Barack Obama hat Konkurrent John McCain bei einer Wahlrede heftig attackiert. Er versicherte seinen Anhängern, den Krieg im Irak definitiv beenden zu wollen. Auch der Kampf gegen die Al Kaida habe oberste Priorität. Starken Tobak lieferte er beim Thema Todesstrafe. Von Matthias B. Krause, New York

Innerhalb von 16 Monaten will Barack Obama die Truppen aus dem Irak abziehen© Alex Wong/Getty Images
Der Schriftzug am Podium ließ keinen Zweifel an dem Zweck des Auftritts. "Judgment to Lead" stand da, suggerierend, dass der Mann hinter dem Pult das Urteilsvermögen habe, das mächtigste Land der Erde zu führen. Eine Dreiviertelstunde brauchte Barack Obama am Dienstag in Washington, um seine außenpolitische Vision zu erklären. Viel Neues sagte der demokratische Präsidentschaftskandidat dabei nicht. Ihm ging es viel mehr darum, seinen Anhängern zu versichern, dass er wie versprochen den Krieg im Irak beenden werde. Und den Vorwürfen seines Rivalen John McCain entgegen zu treten, er hänge in der Frage sein Mäntelchen in den Wind. Oder ignoriere die Fortschritte der erfolgreichen Großoffensive.
"Dieses Argument verschleiert, was notwendig ist im Irak", sagte Obama, "und es ist dickköpfig und ignoriert die Fakten der strategischen Rahmenbedingungen, mit denen wir uns beschäftigen müssen." Oberste Priorität sei der Kampf gegen Al Kaida und die Taliban in Afghanistan, fügte er an. Weit oben auf der Liste stünden zudem die Sicherung aller Atomwaffen, damit sie nicht in die Hände von Terroristen fielen, die Energiesicherheit und die Widerherstellung internationaler Allianzen. "Wie man es auch dreht, unser starrsinniger und unbegrenzter Fokus auf den Irak ist keine zuverlässige Strategie, um Amerikas Sicherheit zu garantieren", sagte Obama.
McCain kritisierte ihn prompt dafür, dass er schon vor seiner geplanten Reise in den Irak wisse, was am besten für das Land und für die amerikanischen Interessen sei. "Er spricht über seine Pläne für den Irak und Afghanistan, bevor er mit General David Petraeus gesprochen und bevor er zum ersten Mal seinen Fuß auf afghanischen Boden gesetzt hat." Normalerweise mache man das andersherum, beschied der Senator seinen jungen Kollegen: "Erst evaluiert man die Lage vor Ort, dann präsentiert man eine neue Strategie."
Inhaltlich unterscheidet sich Obams verfeinerte außenpolitische Vision nur in Nuancen von dem, was er im Vorwahlkampf gegen Hillary Clinton skizzierte. Am ehesten hat sich Betonung geändert, und er ist spezifischer geworden. So will Obama zwei Brigaden, der er aus dem Irak abzieht, kurzfristig in Afghanistan einsetzen, um die wiedererstarkten Taliban in Schach zu halten. Außerdem spricht er nun von "taktischen Anpassungen", die im Laufe des Abzugs unvermeidbar seien. Seit Neustem erwähnt er zudem die noch verbleibenden amerikanischen Soldaten, die unter anderem die Ausbildung der irakischen Armee fortsetzen und dafür sorgen sollen, dass Al Kaida nicht wieder im Irak Fuss faßt. Wieviele Truppen dafür benötigt werden und wie lange sie bleiben sollen, mag Obama derzeit nicht schätzen: "Aber niemand spricht davon, das Land aufzugeben." Diesen kleinen Zusatz hatte er im Vorwahlkampf gerne unter den Tisch fallen lassen.
Am einem Tag, an dem alle anderen in Washington über die sich verdüsternden Wirtschaftsaussichten sprachen, hielt Obama an seiner Strategie fest, McCain auf dessen scheinbar stärkstem Feld herauszufordern. Wenn es darum geht, wen die Amerikaner als nächsten Commander-in-Chief an der Spitze ihrer Truppen sehen wollen, sagen nämlich laut der jüngsten vom TV-Sender ABC und der "Washington Post" in Auftag gegebenen Umfrage 72 Prozent, der Vietnam-Veteran sei eine gute Wahl. Dagegen halten nur 48 Prozent Obama für den richtigen Mann an der Spitze der größten Streitmacht der Welt.
Diese Bedenken negieren Obama Vorteil, von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen zu sein, den nun keiner mehr mag. Fast Zweidrittel meinen mittlerweile, der Krieg war ein Fehler. Doch was der richtige Weg ist, ihn zu beenden, weiß keiner so richtig. 50 Prozent stimmen Obama zu, der die kämpfenden Truppen innerhalb von 16 Monaten nach Hause bringen will. 49 Prozent bevorzugen McCains Strategie, die sich auf keinen Abzugstermin festlegt.