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4. Juni 2008, 07:01 Uhr

Wie Clinton die Kapitulation verweigert

Für Hillary Clinton war es eine Party ohne Anlass zur Freude: In einer New Yorker Turnhalle erkennt sie die Leistung ihres Konkurrenten Barack Obama gewunden an - ohne jedoch zu kapitulieren. Dieser Abend offenbarte alle Stärken und alle Schwächen dieser Politikerin und ihrer Familie. Am Ende hörten ihre Anhänger einen vielsagenden Titel von Tom Petty. Eine Reportage von Jan Christoph Wiechmann, New York

Hillary Clinton gibt auch nach den letzten Präsidentschaftsvorwahlen der US-Demokraten - noch - nicht auf© Chris McGrath/Getty Images/AFP

Schon die Rufe draußen vor dem College sind eindeutig. "Denver", rufen ihre Anhänger, "wir tragen den Kampf weiter nach Denver." Und: "Rocky Mountains. Wir sehen uns in den Rocky Mountains." An diesem sommerwarmen Abend verliert Hillary Clinton den Kampf um die Nominierung ihrer Partei, aber davon ist hier im Baruch College in Manhattan nichts zu spüren. Mach weiter, ist die Botschaft ihrer Anhänger. Bis zum Parteitag in Denver im August. Bis zur Wahl im November. Bis zum bitteren Ende. "Zeig es allen, Girl!"

Die Stimmung im College schwankt zwischen Trauer und Wut, aber die Wut dominiert. Wut auf die Parteispitze, auf Obama, auf die Medien, auf alles und nichts, eine Wut, die nicht gerecht sein will. "Wir haben die meisten Stimmen und wurden betrogen", rufen Clintons Anhänger den Journalisten zu. "Es ist wie im Jahr 2000, das gleiche noch mal." "Diese Wahl haut uns um 200 Jahre zurück", sagt Lois Feldman aus Queens. "Man brachte uns Frauen um den Sieg. Hillary sollte niemals Vizepräsidentin unter Obama sein. Diesem Greenhorn. Da muss sie die ganze Arbeit machen und auch noch hinter ihm aufräumen. Nein, Hillary gebe nicht auf. Niemals."

Kein "for President" mehr

Um 21.30 Uhr gibt sie auf. Oder doch nicht? CNN meldet, dass Barack Obama nach diesen letzten Vorwahlen als Kandidat der Demokraten feststeht, aber Hillary Clinton trägt wie immer ihr Strahlen im Gesicht, als Bill und Chelsea sie auf die Bühne des College geleiten. Ihr Vorredner Terry McAuliffe kündigt sie noch als nächste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika an, und dann steht sie dort im leuchtend blauen Hosenanzug, an der Wand neben ihr noch das große Plakat "Hillary for President". Hinter ihr nur eines mit der Aufschrift Hillaryclinton.com. Kein Zusatz. Kein "for President" mehr.

Sie gratuliert Barack Obama zu einem "hervorragenden Wahlkampf", aber weiter geht sie nicht. Sie nennt Obama ihren Freund, aber nicht den Sieger. Sie gratuliert ihm nicht zum Erfolg, sie bringt es nicht über die Lippen. Im Stil einer konzilianten Siegerin bittet sie das Publikum um Anerkennung für Obama, um etwas Applaus, doch der fällt spärlich aus in der großen, voll besetzten Turnhalle. Sie zählt die Staaten auf, in denen sie gewann, die "Swing States" Ohio, Pennsylvania, Florida, Michigan, und heute Abend auch noch South Dakota, sie fragt in den Saal, wer der bessere Kandidat für die Wahl im November ist, und erhält prompt die Antwort: "Du." - "Wer ist in der Lage, das Weiße Haus zurückzuerobern?" - "Du." - "Ihr habt stets meine Hand gehalten und mir gesagt: Gebe nicht auf, kämpfe weiter."

"Denver", rufen die Menschen da. "Denver, Denver."

Hillary Clinton muss dies tun. Sie muss ihren Anhängern den Stolz lassen, und doch hat ihr Auftritt nichts von dem eleganten Abgang, den sich viele versprochen haben. Sie verspricht die Einheit der Partei, aber überzeugend klingt dies nicht. Spätestens nach fünf Minuten ihrer Rede ist klar: Sie will etwas. Sie will eine Menge. Sie ist noch nicht am Ende. Dies ist nicht ihre Kapitulation.

"Obama muss sich was einfallen lassen"

Ihre Unterstützer laufen zwischen den Journalisten herum und verbreiten die Botschaft des Abends: "Obama muss sich richtig was einfallen lassen", sagt der Abgeordnete Anthony Weiner. "Er ist der Kandidat, der morgen früh 18 Millionen gebrochene Herzen vorfinden wird."

