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2. Januar 2008, 15:26 Uhr

Droht die "kenianische Katastrophe"?

Bislang galt Kenia immer als das nette Musterländle Afrikas. Doch es gärt schon länger dort. Wie so häufig auf dem schwarzen Kontinent bereichern sich "fette Katzen" an der bettelarmen Bevölkerung und der höchste Anti-Korruptionsbeamte musste vor seiner eigenen Regierung fliehen.

Aufständische in Mathare: Banges Warten auf die Massendemo der Opposition© Boniface Mwangi/DPA

Die Bilder erinnern an grausame Bluttaten, wie sie so nur allzu oft in Ländern der Nachbarschaft verübt wurden: Burundi, Kongo, Uganda, Somalia, ganz zu schweigen vom Völkermord in Ruanda. Doch Kenia galt immer als nettes Strand- und Safari-Ländle. Afrikanisch zwar, aber irgendwie nicht in Afrika. Nun schrecken Berichte über verbrannte Menschen, die in einer Kirche Schutz gesucht hatten, die Welt auf. Ermordet wurden sie allein dafür, dass sie Kikuyu waren - also dem Volk des Präsidenten Mwai Kibaki angehörten, dem Oppositionsführer Raila Odinga vom Volk der Luo wohl nicht zu Unrecht vorwirft, Kenias Wahlen gefälscht zu haben.

Hektisch wird nun zwischen Regierungen in westlichen Hauptstädten - und von dort mit den Kontrahenten in Kenia - telefoniert. "Versöhnt Euch!", lautet die Forderung an Kibaki und Odinga. Gordon Brown, der Premierminister der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien, brachte sogar den Vorschlag einer Regierung der nationalen Einheit ins Spiel. Nichts wäre peinlicher für die Afrika-Politik des Westens, die im letzten Sommer beim G8-Gipfel neu beschworen wurde, als eine sich ausweitende "kenianische Katastrophe".

Erstmals wurde eine Kirche angegriffen

Dass die tatsächlich droht, dass selbst das Urlauberparadies Kenia wie vorher viele andere Staaten des "Schwarzen Kontinents" im Chaos versinken könnte, hat Kenias Polizeisprecher Eric Kirathi unfreiwillig, aber eindrucksvoll deutlich gemacht: "Dies ist das allererste Mal", sagte er sichtlich erschrocken, "dass eine Gruppe der Bevölkerung bei uns eine Kirche angegriffen hat. Eine derartige ungezügelte Brutalität hätten wir hier niemals erwartet."

Karte Kenias: In Eldoret verbrannten 50 Menschen in einer Kirche© stern.de-Infografik

Dennoch kann es Kenia-Kenner im Westen kaum überraschen, dass das Land am Rande des Abgrunds steht. Es gab immer wieder Warnsignale für eine sich vertiefende gesellschaftliche Krise. Doch sie fanden nie das Ausmaß an Beachtung, das sich besorgte kenianische Intellektuelle und Patrioten wie der Journalist John Githongo gewünscht hatten.

Er hatte seine Stimme schon zu Zeiten des Kibaki-Vorgängers Daniel Arap Moi gegen die maßlose Bereicherung einer kleinen Schicht "fetter Katzen" in Kenia auf Kosten der bettelarmen übergroßen Mehrheit erhoben. Weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt heute - mehr als vier Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit - unterhalb der Armutsgrenze.

Anfangs hatte Kibaki, der vor seiner ersten Wahl im Dezember 2002 den Kampf gegen die Korruption versprach, sich mit Männern wie Githongo geschmückt. Er machte ihn zum Chef einer neuen Anti-Korruptions-Behörde. Drei Jahre später floh Githongo, der wie Kibaki dem Kikuyu-Volk angehört, vor seiner eigenen Regierung nach London.

Was er mitbrachte, waren Unterlagen, die das Ausmaß der korrupten Machenschaften auch unter Kibaki enthüllten. Er hoffte, dass die sogenannten Geberländer die Notbremse ziehen würden, der Regierung in Nairobi den Geldhahn zudrehen und ultimativ eine Austrocknung des Korruptionssumpfes sowie mehr soziale Gerechtigkeit verlangen würden. Doch Politiker im Westen begnügten sich mit starken Worten und symbolischen Gesten. "Sie glaubten nicht, dass eine Kraftprobe mit Kenias Baronen der Korruption letztendlich in ihrem Interesse stehen würde", schrieb der Afrika-Kenner Michael Holman in der Londoner "Financial Times".

Als Hauptgrund sieht er wie viele andere politische Beobachter, dass Kenias Herrscher - wie korrupt und menschenverachtend sie auch sein mögen - es stets verstanden, sich unter Hinweis auf radikal-islamische Gefahren in Somalia und anderen Ländern der Region als "Verbündete im Krieg gegen den Terrorismus" anzudienen. "Angesichts der langfristigen Militärabkommen der USA und Großbritanniens mit Kenia", so Holman, habe der Westen nicht gefährden wollen, was er als "Insel der Stabilität" angesehen habe. Nun fragen sich viele, ob die Insel nicht doch untergehen könnte.

