Vor zwei Jahren gewannen die US-Demokraten vor allem im Mittleren Westen - dank ihres Helden Barack Obama. Nun fürchten sie bei der Kongresswahl ein Debakel - wegen Obama. Ein Besuch im heiß umkämpften Ohio. Von Sabine Muscat, Cincinnati

Für US-Präsident Obama dürfte es nach den Kongresswahlen schwer werden© Allison Shelley EPA/DPA
Die Ordensanhänger sitzen im Rechteck auf goldenen Stühlen, die Hände auf den Knien, die Rücken gerade, die Blicke starr geradeaus. Zu schwarzen Anzügen und schwarzen Krawatten tragen die Männer weiße Handschuhe und weiße Schürzen. In der Villa an der Windham Avenue in Cincinnati tagt die Freimaurerloge "True American No. 2", die zur einzigen afroamerikanischen Freimaurervereinigung in den USA gehört. Ein skurriler Ort für einen Wahlkampfauftritt - doch für Steve Driehaus geht es um alles.
Der Demokrat steht in der Mitte des Rechtecks und lässt den Blick durch den Raum schweifen. Die Versammlung lässt leicht vergessen, wo man sich befindet: mitten in Avondale, einem armen Stadtteil von Cincinnati, in dem überwiegend Schwarze leben. "Als wir ins Amt kamen, gab es die Angst, dass die Wirtschaft kollabieren würde", sagt Driehaus mit fester Stimme. Er sucht Blickkontakt mit den Männern: "Dass heute im produzierenden Gewerbe in Ohio wieder Arbeitsplätze geschaffen werden, liegt an unserem Konjunkturprogramm."
Eigentlich ist der Auftritt ein Heimspiel für Driehaus, die schwarzen Freimaurer sind ihm wohlgesonnen. Doch nach der Rede erheben sich einige Männer und tragen mit ernster Miene ihre Fragen vor: Warum es in Avondale trotz des Konjunkturprogramms nicht genug neue Jobs gebe? Warum Gangs weiter die Straßen unsicher machten? "Wir haben große Fortschritte gemacht", antwortet Driehaus. "Aber die Situation ist weit entfernt davon, perfekt zu sein."
Zwei Jahre nach der Wahl von US-Präsident Barack Obama ist die Stimmung schlecht im Mittleren Westen der USA. Die Arbeitslosigkeit liegt hartnäckig um die zehn Prozent, die Menschen sind frustriert. Die Demokraten hatten 2008 bei der Präsidentenwahl das Vertrauen der Wähler in Industriestaaten wie Ohio vor allem deshalb gewonnen, weil es der Wirtschaft so schlecht ging. Jetzt befürchten sie bei den Kongresswahlen am 2. November im "Rostgürtel" ihre schwersten Verluste. Die weiße Mittelklasse wendet sich den Republikanern zu, und die Schwarzen überlegen inzwischen, ob sie überhaupt wählen gehen.
Etliche Sitze im Repräsentantenhaus sind in Gefahr. In der Autostadt Detroit in Michigan kämpft sogar der Kongressabgeordnete Gary Peters um seinen Sitz, obwohl er ein Vorkämpfer für das Rettungspaket für die Autoindustrie war. Im Senat sieht es nicht besser aus: In Wisconsin kämpft der demokratische Senator Russ Feingold ums Überleben, in Illinois drohen die Demokraten den Sitz zu verlieren, den Obama vor zwei Jahren frei machte.
Gefunden in ... ... der Onlineausgabe der "Financial Times Deutschland"