Die Taliban setzen Kinder als wandelnde Bomben ein oder ermorden Angehörige von Hilfsorganisationen. Konventionelle Kriegsführung sieht anders aus. Mittlerweile weiten sich die Kämpfe auch auf ehemals friedliche Provinzen aus - die Zermürbungstaktik der Gotteskrieger scheint aufzugehen. Von Carsten Stormer, Pul-e-Alam

US-Truppen gehen im Kharwar Distrikt in Stellung, um die Taliban zu beschießen© Carsten Stormer
Eigentlich sollte es ein beschaulicher Abend werden in dem kleinen Stützpunkt amerikanischer Militärpolizisten in Pul-e-Alam, einem Kaff etwa fünfzig Kilometer südlich von Kabul, in der Provinz Logar. Es ist 22 Uhr und im Fernsehen lässt das US-Basketballteam den Gegner Serbien wie Anfänger aussehen, einige Soldaten rappen im Flur zu den Beats von 50 Cent, andere sitzen am Computer und chatten mit Familie oder Freundin. Ausgelassene Stimmung wie in einer Jugendherberge. Bis plötzlich dieses Pfeifen zu hören ist. Es kommt näher, wird lauter, immer lauter, wie ein Teekessel, den jemand zu lange auf der Herdplatte stehen ließ. Man sieht sich verwundert an - dann bricht Panik aus.
"Incoming, incoming", schreit ein Soldat. "Wir werden beschossen!" Irgendwo in der Nähe explodiert etwas, dann noch mal. "Raketen!", ruft jemand. "Bullshit, das waren Mörser, Bruder!", sagt ein anderer. Ein Mann kommt aus der Dusche gerannt, nass und nur mit einem Handtuch bekleidet. "Verdammt, was ist hier los?" Egal, nur schnell in Sicherheit bringen. "Fuck", zischt Sergeant Frank Thayer und wirft sich im Rennen seine schusssichere Weste über, schiebt ein Magazin in sein Gewehr und rennt ins Freie, zwölf Männer und eine Frau folgen ihm. "Die Kerle schnappen wir uns", ruft er. "Roger that, Sir", ruft sein Trupp im Chor. Drei Minuten später rasen fünf gepanzerte Humvees aus dem Lager.

Willkommen in der Provinz Logar! Eigentlich soll diese Gegend relativ friedlich sein. Freundliche Bauern und Händler, die mit der afghanischen Regierung sympathisieren. "Denkste", sagt Frank Thayer. Der 31-Jährige aus dem Bundesstaat Nord Carolina ist erst seit ein paar Wochen wieder im Einsatz. Seitdem sein Fahrzeug während einer Patrouille von einer Granate der Taliban getroffen wurde, stecken "ein paar Eisensplitter im Hintern und der Ferse." Zwei Monate lang lag er in einem Militärkrankenhaus flach und in dieser Zeit nahmen Selbstmordanschläge, Hinterhalte und Angriffe der Taliban in Logar und vielen Teilen Afghanistans um etwa fünfzig Prozent zu - im Vergleich zum Vorjahr. Kaum ein Tag vergeht ohne Schreckensmeldung und Hilfsorganisationen melden, dass sie bald aus Sicherheitsgründen in vielen Teilen Afghanistans ihre Arbeit einstellen müssen, wenn es so weitergeht.
Über den Autor Carsten Stormer ist Reporter bei der Reportageagentur Zeitenspiegel. In Afghanistan begleitet er für stern.de US-Soldaten als "embedded journalist". Diese "eingebetteten Journalisten" sind im Kriegsalltag integriert, bekommen unter Umständen aber (von der Armeeführung) "vorgefilterte" Bilder und Informationen.