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4. Juni 2008, 15:43 Uhr

Obama in der Clinton-Falle

Barack Obama hat Hillary Clinton in einem zermürbenden Vorwahlkampf besiegt - und wird sie dennoch nicht los. Jetzt muss er sie einbinden, um ihre Wähler für sich einzunehmen. Gleichzeitig muss er sich von ihr befreien. Washington spekuliert über eine Lösung des Dilemmas. Von Katja Gloger, Washington

Zoom

Barack Obama ist der Sieger im Vorwahlkampf der US-Demokraten© Reuters

Es ist vorbei. Sie weiß es, schon lange weiß sie es. Eigentlich muss Hillary Rodham Clinton den Rückzug antreten. Und auch wenn nach den letzten Vorwahlen in Montana und South Dakota niemand von ihr erwartete, dass sie ihre Niederlage eingestehen würde, erwartete man doch eine Geste, ein Symbol, ein Aufruf zur Einheit. Und was sagte sie? "Ich werde heute Nacht keine Entscheidung treffen. Ich will, dass die 18 Millionen Menschen, die für mich gestimmt haben, respektiert werden." Es schien, als ob sie sich selbst die ganze Wucht eines Wortes noch nicht recht eingestehen will: "Defeat". Niederlage. Aus. Vorbei. Ende, nach diesem längsten Vorwahlkampf aller Zeiten.

Scheinbar möchte sie Barack Obama regelrecht zwingen, ihr die Vizepräsidentschaft anzubieten - aber will selbst dabei noch die erste Geige spielen. Schon im Verlauf des Wahltages hatte sie ja verlauten lassen, sie könne sich die Vizepräsidentschaft vorstellen. Passend dazu ließen ihre Berater ein Lied spielen. "Simply the best." "Schreibt mir", rief sie ihre Anhänger sogar noch auf, "Ich will Eure Meinung hören." Dies war keine Abschiedsrede - es war die Rede einer verhinderten Siegerin.

Da schauderte es selbst den alten Clinton-Strategen David Gergen: "Das war ganz schön trotzig. Eine verpasste Chance." Und Clinton- Biograf Carl Bernstein wusste: "Sie dachte doch ursprünglich gar nicht daran, aufzugeben." Das Wort "Niederlage" gehörte noch nie ins Wörterbuch der Clintons.

Obama hält Lobesrede auf Clinton

Doch es ist vorbei. Er hat gewonnen - und es ist schon jetzt ein historischer Sieg. Barack Obama ist der Präsidentschaftskandidat der demokratischen Partei. Er hat die Mehrheit der Delegierten hinter sich. Barack Hussein Obama, der Newcomer, ist nun der erste schwarze Präsidentschaftskandidat in der Geschichte Amerikas. Und natürlich war es kein Zufall, dass er sich für seine Siegesrede das mit mehr als 30.000 Fans vollgepackte Xcel- Energy Center in St. Paul, Minnesota, ausgesucht hatte - denn genau dort wird Anfang September der Republikaner John McCain zum Präsidentschaftskandidaten gekürt. So wie es auch kein Zufall war, dass an diesem sorgfältig orchestrierten 3. Juni nahezu stündlich neue Super- Delegierte ihre Unterstützung für Barack Obama erklärten, Jimmy Carter inklusive. Am Abend dann waren es Dutzende - und sie halfen Obama über die Delegierten-Hürde.

Und er trug, ganz Patriot, den Anstecker mit der amerikanischen Flagge am Revers und sagte "Gott segne Amerika." Brav bedankte sich Barack Obama bei seiner Frau und bei seiner Großmutter, der er alles verdanke.

Und bevor er am Ende dieses Tages dann voll mitreißender Energie und mit ernstem Gesicht mit einem gewaltigen Angriff auf John McCain den nationalen Wahlkampf eröffnete, hielt Barack Obama eine Lobesrede auf Hillary Clinton - elegant, großzügig nahezu hymnisch, als ob er sie geradezu zur Vizepräsidentschaft einlade. "Senator Clinton hat in diesem Wahlkampf Geschichte geschrieben. Und nicht nur, weil sie eine Frau ist. Sie ist eine Führungspersönlichkeit. Ich gratuliere ihr für diesen Wahlkampf. Und sie wird von zentraler Bedeutung für unseren Sieg im November sein. Ich ein besserer Kandidat, weil ich die Ehre hatte, gegen sie zu konkurrieren."

