Die USA setzen sich selbst schachmatt

3. November 2010, 10:50 Uhr

Nach der Denkzettelwahl gegen seine Politik ist Barack Obama angezählt. Nun droht Stillstand - nicht nur politisch. Doch eigentlich muss das Land nichts weniger leisten, als sich neu zu erfinden. Eine Analyse von Katja Gloger

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Zornige Wähler haben den einstigen Hoffnungsträger Barack Obama teilweise entmachtet©

Am Ende war es nur noch die Frage: Wie viele? Wie viele Sitze würden sie gewinnen? 39 - so viele, wie die Republikaner brauchen, um die Mehrheit im Repräsentantenhaus zu erobern? Oder 50? Oder gar noch mehr? Würde man einen politischen "Erdrutsch" melden, eine "Revolution" gar, so wie vor 16 Jahren, als die Republikaner 1994 die Mehrheit im Kongress zurückeroberten?

Am Ende waren es mehr als 50 Sitze. Deutlich mehr. Ein satter Sieg, wie erwartet, eine glasklare Mehrheit für die Republikaner im Repräsentantenhaus. Der Senat bleibt, wenn auch knapp, unter demokratischer Kontrolle - immerhin.

Die zornigen Wähler haben die Regierenden in Washington abgestraft, das ist nichts Ungewöhnliches in einem Land, das mit Hingabe Misstrauen gegen "die da" in Washington pflegt. Ungewöhnlich ist allein, wie schnell sie die regierende Partei wieder aus den Ämtern gejagt haben, nämlich schon nach zwei Jahren. Es zeigt, wie groß die Wut ist - und die Angst. Und wie unberechenbar die Wähler geworden sind.

Dieses Ergebnis bedeutet einmal wieder Stillstand und Stagnation. Dabei muss dieses Land jetzt dringend lernen, eine ernsthafte Debatte über die eigene Zukunft zu führen. Es muss sich neu erfinden.

Es sind keine guten Nachrichten für Barack Obama. Denn die Mehrheit der Wähler hat diese Wahl auch zum Votum gegen den Präsidenten gemacht. In Scharen folgten sie den krakeelend-populistischen Kandidaten der rechten "Tea Party"-Bewegung, ein Desaster auch für moderate Republikaner.

Der amerikanische Traum - ein schwindender Mythos

Verzweifelt klammern sich deren Wähler an einen schwindenden Mythos, den amerikanischen Traum vom schwachen Staat und dem starken Einzelnen, der die Welt verändern kann. An den Mythos, nach dem jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Das Wort "Kompromiss" steht nicht auf der Tagesordnung dieser erzkonservativen Republikaner. Im Gegenteil: Sie wittern Morgenluft. Ein geschwächter Präsident - der nächste Wahlkampf hat jetzt begonnen. Der Kampf ums Weiße Haus.

Bestenfalls politische Trippelschritte wolle man diesen Präsident jetzt noch gehen lassen, höhnen die Republikaner. Und sie brauchen ja nur eine Waffe: Es ist ihre stärkste, und sie heißt "No".

Die Wähler haben sich in Scharen abgewandt von dem Hoffnungsträger, der Barack Obama noch vor kurzem für sie war. Die Wechselwähler vor allem, die Frauen, aber auch die jungen Enthusiasten der "Yes, we can"-Bewegung, die vor zwei Jahren noch für Obama von Tür zu Tür gingen, jeden einzelnen Wähler mobilisierten. Zu sehr enttäuschte er seine größten Anhänger: Guantanamo wurde bislang nicht geschlossen, ein Klimaschutzgesetz nicht verabschiedet. Zu trocken, zu sachlich, zu verkopft kommt er daher, der neulich noch so große Kommunikator, auch er längst gefangen im "Bubble", der Blase, die das White House umgibt.

Gesundheitsreform schlecht verkauft

Selbst seine historische Gesundheitsreform verkaufte er schlecht. Zu kompliziert, zu sehr schmeckte selbst diese Reform nach dem verhassten Washingtoner Politgekungel, ein Papiermonster, 2000 Seiten dick. Vor allem aber: Diese Reform, so nötig sie war, ging an der Mehrheit der Amerikaner vorbei. Denn die Mehrheit hat andere Sorgen. "Es ist die Wirtschaft, du Idiot". Mit diesem flapsigen Slogan hatte Bill Clinton einst seine Wahl gewonnen.

Ja, es ist die Wirtschaft. Nicht der Iran, nicht der Irak und auch nicht der Nahe Osten. Noch nicht einmal Afghanistan, wo 100.000 US-Soldaten einen aussichtslosen Krieg kämpfen. Mehr denn je wendet sich Amerika nach innen, betreibt Nabelschau, ist mit sich selbst beschäftigt. Angst ist das vorherrschende Gefühl, Zögerlichkeit, gar "Apathie", wie das Magazin "Newsweek" ausmacht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Obama steht für ein Wachstum ohne Arbeitsplätze. Deswegen werden die Republikaner nun offen Krieg gegen den Präsidenten führen.

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