gebilde man aus ist. China versucht derzeit eine Art Föderalismus zu implementieren, was die Stärkung der schwächeren Regionen voraussetzt. Das braucht Zeit und das Land geht andere Wege, als wir das kennen.
Beobachten, kommentieren, begleiten ist es, was wir für China tun können. Aber das geht nur, wenn wir uns um Verständnis der chinesischen Kultur kümmern. Ansonsten bleibt es Propaganda und Verurteilung.
ATV1 (06.07.2009, 16:25 Uhr)
bzgl. Schweiz
Die Schweiz ist ein schlechtes Beispiel weil diese auch nur notgedrungen (Druck von Außen) sich zusammengeschlossen hat und es auch in der Geschichte der Schweiz viele Kämpfe zwischen den Kantonen gegeben. Also so unblutig und friedlich war das alles nicht.
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