Barack Obama ist ihr bei den Delegiertenzahlen uneinholbar enteilt, aber Clinton belehrt alle noch einmal, dass sie die meisten Stimmen in der Geschichte amerikanischer Vorwahlen erhalten habe, fast 18 Millionen, mehr als Obama. Den Sieg bringt ihr das nicht. Sie kann nichts mehr machen, außer die Entscheidung der Partei zum Wahlausgang in Michigan anfechten, was unklug wäre, oder auf einen Skandal im Obama-Lager hoffen, was sie nicht ernsthaft hoffen kann. Die Frage bleibt, worauf sie denn hoffen kann.

Was sie will. "Ich verstehe, dass viele Menschen sich fragen: Was will sie?" ruft sie - und antwortet gleich selbst: Ein Ende des Krieges, ein Ende der Wirtschaftskrise, Krankenversicherung für alle, es folgt eine lange Liste politischer Ziele. Was sie wirklich will, sagt sie nicht. "Ich will es von Euch hören", ruft sie den Anhängern zu und weiß, was kommen wird: Denver, Rocky Mountains, keine Kapitulation, und wenn, dann nur im Tausch mit dem Posten der Vizepräsidentin. Das Dream Team: Obama und Clinton.

Am Nachmittag erwähnte sie gegenüber New Yorker Abgeordneten erstmals, dass sie sich den Posten der Vizepräsidentin vorstellen könne, wenn es der Partei hilft. Aber das wiederholt sie jetzt auf der Bühne nicht mehr. Das eine Mal hat gereicht. Alle sollen wissen: Sie würde sich erbarmen, den Posten anzunehmen. Sie würde die Nr.2 akzeptieren, auch wenn ihr in Wahrheit die Nr.1 gebührt. Nun muss Obama handeln. Nun muss er sich überlegen, ob er darauf eingeht oder all ihre Anhänger verprellen will, die Armen der Gesellschaft, die Bauern, Arbeiter und vor allem die Frauen, Millionen Frauen. Das soll er sich mal trauen.

Will sie pokern?

Bei Hillary Clinton wirkt selbst diese Niederlage wie der Auftakt zum nächsten Sieg. Niederlagen kommen bei ihr im Leben nicht vor. Sie verliert nicht. Sie hat die Nominierung nicht verloren. Sie ist schon wieder auf dem Sprung in den nächsten Kampf. Aber man weiß bei ihr an diesem Abend nicht genau, was der Kampf wirklich soll. Will sie nur Muskeln spielen lassen? Der Parteispitze noch eines auswischen? Obama den Triumph verderben? Oder nur pokern? Auf seine Niederlage im November hoffen, damit sie in vier Jahren wieder antreten kann? Das kann sie nicht wirklich hoffen, aber ganz überraschen würde es einen nicht.

Nach 30 Minuten verlässt sie mit den Worten: "Es gibt keine Hürde, die wir nicht überspringen können" winkend und lächelnd die Bühne, und die passende Musik setzt ein: Tina Turners "You are simply the best" gefolgt von Tom Pettys "I won't back down."

Da geht, im Moment ihrer größten Niederlage: eine stolze Siegerin.