Welche Bedingungen stellt sie nun?

Es war seine Bitte um Einheit, um ihre Unterstützung, sein Angebot. Schließlich braucht er die 18 Millionen Wähler, die in den Vorwahlen für Hillary Clinton stimmten. Er braucht Hillary Clinton. Noch am späten Abend hinterließ er eine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter. Er sei zu einem Treffen bereit. Schon vorher hatte er ihr Gespräche angeboten, an einem Ort, zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl, um gemeinsame "Nach-Vorwahl-Aktivitäten" zu besprechen. Vielleicht gehört dazu auch eine mögliche Unterstützung bei der Begleichung ihrer rund 20 Millionen Dollar Wahlkampfschulden.

Es waren zwei Reden, zwei Welten. Und die müssen jetzt zusammenkommen. Die Frage ist nur: Welche Bedingungen stellt sie, bevor sie den Kniefall macht? Für sich, für ihren zornigen Mann Bill. Der hatte bis zuletzt mit rotem Gesicht über die Medien und ihren Sexismus gezetert, die seiner Frau nie eine echte Chance gegeben hätten. Und hatte sich besonders über einen bitterbösen Bericht in der Glamour-Zeitschrift Vanity Fair erregt, in dem von seiner mangelnden Urteilskraft, merkwürdigen Freunden und auch von anderen Frauen die Rede ist. "Schändlich" sei der Autor (der mit Clintons ehemaliger Pressesprecherin Dee Dee Myers verheiratet ist) schimpfte Clinton, "unehrlich und schleimig". Zum Schluss war es so, als ob er regelrecht fürchtete, dass es vorbei sein könnte. Und Hillary nicht ins Weiße Haus einziehen würde.

Sie will mitentscheiden

Sie kämpfte, versuchte es mit beinahe allen Mitteln, mal Mutter Theresa der leidenden Mittelklasse, mal Frauenrechtlerin, mal Gattin von Bill. Sie schwang populistische Parolen und scheute sich auch nicht, mit rassistischen Vorurteilen zu spielen. Doch sie kämpfte, sie gewann die letzten acht von 15 Vorwahlen. Sie gewann bei den ärmeren, weißen Wählern in wichtigen "swing-states", den hart umkämpften Bundesstaaten. Und sie erhielt - zumindest nach ihren mehr als umstrittenen Zählungen - insgesamt mehr Wählerstimmen, wenn auch nicht Delegierte. Unmissverständlich will sie dem Mann, der ihren so sicher geglaubten Sieg vermasselte, klar machen: sie kann mitentscheiden, wer der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird.

In den kommenden Tagen wolle sie eine Entscheidung fällen, sagte Hillary Clinton.

Und das wird höchste Zeit. Denn dringend muss Barack Obama jetzt nationales Profil zeigen, als Staatsmann, als potentieller Präsident für alle Amerikaner. Denn obwohl nach sieben Jahren Bush alle Zeichen auf einen demokratischen Sieg stehen müssten, liegt Kriegsheld John McCain zur Zeit gleichauf mit Barack Obama (oder Hillary Clinton) Und John McCain kann ihm wichtige Themen streitig machen: Klimawandel, sein Kampf gegen Bushs Folterpolitik, selbst der Irak - denn von dort will McCain, bis 2013 den Großteil der US- Truppen abziehen. Und zwar siegreich, wie er verspricht. "Ich werde mich im Irak niemals ergeben", sagt McCain, wann er immer er kann, ganz Patriot.

Gestern begann der nationale Wahlkampf, und Barack Obama hat einen langen Weg vor sich. Er muss jetzt sein eigenes Profil entwickeln, um seine Inhalte werben.