Die Völker Kenias Kenia hat 36,7 Millionen Einwohner, verteilt auf 40 verschiedenen Volksgruppen. Die größten sind: Kikuyu (22 Prozent), Luhya (14 Prozent), Luo (13 Prozent) und Kalenjin (zwölf Prozent). Präsident Mwai Kibaki gehört den Kikuyu an, die aus dem zentralen Hochland kommen und wirtschaftlich stark sind. Oppositionschef Raila Odinga ist ein Luo. Zu seinem Wahlbezirk gehört eine der größten Armensiedlungen Afrikas, deren mehrheitliche Luo-Bevölkerung fanatisch verehrt. Ex-Präsident Daniel Arap Moi gehört zum Volk der Kalenjin, aus dem die meisten der berühmten Langstreckenläufer Kenias stammen. Die Massai sind Kenias bekanntestes Volk, stellen aber nur 1,6 Prozent der Bevölkerung. Kenia wird dafür gelobt, dass es seit seiner Unabhängigkeit 1963 weitgehend Frieden bewahrt hat. Das Stammesbewusstsein im Land sitzt aber tief und besonders rund um Wahlen kommt es immer wieder zu Unruhen.

Thomas Burmeister/DPA
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Vincent_Vega (03.01.2008, 00:28 Uhr)
Gelaber über Waffenhandel
Natürlich gibt es Waffenhandel auch vom Westen nach Afrika. Aber es gibt in Kenia auch viele Kalashnikovs und die sind ja nicht gerade ein deutsche Erfindung.
Fakt ist, dass vieles von dem, was im Westen veraltet ist, in Afrika gerne weiter verwendet wird, und wenn es Drittstaaten über den internationalen Güterverkehr an die Afrikaner verkaufen.
Man könnte, wenn man es genau nimmt, mal vergleichen was mehr tötet: Waffen, Alkohol- oder Zigarettenmißbrauch.
Es gab vvor einigen Jahren eine Doku, wonach pro Tag mehr als 1000 Menschen in der ganzen Welt zu Tode kommen(ergo gut 365000 per anno).
Durch Alkohol- und Zigarettensucht kommen aber allein in Deutschland mehrere Hunderttausend Menschen im Jahr ums Leben. Und Alkohol wird auch innerhalb unserer Grenzen produziert und konsumiert.
____________
@Kiezzabel
natürlich hatten die Russen keine Kolonien in Afrika. Aber Deutschland wart nach 1945 viergeteilt. Was er aber sonst noch aussagen will, bleibt sicher sein Gemheimnis.
Kiezzabel (02.01.2008, 16:45 Uhr)
Europa ist auch nicht besser
huch, ich wusste gar nicht, dass es russische Kolonien in Afrika gab okay .. so ganz früher mal zwei flecken. .Hauptsächlich gab es deutsche, portugiesische, französische, britische, italienische udn belgische Kolonien. Ach ja .. und zwei Zipfel hatte sich Spanien unter den Nagel gerissen.
Am besten wäre es gewesen, man hätte sich die Kolonien gespart. Es hat letztendlich eh nicht viel gebracht.
Aber es ist nun so wie es ist und in einer globalisierten Welt ist wegschauen nicht angesagt.
Das Problem ist der Rassismus in Afrika. Ethnische Zugehörigkeit zählt oft mehr als Ländergrenzen. Das ist das Problem.
Und wir europäer sollten mal nicht so laut werden. Wie lange haben sich Katholiken und Protestanten in Irland das Leben schwer gemacht? Baskenland, Balkan etc.
Wenn man die europäischen Konflikte unter afrikanischen Rahmenbedingungen abwickeln würde, sähe das bei uns auch nicht anders aus.
Marty_D (02.01.2008, 16:26 Uhr)
klingt böse aber...
....vielleicht hätten die Besatzer die Kolonien nie aufgeben sollen im gegenteil besser man hätte afrika in 4 Teile geteilt, eine Französischen Sektor, einen Russischen, einen Britischen und einen Amerikanischen. Fertig.
Die Menschen im Französischen Sektor wären alle bei Atomtest umgekommen, die im Britischen Sektor wären alle zum aufbau von indien abkommandiert worden, die Russisch besetzten wäre alle einfach verschwunden, bzw. keiner wüsste wo die hin sind und im Amerikanischen, da wüchse jetzt Baumwolle - jede Menge!
Aber das allerbeste: natürlich kaufen die von uns Waffen, in der BRD darf man ja keine verkaufen es werden aber immer weiter welche gebaut, und wohin sonst damit???
oder was?
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