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Obamas Rede in der Analyse

Die Kriege im Irak und Afghanistan, Abu Ghreib, Guantánamo. Die US-Politik der vergangenen Jahre haben viele Muslime als einzige Kriegserklärung begriffen. Nun hat Barack Obama mit seiner Kairoer Rede versucht, die Wunden zu heilen. Was genau hat der US-Präsident warum gesagt? Eine Analyse.

Von Niels Kruse

Applaus brandete schon vor Barack Obamas lang ersehnter Rede auf, als eine Mitarbeiterin die Bühne im großen Saal der Kairorer Universität betrat. Dabei säuselte sie "Speech test, test, test. One. Two. Three." ins Mikrofon: Einige Spaßvögel im Publikum klatschten.

Auch der nachfolgende Auftritt des US-Präsidenten war eine Art Test, eine Art "speech test". Geprüft sollte werden, inwieweit Muslime bereit sind, den rhetorisch angebotenen Handschlag Obamas, den Handschlag des neuen Amerikas, zu erwidern. Wie würden sie auf die zwar freundlichen aber auch verbindlichen Worte des US-Staatsoberhaupts reagieren. Der spannte in Kairo einen weiten Bogen - von den Errungenschaften des Islam, über den extremistischen Terror bis hin zur Rolle der Frau in den 48 vorwiegend muslimisch geprägten Staaten.

Monatelang war im Weißen Haus an dieser Grundsatzrede formuliert und gefeilt worden. Jedes Wort, jede Zahl, jede Koransure musste sitzen, um die 1,5 Milliarden Menschen, die sich weltweit zum Islam bekennen, davon zu überzeugen, dass es die Amerikaner ernst meinen mit Aussöhnung und Neubeginn zwischen dem Westen und der muslimischen Welt. Heraus kam eine typische Obama-Rede: Mit den typischen Verweisen auf seine persönliche Geschichte, den typischen Schmeicheleinheiten an die Adressaten und dem typischen Appell an das, was alle Menschen verbindet - den Wunsch nach Frieden.

Die Rolle des Islam

"Kairo ist eine zeitlose Stadt", hob der Präsident zu Beginn seiner Rede im Uni-Saal an, der mit 2500 handverlesenen Gästen gefüllt war. Hier habe einst die größte Bibliothek der Welt gestanden, was der Beweis sei, dass der Islam den Menschen Bildung und Fortschritt gebracht habe, darunter Algebra, den Kompass oder die Druckkunst. Und Toleranz. "Jahrhunderte lang haben Moslems und Christen friedlich zusammengelebt. Ich selbst habe es als Kind in Indonesien erfahren. Diesen Geist müssen wir wiederbeleben", so Obama. Natürlich gebe es viele negative Klischees über Moslems, genauso wie es negative Klischee über die USA gebe. Islamfeindliche Tendenzen aber werde er nicht hinnehmen, sagte Obama unter großem Applaus des Publikums. "Allerdings erwarte ich die gleiche Offenheit auch von der muslimischen Welt." Ein Neubeginn müsse auf gegenseitigem Interesse aneinander und Respekt begründet sein. "Und der Wechsel wird nicht über Nacht kommen." Obama streckte den Moslems mit diesen Worten die Hand entgegen - wie ein Visionär, aber nicht wie ein Fantast.

Extremistische Gewalt

Und dann wiederholte Obama einen Satz aus früheren Reden: "Wir führen keinen Krieg gegen die islamische Welt", sagte er. Dabei kann er diese Worte wohl kaum oft genug sagen. Denn die Kriege im Irak und in Afghanistan, die Folterexzesse im irakischen Gefängnis Abu Ghreib und das völkerrechtswidrige Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba - all diese Auswüchse der US-Politik im vermeintlichen Kampf gegen den Terror haben viele Muslime als globalen Kreuzzug Amerikas begriffen. George W. Bushs Tiraden schweißten sie weltweit gegen die USA zusammen.

Barack Obama beschrieb in seiner Rede, an welchem Trauma die USA seit den Anschlägen vom 11. September 2001 leiden und weshalb er deshalb weiter Taliban- und al-Kaida-Kämpfer in Afghanistan und Pakistan jagen werde. Er beschrieb aber auch, welche Fehler die USA in der Folge der Anschläge von New York gemacht hätten. Der Irak-Krieg sei so ein Fehler gewesen. "Diplomatie", so der US-Präsident, "wäre sicher hilfreicher gewesen". Ganz anders bewertete er dagegen die Situation in Afghanistan und Pakistan: "Ich bin für die Sicherheit meiner Landsleute verantwortlich und solange eine Gefahr von Extremisten in dieser Region ausgeht, müssen wir dagegen vorgehen", sagte er mit ernster Miene. Gleichwohl gestand Obama ein, dass das Problem mit militärischen Mitteln allein nicht zu lösen ist. 2,8 Milliarden Dollar stellten die Vereinigten Staaten dem Land am Hindukusch zur Verfügung, um dort eine Zivilgesellschaft aufzubauen. "Der Islam ist nicht Teil des Extremismusproblems, sondern Teil der Friedenslösung", sagte er in der ägyptischen Hauptstadt und erreichte mit diesen Worten eines seiner Hauptziele dieser mit Erwartungen überfrachteten Rede: die Herzen der Moslems.