Es ist schon vertrackt: Barack Obama braucht Hillary Clinton - aber er muss sich auch von ihr befreien. Schon spekuliert man über einen goldenen Kompromiss: Er werde ihr die Vizepräsidentschaft anbieten - wenn er sicher sein kann, dass sie ablehnt.

Von Katja Gloger, Washington
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Johann58 (05.06.2008, 15:00 Uhr)
@katharina77 @poloele
irgendwann im Fruehjahr kam aus der Clinton Wahlkampecke der Spruch Bill Clinton war der erste schwarze Praesident. Naja, was versucht man nicht alles um bei den 'African Americans' zu punkten. In vielen Interviews haben schwarze Waehler die unverholene Meinung geaeussert, dass sie von Obama erwarten schwarze Politik zu machen. Was schwarze Politik ist koennen sie in den Suedstaaten beobachten.
Bush's Krieg gegen den Terrorismus hat inzwischen so um die 3 Trillionen US Dollar gekostet, der hohe Oelpreis ist eines der Resultate, zumindest teilweise. dann kann es doch nicht sein, dass man mit McCain die Politik mindestens 4 Jahre weitermachen will. Mehr als 4.000 gefallene Soldaten und zig-tausend Verletze und kein Ende in Sicht, das kann doch ein US Praesident nicht wirklich wollen oder etwa doch? Ich hatte mit vielen Vorbehalten an Hillary geglaubt mit Obama in der zweiten Reihe um sich fuer 4 oder 8 Jahre zu profilieren. Nun kann man fuer Amerika nur hoffen, dass McCain verhindert wird und wenn Obama tatsaechlich Praesident werden sollte er an der Aufgabe waechst.
poloele (05.06.2008, 02:50 Uhr)
@Johann
Mit Verlaub, hier in Oregon hat Obama die Vorwahlen gewonnen, obwohl hier kaum Schwarze wohnen, in unsrem Ort von 30.000 Einwohnern, vielleicht 10, etwas mehr in Portland, aber auch sehr wenige im Vergleich zu anderen Staaten.
Ausserdem hat Ron Paul fast 20% bekommen! Trotzdem, und obwohl ich (zwar wiederwillig ) das letzte Mal Democrats gewaehlt habe, diesmal stimme ich fuer McCain. Ich moechte keinen unerfahrenen evtl. Muslim Praesidenten
Katharina77 (05.06.2008, 02:25 Uhr)
@Johann
Ich will nicht behaupten es gaebe keinen Rassismus mehr. Es wird sie immer wieder geben, auf beiden Seiten. Schwarze, Weisse, Mischlinge die den Weissen nicht weiss genug sind und den Schwarzen zu weiss sind. Ich hoffe fuer alle Menschen, dass Rassimus irgendwann ausgeloescht ist. Ich finde Amerika hat mit der Wahl Obama's ein Zeichen gesetzt. Es wird Zeit fuer mehr Toleranz!
In den Suedstaaten ist es teilweise wirklich noch verkehrte Welt.
Johann58 (04.06.2008, 20:51 Uhr)
@Katharina77
Da ich seit Jahren in Georgia lebe und mich nicht ueber Europaeische Medien ueber den US Vorwahlkampf informiere, kann ich ganz gut beurteilen, was ablaeuft und hier in den Suedstaaten, nicht nur in Georgia ist die Wahl rassistisch Gepraegt. Ich bin im uebrigen der Allerletzte, der Politik und Bevoelkerung nicht voneinander trennt. Wenn Sie in einer Stadt wie Atlanta leben stellen sie ganz schnell fest, dass der Rassismus lebt und zwar im schwarzen wie auch im weissen Lager.
cecil (04.06.2008, 17:08 Uhr)
lieber alwo..
@alwo.lesen sie bitte mein kommentar bis zu ende da steht:
MÖGE DER BESSER GEWINNEN.
ich bin kein fan von obama oder clinton oder hillary...
america mag wie alle andere ein land wo farbe geschlecht und religionszugehörigkeit nicht egal sind,. aber es muss auch mal vom europäer anerkannt werden wenn die im gewisse felder Mütiger sind.
