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Der gelöste Gast

Der Besuch des US-Präsidenten in Berlin war im hohen Erwartungen aufgeladen. Doch nicht mit großen Worten, sondern mit kleinen Gesten gewinnt Barack Obama am Ende die Sympathien der Deutschen zurück.

Von Martin Knobbe, Berlin

Es waren nicht die großen Worte, über die man später sprechen wird, wenn man sich fragt, was dieser Besuch verändert hat, es waren die kleinen Gesten. Die Küsschen auf die Wange der Kanzlerin und ihre warme Entgegnung, "Lieber Barack, ich heiße Dich willkommen bei Freunden." Obamas Arm um die Schulter des zu Tränen gerührten Bundespräsidenten. Das Jackett, das der Präsident zu Beginn seiner Rede einfach auszieht. Die kleinen Pannen, als er schon zum Pult will und ihm die Kanzlerin zuraunt, "not yet", noch nicht. Die kleinen Scherze in der Pressekonferenz, als ein amerikanischer Journalist seine Frage an die Kanzlerin in einwandfreiem Deutsch vorträgt und Obama anmerkt: "Die Kanzlerin meinte, es war nur 'okay'." Sein breites Grinsen sagte alles: Barack Obama hatte viel Spaß in Berlin.

Die Lockerheit war Obamas beste Antwort auf die angespannte Atmosphäre in seinem Verhältnis zu den Deutschen. Was hätten da schon große Worte geholfen? Der Satz für das Geschichtsbuch? Er hätte ohnehin niemals die Wucht der Kennedy-Worte gehabt, auch nicht die der Sätze eines Ronald Reagan, es war nicht die Zeit dafür, und der historische Hintergrund war auch nicht gegeben. Obama sprach vor einem freien Berlin, das nicht mehr so sehr angewiesen ist auf die einstige Schutzmacht Amerika, auf ihre Solidarität, auch nicht auf ihre große Liebe. Das war dem Präsidenten sehr bewusst, er hat deshalb eine bescheidene Rede gehalten.

Diesmal gab der Präsident nicht den Messias

Was schon erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass sein bisheriger Ausweg aus Krisen immer das große Wort war. Obama weiß, wie sehr seine Visionen fesseln können, wie sehr seine Rhetorik an der Emotion rührt, 2008 trieb sie so manchem die Tränen in die Augen. Seine Rede fünf Jahre später aber war an vielen Stellen sachlich, professoral, sie umfasste viele Felder, zu viele, um zu berühren. Der Präsident gab diesmal nicht den Messias, den Guru, er war der Realist, der dennoch an große Ziele glaubt. Barack Obama war, wenn man es so will, in Berlin so authentisch, wie er es nur selten ist.

Seine eigentliche Botschaft steckte in den Gesten. Seine Gelöstheit in den Gesprächen mit Gauck, Merkel und Steinbrück, seine Zeichen echter Zuneigung, ausgerechnet von einem, von dem man weiß, dass er die große Nähe zu Menschen nicht mag. Es war die richtige Antwort auf das verstockte Verhältnis zu den Deutschen, auf deren leise Enttäuschung über nicht eingelöste Versprechen und ihr lautes Entsetzen über das Treiben der NSA. Obamas Botschaft war: Lasst uns über alles reden, aber lasst uns so darüber reden, wie es Freunde tun.

Der Beginn einer neuen Freundschaft

Diese Botschaft zog sich durch seinen gesamten Aufenthalt in Europa. In Nordirland, beim G8 Gipfel, nahm er sich über zwei Stunden Zeit, um mit Wladimir Putin alleine zu sprechen, intime Runden, die dem Präsidenten zuwider sind und die er gerne auf eine Länge beschränkt, die gerade nicht mehr beleidigend ist. Diesmal aber wusste er, wie notwendig das Zwiegespräch war, um wieder ein wenig Wärme in die Beziehung zu Russland zu bringen. In Nordirland, in dieser grünen Einsamkeit, sah man einen Obama, der den Körperkontakt zu seinen Kollegen suchte wie selten zuvor. Es war seine Art, wieder gutzumachen, was seine Politik der letzten Jahre zerstört hatte: den Glauben an den guten Obama, an den Menschen Obama.

Im Schloss Charlottenburg, beim Dinner mit der Kanzlerin und geladenen Gästen, bedankte sich der Präsident für den unglaublichen Empfang der Berliner, er beschwor die Freundschaft zu den Deutschen und sagte, wie persönlich wichtig ihm die Freundschaft mit Angela Merkel sei, die er so sehr bewundere. "Zum Wohl", sagte Barack Obama auf Deutsch. Es klang ein wenig wie der Beginn einer neuen Freundschaft.

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