Eine Reportage von Jan Christoph Wiechmann, New York
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Day2walker (04.06.2008, 14:07 Uhr)
Erst einmal
muß man froh sein das Bush in Rente geht.
Zum Zweiten wirkt ein J. Mc Cain gegenüber Bush wie ein vernündtiger Mensch.
Somit hat die Welt schon JETZT gewonnen.
Ob es das I-Tüpfelchen eines demokratischen US-Präsidenten gibt, kann aus meiner Sicht für uns Alle nur hilfreich sein.
Wer es dann ist,,,,haben wir da wirklich Einblick wer der Bessere ist?
Bennington (04.06.2008, 13:58 Uhr)
@stefan30
Grandiose Argumentation, einfach nur peinlich.
Fakt ist Obama hat die Vorwahlen gewonnen, ohne wenn und aber. Und damit hat er das Recht gegen McCain anzutreten. Ob Clinton bei der Präsidentenwahl bessere Chancen hätte ist schlicht irrelevant. Das Gewinsel der Hillary Fans ist wirklich beschämend.
Nachtelb (04.06.2008, 13:29 Uhr)
Spekulationen ...
Man sollte sich einfach mal auf die Fakten berufen, statt Spekulationen und Unterstellungen zu äußern. Fakt ist, dass Obama nach geltendem amerikanischen Recht die Vorwahlen für sich entschieden hat. Die Demokraten sollten sich nun geschlossen hinter ihren Kandidaten stellen, sonst dürfen sie sich bei einer Niederlage gegen McCain nicht wundern. Hillary Clinton hat gekämpft bis zum Ende, aber nun ist die Entscheidung eindeutig. Das sollte sie ehrenhalber akzeptieren. Fakt ist auch, dass die Republikaner von jeher eine offensivere Außenpolitik geführt haben (die unter Bush groteske Ausmaße angenommen hat), während sich die Demokraten eher um die Innenpolitik und die sozialen Verhältnisse bemüht haben. Und genau da müssen sich die Amerikaner nun entscheiden: wollen sie weiterhin ihre Söhne und Töchter in sinnlose Kriege schicken, während ihre Landsleute zu Hause bei Katastrophen keine ausreichende Hilfe bekommen oder wollen sie einen anderen Weg einschlagen?
Ramunu (04.06.2008, 12:55 Uhr)
@ Danne
Natuerlich nicht, obwohl moeglicherweise am Wahltag viele einfach enttaeuscht zuhause bleiben. Aber das amerikanische Wahlsystem erfordert in der Realitaet, dass ein Bewerber die Swing States gewinnt. Obama hat schlechte Karten in diesen Staaten.
Danne (04.06.2008, 12:52 Uhr)
Entscheidung
Nach den Jahren der furchtbaren Politik der Republikaner und des sehr fragwürdigenden Ausganges der letzten Präsidentschaftswahl, kann es doch unmöglich sein, dass McCain auch nur den Hauch einer Chance haben sollte! Falls dieser das aber doch schaffen sollte, die Wahl zu gewinnen und Präsident der USA zu werden, dann "Gute Nacht"!
Dann haben wir spätestens in 10 Jahren den nächsten Weltkrieg und niemand macht sich noch Gedanken über Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Bildung und sonstiger aktueller Themen.
Danne (04.06.2008, 12:48 Uhr)
Hillarys Wähler
18 Millionen Hillary Wähler (eingetragene Anhänger der Demokraten!) würden aus Trotz nicht den demokratischen Kandidaten Obama wählen, sondern ehr McCain oder gar nicht? Wenn das stimmen würde, wäre das der Beweis, dass die USA noch ein Entwicklungsland wäre! So blöd können doch noch nicht einmal diese Amerikaner sein, oder?
Ramunu (04.06.2008, 12:26 Uhr)
Style over substance..
Obamas Unterstuetzung geht, demographisch gesehen, in die Tiefe, aber nicht in die Breite: ueber 90% der schwarzen Stimmen, dazu der intellektuelle Elfenbeinturm. Das war's. Hillary hingegen hat Frauen, weisse Arbeiter, Alte, sowie das jewish, das hispanic & das gay vote mit grosser Mehrheit gewonnen. Deshalb gewann sie die "Swing States". Obama hat im November ohne diese breit gefaecherte Waehlerschaft keine Chance.
Perkins1975 (04.06.2008, 10:46 Uhr)
Obama hat viele Skandale?
Hab ich hier was verpasst? Welche Skandale hat Obama denn? Diese von der US-Presse aus reiner Informationsgeilheit aufgebauschten Geschichten über seinen Pastor, darüber, dass er kein US-Fähnchen am Revers seines Sakko tragen wollte, dass seine Frau sagte, sie sei zum ersten Mal stolz auf die USA?
Ich gebe ja zu, dass dieser Kleinstkram, dieses aus deutscher Sicht völlig belanglose Zeug, sicher nicht hilfreich im Wahlkampf ist und ihn sicher einige Wähler kosten wird. Aber deswegen handelt es sich hierbei noch lange nicht um Skandale!
Seagull (04.06.2008, 10:39 Uhr)
@Jörg678....
Habe ich doch glatt nicht berücksichtigt das Sie Mr. Barack Obama persönlich kennen. Denn wie sonst könnten Sie so glasklar formulieren das er ein Blender ist? Jaja, hier sind sie wieder, die bösen Vorurteile.Und hinzu noch die Augen vor der Wirklichkeit verschließen.Es tut mir leid für Sie,aber HRC hat eindeutig verloren.Und das zu recht.
@Nihat.Savmaz und auch @shine sind da eindeutig weiter als Sie.
Florian30 (04.06.2008, 10:32 Uhr)
schade Hillary
du wärest eine perfekte Präsidentin geworden. Obama wird untergehen gegen McCain, und das ist gut so. Er hat schon so viele Federn gelassen, so viele Skandale hinter sich - und da wird noch so viel kommen, das nur die Republikaner verwenden können im Wahlkampf. Dieser blasse Träumer mit dem Charme eines Provinzpredigers hat schon so viele demokratische Wähler verprellt, dass er keinen swing state gewinnen wird.
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