Die Chemie zwischen Kanzlerin Merkel und Präsident Bush scheint zu stimmen. Doch muss die Kanzlerin aufpassen, dass die neue Nähe zu Amerika nicht plötzlich erdrückend wird. Katja Gloger, Washington

Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident George W. Bush besuchen das American Jewish Committee© Lawrence Jackson/AP Photo
Auch in der großen Politik, bei den Staatenführern, sagte sie mal, sei das Bedürfnis nach Kommunikation sehr groß. Wie bei einem Verwandtentreffen. Auch da sei man doch neugierig aufeinander. So simpel, weiß Angela Merkel nur zu gut, ist es natürlich nicht in der hohen Politik. Schon gar nicht, wenn es um die Supermacht USA geht, um Interessen, Ressourcen, Ideologie.
Doch sie weiß auch: Es schadet nicht, wenn der George Bush zum Telefonhörer greift und "Madam Chancellor" etwa fragt: "Na, wie war es denn neulich in Tomsk bei Präsident Putin?" Sieht so aus, als sei auch der zweite Besuch von Kanzlerin Merkel in Washington ein Siegeszug gewesen. Sie bringt große Politik auf den menschlichen Nenner mit ihrer leicht burschikosen Verbindlichkeit, dem gesunden Menschenverstand und ihrem spitzbübischen "Das-weiß-ich-besser" Lächeln, das so prima ankommt bei George W. Bush.
Sie weiß, ihre Biografie muss dem selbsternannten Freiheitskämpfer Bush wie ein lebender Beweis seiner "freedom agenda" erscheinen, seiner Ideologie vom "regime change". Wer den Kommunismus überlebt hat, glaubt dieser Präsident, der hat Rückgrat. Außerdem mag er ihre ungekünstelte Authentizität. "Sie kann klar denken", lobt er. Außerdem spricht sie Englisch - anders als Gerhard Schröder. Und traut sich, auch mal einen Fehler zu machen. Der Präsident weiß das zu schätzen. "Got it", weist er dann die bemühte Dolmetscherin knarzig zurecht. "Hab ich kapiert."
Auch zum zweiten Kanzlerin-Besuch gab es also die volle VIP-Packung aus dem Weißen Haus: langes Treffen im Oval Office, gemeinsamer Spaziergang durch den Garten in die Privaträume des Präsidenten. Der zeigte der Kanzlerin und ihrer Delegation die ganze Wohnung, und dann plauderte man sich fest bei Spare Ribs, Hummer und Kartoffelsalat. Berichtete über die Lage zu Hause: katastrophale Umfragewerte bei ihm, kometenhafte bei ihr. Man sprach über die leidige Innenpolitik: Steuersenkungen bei ihm, ganz anders bei ihr. Plauderte über die Heimat, über das Leben in der DDR und in Texas: keine Gemeinsamkeiten.
Bei so viel Harmonie-Offensive und eskalierenden Zutraulichkeiten wurde es einigen langjährigen Beobachtern ein wenig unbehaglich. So viel Enge, zu viel demonstrierte Nähe, erdrückend fast. Will Bush, fragen sich misstrauische Beobachter, Deutschland etwa einbinden in eine neue "Koalition der Willigen" - diesmal gegen den Iran? Natürlich will er.

Bundeskanzlerin Merkel applaudiert nach der Rede von Präsident George W. Bush© Matthew Cavanaugh/EPA
Jetzt gilt Deutschland den USA wieder als wichtigster Alliierter in Europa. Das hatte die Bush-Administration bereits vor gut einem Jahr mit der Reise des Präsidenten nach Brüssel und Mainz demonstriert. Doch damals glich die Stadt einer Festung, war kaum ein Mensch auf den Straßen. Damals herrschte noch Schröder-Bush-Eiszeit. Damals hatte es Monate gedauert, wenigstens ein Telefonat zwischen Bush und Schröder zu verabreden. Als es dann endlich zustande kam, knallte Bush nach wenigen Minuten entnervt den Hörer auf. Er hatte eine Entschuldigung des Kanzlers wegen des Hitler-Vergleichs der ehemaligen Justizministerin Däubler-Gmelin erhofft - vergebens.
Heute scheint Deutschland den USA wichtiger denn je. Großbritanniens Tony Blair angeschlagen, Frankreichs Chirac ein unberechenbares Auslaufmodell, sogar der treue Freund Silvio Berlusconi musste sein Amt verlassen. Bleibt Deutschland als internationaler Player mit diplomatischem Geschick, ein Mittler zwischen Russland und dem Rest der Westens. Und ein Hauptakteur im Drama um den Iran. Angela Merkel sucht den Schulterschluss mit Bush, weil sie glaubt, die neue Nähe gibt ihr Spielräume.