und ich bin auch ein französe.wenn wir mal über Sarkozy reden wollen.
er ist kein schlecchten Praäsident gar nicht!!!
er ist nur mutig genug um dem Volk die wahrheit zu sagen.
dass das französiche sozialsystem wie es bis jetzt gewesen ist , nicht mehr finanzierbar ist!!!
sein Haltung zum Migranten ist auch nun ehrlich.und wiederspiegel nur das was sein vVolk und die anderen Europäer denken.
nämlich dass die Migante es schlechter hier haben weil die faul sind; unpunklich sind; und sich nicht "assimilieren" lassen.
un so hat die "Absaugung vom Banlieu Jungendlichen mit Kärcher " zu seinem populistischen Präsidentiel erfolg beigetragen.
weil die leute es lieben wenn die ihre vorurteile bestätigen können..
Katharina77 (04.06.2008, 16:38 Uhr)
@Johann58
Wo ich lebe? Schon sehr viele Jahre in den USA (Baltimore um genau zu sein) Und ja, ich habe es im TV verfolgt, es wird kaum ueber etwas anderes gesprochen und wenn Sie sich saemtliche Umfragen anschauen, dann sehen Sie immer wieder etwas anderes. Ich kann nur berichten wie ich es hier persoenlich in meinem Umfeld erlebe, ueber Staatsgrenzen hinaus. Ich habe leider schon festgestellt, dass die Berichterstattung in Europa etwas zu wuenschen uebrig laesst. Man sollte die Amerikaner auch nicht staendig ueber Politiker deffinieren. Ich finde es oftmals sehr amuesant wenn hier Menschen ihre Anti-Ami Parole vertreten und es nur aus Magazinen und Zeitungen kennen...
albundy69 (04.06.2008, 15:50 Uhr)
MC CAIN FOR USA
ganz ehrlich, wen sollten die united-stätler wähle : einen schwarzen grinsemann, dessen mut nicht mal soweit geht hillary ihre grenzen aufzuzeigen, der ausser "change, change and change" keine argumente hat und nun daruf hofft, dass er angegriffen wird um dann mit der rassenkarte zu antworten, ODER einen ausgewiesenen Kriegshelden, dem Partei Partei ist und der SEIN Ding durchzieht ?
Twipsy (04.06.2008, 15:37 Uhr)
@lscheibi
Das kommt daher, wenn man wie Frau Clinton die Stimmen aus Florida und Michigan komplett zählt, was gegen die Regeln verstößt, die sie selbst vorher akzeptiert hatte. Allein dieses Vorgehen spricht gegen ihre Eignung als Präsidentin. Zumindest, wenn sich etwas verbessern sollte. Und bei den Latinos hat sie immer schon gute Karten gehabt, warum auch immer. Deshalb der Sieg in Puerto Rico.
lscheibi (04.06.2008, 15:30 Uhr)
Stimmen
Schon seltsam, das Clinton zwar insgesamt mehr Wählerstimmen hinter sich hat, aber trotzdem Obama mehr Delegiertenstimmen!
Nach dieser Niederlage von Clinton wird John McCain Präsident! Übrigens wählen sehr viele nicht-weiße Clinton, sonst hätte sie auch nicht Puerto Rico gewonnen!
alwo (04.06.2008, 15:01 Uhr)
Obama....
.....ist nichts anderes als die Clinton...nur eben in Schwarz. Warum sollen seine abgedroschenen Wahlkampf-Phrasen mehr Wert und Substanz haben als die seiner Vorgänger? Ein bisschen das Volk mit Rhetorik schmieren und schon gerät das amerikanische Volk in Euphorie. Man muss bedenken dass ein Grossteil der Amis nicht mal weiss dass Deutschland in Europa liegt. Und Cecil....obschon dass auch ich in Frankreich wohne und mir viel schlimmere Präsidenten als Sarko vorstellen kann....bin ich froh dass Obama es nicht sein wird...wir werden sehen.
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