Gesundheitsreform, Afghanistan, Haushaltsdefizit: Selten ist ein Präsident in den USA so schnell in Ungnade gefallen wie Barack Obama. Nun läuft ihm die Zeit davon und er muss auf volles Risiko gehen. Von Katja Gloger

Allein auf weiter Flur: Barack Obama muss derzeit an sehr vielen Fronten kämpfen© Alex Wong/Getty Images
Jeder hört es, jeder sagt es, jeder weiß es - und doch tut es immer wieder weh. Jener Prozess im Leben eines Politikers, den man "Ankunft in der Realität" nennt. Noch ist jeder amerikanische Präsident vom Gipfel seiner fast königlichen Amtseinführung auf den harten Boden der Tatsachen geplumpst. Und meistens hat es kaum länger gedauert als ein erstes halbes Jahr. Mehr als verlängerte Flitterwochen mit dem amerikanischen Volk war keinem vergönnt.
Es war also vorauszusehen, dass sich auch Barack Hussein Obama entzaubern würde. Einmal im Amt, in den Schraubstöcken der Macht, würde er das sorgsam gepflegte Image des Messias verlieren. Und wenn es nach seinen Beratern ging, dann sollte er das auch: denn auch Obama, der Präsident, sei schließlich nur ein Politiker - angewiesen auf Mehrheiten, auf Kompromisse. Ein Absturz war also vorauszusehen.
Aber niemand hätte erwartet, dass es schnell gehen würde, so rasant. Innerhalb von nur vier Monaten sank seine Zustimmungsrate um acht Prozentpunkte auf nunmehr 53 Prozent. Heute glauben 59 Prozent aller Amerikaner, dass ihr Land in die falsche Richtung geht. "Schon in den ersten neun Monaten seiner Präsidentschaft hat er sein politisches Kapital aufgebraucht”, analysiert George W. Bushs einstiger Ober-PR-Stratege Karl Rove nahezu genüsslich: " Und dabei steht ihm die härteste Arbeit noch bevor. Ein gigantischer Sturm braut sich zusammen. Ein perfekter Sturm. Und er kommt genau auf die Demokraten zu."
Es war ein schlechter August für Obama, ein brandgefährlicher August. Als ob ihm in diesem August die Kontrolle entglitten sei. Erst hat er die Linke in seiner Partei enttäuscht. Seine präsidiale Vorsicht etwa, wenn es um Verfahren gegen mögliche Folterer der CIA und der Befehlsgeber im Weißen Haus ging. Diese Rücksicht wurde ihm als Nachsicht ausgelegt - und als machtpolitisches Kalkül.
Er wusste zwar, sein größtes Projekt würde auf maximalen Widerstand stoßen: die Gesundheitsreform. Endlich eine Krankenversicherung für jeden Amerikaner, das hatte Obama während des Wahlkampfes versprochen, jeden Tag neu. Ein Gesetz sollte noch vor der Sommerpause im Kongress erarbeitet und verabschiedet werden, überparteilich, patriotisch - ein grandioser Sieg für Obama. Von wegen.
Denn dann begannen die Townhall Meetings. In den Wahlkreisen sind sie im Sommer eine Institution. Abgeordnete legen dabei Rechenschaft über ihre Arbeit im Kongress ab, und normalerweise ist es dort stickig wie langweilig. In diesem Sommer aber trafen die Abgeordneten aus Washington auf einmal auf tobende Bürger, zornig, schreiend, einige hatten sogar Waffen dabei, es kam zu Handgemengen. Abgeordnete, Senatoren kamen nicht zu Wort, ein paar schienen aufrichtig entsetzt über die Wut, die ihnen da entgegenschlug, Es war ein Aufstand gegen die geplante Gesundheitsreform, ein gut organisierter Aufstand von rechts. Zum ersten Mal musste Obama, Über-Kommunikator der Nation, zurückstecken. Er hatte noch nicht einmal etwas zu verteidigen: Bis heute gibt es keinen einheitlichen Gesetzesentwurf. Gleich mehrere Vorschlage, je Tausende von Seiten dick, kursieren in mehreren Ausschüssen, erst am 15. September soll ein Entwurf vorliegen, und auch das ist nicht gewiss. "Obama verbrachte wohl mehr Zeit damit, seinen Hund auszusuchen als mit der Reform der Krankenversicherung", höhnt der republikanische Gouverneur Haley Barbour aus Mississippi.
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