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18. September 2004, 10:00 Uhr

"Ich hatte 'ne super Zeit im Irak"

1000 tote US-Soldaten im Irak - und 7000 Verwundete, die fast in Vergessenheit geraten sind. Sie sind entstellt und verbrannt. Und sie versuchen sich und die Welt davon zu überzeugen, dass sich ihr Opfer gelohnt hat.

Aaron Coates, 173rd Airborne Brigade. Der 24-Jährige lag nach einem Überfall auf seinen Militärkonvoi zwei Wochen im Koma. An der linken Hand fehlen alle Finger, an der rechten zwei. Sein Gesicht ist verbrannt© Ed Kashi/Corbis

Woher kommt dieses Lachen? Dieses befreite, fröhliche Lachen? Wie können sie lachen, wenn doch eine Granate ihre Beine zerfetzt hat? Schwärmen von einem Krieg, der aus ihren jugendlichen Gesichtern Kraterlandschaften formte? Und weshalb haben sie keinen sehnlicheren Wunsch, als zurückzukehren in den Irak, in diesen nicht zu gewinnenden Krieg? Was ist das für eine eigenartige Welt dort oben im vierten Stock des Militärhospitals von San Antonio,Texas, wo die Amputierten landen, die Verbrannten und all jene Fälle, die im Niemandsland zwischen Leben und Tod festhängen?

Was sind das für Fragen, antworten sie. Naive, dumme Fragen. Wer den Krieg nicht erlebt hat, könne diese Kameradschaft nicht verstehen. Wer nicht bereit sei, für sein Land ein Bein zu opfern, solle das Wort Patriotismus nicht in den Mund nehmen. Sie klingen, als duldeten sie keinen Widerspruch. Sie sitzen in einem Aufenthaltsraum im Ostflügel und klingen wie Veteranen, die in glühender Nostalgie zurückblicken auf die gute alte Zeit. Dabei sind sie Anfang 20. Sie haben einen Bart, der noch kein richtiger Bart ist. Sie heißen Coates, Garriga, Leverkuhn und Jackson und mögen alle ihre unterschiedlichen Geschichten haben, Geschichten voller Tragik und Glück, aber wenn es um diesen Krieg geht und dieses Land, dann passt kein Blatt zwischen sie und schon gar kein Reporter aus dem alten Europa.

Was er alles wissen will, dieser Reporter. Ob der Krieg im Rückblick nicht schrecklich sei, unrecht und ein Fiasko. Wie mitleidig er blickt, dieser Reporter, als sei das Leben ohne Gliedmaßen ein Stigma. Das Leben fängt jetzt erst richtig an. Coates hat sich gerade verlobt. Leverkuhn ist frisch verliebt. Der beinamputierte Jackson wird demnächst mit dem Präsidenten joggen. Und Garriga, der schon auf halbem Weg in den Himmel war, will auf Erden wieder kämpfen. Das ist die Wahrheit, die die Welt hören sollte, Herr Reporter, nicht immer nur die Lügen und Untergangsszenarien, die die Medien verbreiten, sondern Storys über echte Helden.

Da wäre Coates. Specialist Aaron Coates aus Kalifornien, 173rd Airborne Brigade, 24, blond, schlank, ein Kerl, der schon im Kosovo kämpfte. Als Coates zwei Wochen nach dem Überfall auf seinen Militärkonvoi aus dem Koma erwachte, fiel sein erster Blick auf die rechte Hand. Sie hatte keine Finger mehr. Er blickte auf die linke Hand. Sie hatte nur noch drei Finger. Er blickte in den Spiegel und sah ein Gesicht, das er nicht wiedererkannte, und Ohren, die auf die Hälfte heruntergebrannt waren.

Coates musste schlucken, aber weinen würde er nicht. Diesen Gefallen würde er den Terroristen nicht tun. Er erinnert sich auch nicht, schockiert gewesen zu sein, nur an seine ersten Gedanken erinnert er sich noch gut: Ich muss zurück zu meinen Kameraden, zurück auf meinen Truck, was haben die irakischen Schweine mit meinem Truck gemacht, ich fahre los, nach Kirkuk, vielleicht schon morgen. Es war Donnerstag, der 12. September 2003, und Kirkuk war 5000 Meilen entfernt.

Coates bat die Ärzte um Erlaubnis, doch die fragten nur zurück: Wie willst du ohne Finger schießen, Coates? Wie willst du mit verbrannten Augen den Feind erspähen? Wir hoffen, dass du überlebst. Da knallte auf einmal die Realität in Coates Leben. Draußen schoben sich Soldaten ohne Arme und Beine über den Flur, und aus den Zimmern drangen die Schreie der Männer, denen tote Haut abgeschabt wurde. Er war auf der Intensivstation des Brooke Army Medical Center, und seine Zeit beim Militär war zu Ende.

Das BAMC ist ein sternförmiger Backsteinbau in der baumlosen Weite von Texas am Highway 35. Fährt man nach Süden, gelangt man zur Kelly Airforce Base. Fährt man nach Norden, trifft man auf die Randolph Airforce Base. Und entscheidet man sich für die Straße vor dem Eingang, stößt man auf Fort Sam Houston mit seinen 33.000 Soldaten und zivilen Angestellten. Wenn es so etwas gibt wie eine US-Militärhauptstadt, ist dies San Antonio, 150 Meilen nördlich der Grenze zu Mexiko. Selbst der Golfplatz gehört dem Militär und der Massen-Discounter.

Es sind bedrückende Tage in der Stadt. Die vergangenen Wochen gehören zu den schlimmsten im Irak. 67 tote GIs allein im August und noch viel mehr Verletzte. "Das Business zieht wieder an", sagt Major Louis Stout. Stout ist Leiter der Intensivstation. "Wenn wir voll sind, wissen wir, wie die Lage am Boden ist", sagt er. Dann brauchen sie hier keine Frontberichte. Dann müssen sie sich nur ihre Patienten anschauen, junge zerfranste Körper, die die Geschichte dieses Krieges erzählen, eines Guerillakrieges: Wenn die Amputierten kommen, gab es wieder einen Granatenangriff oder eine Minenexplosion. Kommen die schwer Verbrannten, ist ein Helikopter abgeschossen worden oder ein Benzintruck in die Luft gegangen. Und kommen sie in Scharen, ist das V-Wort wieder im Umlauf - Vietnam.

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