Nahost-Konflikt

Das Verhältnis zwischen Israel und Palästina ist der zentrale Konflikt in den Beziehungen zwischen dem Westen und der islamischen Welt. Entsprechend viel Aufmerksamkeit widmete diesem Thema. Es war auch der einzige Aspekt, zu dem er sich in seiner einstündigen Rede konkret äußerte, auch wenn er seine bekannten Positionen im Wesentlichen wiederholte: An der Zwei-Staatenlösung führe kein Weg vorbei, sagte er, daran könne keiner zweifeln, der die Situation im Nahen Osten von beiden Seiten aus betrachtet. "Natürlich ist es für Palästinenser und Israelis leicht auf den anderen zu zeigen, und ihm die Schuld an den Spannungen zuzuweisen. Aber wer auf die Situation blickt, erkennt, was ohnehin jeder weiß: Dass nur ein jüdischer und ein palästinensischer Staat die Lösung sein kann." Deutliche Worte wählte Obama auch für den engen Verbündteten: Die israelischen Siedlungen im Westjordanland seien für die USA nicht akzeptabel, sagte er. Außerdem müsse Israel dem palästinensischen Nachbarn beim Aufbau des eigenen Staates helfen. Solche Solidaritätsbekundungen zugunsten des staatenlosen Nachbarvolks kommen in Kairo besonders gut an. Nicht zuletzt, weil Ägypten die Rolle als Dauervermittler in dem Konflikt langsam leid ist. Natürlich stünden auch die Palästinenser und die arabischen Staaten in der Verantwortung: So müssten die Extremisten der Gewalt abschwören und die muslimischen Bruderstaaten den Nahost-Konflikt nicht länger dazu nutzen, von den eigenen Problemen abzulenken. Niemand hatte im Vorfeld der Rede erwartet, dass Obama einen neuen Friedensplan entwerfen würde. Aber seine eindeutige Stellungnahme wird diejenigen überzeugt haben, die glaubten, Amerika würde einseitig nur Israel unterstützen.

Iranisches Atomprogramm

"Welche Zukunft will der Iran aufbauen?" Mit dieser Frage leitete Obama einen weiteren delikaten Teil seiner Rede ein. Wobei er das Thema überraschend kurz abhandelte. Obama erneuerte das Dialogangebot, das er vor einigen Monaten bereits per Videobotschaft Richtung Teheran gesendet hatte. Zum einen ließ er keinen Zweifel daran, dass er eine Nuklearmacht Iran verhindern will. "Wir müssen ein atomares Wettrüsten in der Region verhindern", sagte er. Wie genau, ließ er offen. Zum anderen versuchte der Präsident, die Iraner an den Verhandlungstisch zurückzuholen: "Es gibt viel zu diskutieren zwischen unseren Ländern." Sicher hätten viele Zuhörer zu diesem Thema mehr erhofft, aber Barack Obama war schlau genug, sich auf eine Gesprächseinladung zu beschränken, anstatt zu früh zu viel Hoffnungen zu schüren.

Menschenrechte

Barack Obama ist erst wenige Monate im Amt, doch in dieser kurzen Zeit beeindruckt er die Welt immer wieder mit Selbstkritik. So auch in Kairo. "Demokratie ist nichts, was man anderen Ländern einfach so überstülpen kann", sagte er und zielte mit dieser Äußerung auf den misslungenen Versuch seines Vorgängers George W. Bush, im Irak eine "Vorzeigedemokratie" zu errichten. "Die USA weiß nicht, was für andere Länder gut ist", sagte Obama bescheiden, um gleichzeitig das Hohelied der universalen Menschenrechte anzustimmen. Wichtig sei es, das die Menschen selbst bestimmen sollen, wie sie regiert werden wollen. Ein Seitenhieb war das auch auf den Gastgeber Ägypten, ein Land, in dem seit fast 30 Jahren der Autokrat Hosni Mubarak herrscht. Obama ging auch auf die Rechte von Frauen ein - ein heikles Thema in der islamischen Welt, das der 44. US-Präsident aber mit dem Hinweis abhakte, dass es Ländern, in denen Frauen gebildet seien, nachweislich besser ging.

Zusammengefasst war Obamas Rede in der Universität Kairo ein Bekenntnis zum Veränderungswillen der US-Regierung und ein Appell an den Veränderungswillen der Moslems, ein Großreinemachen nach dunklen Jahren, und der Versuch, dem Irrglauben entgegenzuwirken, bei Seiten stünden sich bis in alle Ewigkeit unversöhnlich gegenüber. 15 Minuten lang würdigte der US-Präsident die Errungenschaften der muslimischen Kultur und wurde dafür im Anschluss von den Angesprochenen gelobt. 20 Minuten dozierte er - mal nett, mal fordernd, mal offenherzig - über das Spannungsverhältnis zwischen den Kulturen. Zum Schluss fragte er: "Legen wir in Zukunft Wert darauf, was uns trennt oder was uns verbindet? Wir sollten den richtigen Weg einschlagen und nicht den einfachen."

Obama hat es sich nicht einfach gemacht in Kairo. Wichtig ist nun, wie die angesprochene muslimische Welt auf seine Worte reagiert. Dann erst wird sich herausstellen, ob er den "speech test" bestanden hat.

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