Platzende Leitungen, einstürzende Brücken und berstende Dämme: Seit Jahrzehnten geben die Amerikaner zu wenig Geld für ihre Infrastruktur aus. Eine Gefahr für die Wirtschaft - aber auch für Leib und Leben. Von Michael Gassmann und Sabine Muscat

Deiche kaputt und Land unter in Clarksville, Missouri© Win McNamee/Getty Images/AFP
Ein trüber Donnerstagmorgen, Mitte April in New York. In Schlafanzügen und Bademänteln taumeln schlaftrunkene Menschen in eine Hotelhalle. Feuer! "Es kam aus dem Boden", erzählt ein Mann erschrocken. "Ein paar Minuten später kamen sie, um uns in Sicherheit zu bringen." Nun steht er in aller Herrgottsfrühe mit Dutzenden weiterer Menschen vor dem Häuserblock in der 39. Straße. Feuerwehrleute versuchen den Brand zu bändigen. Unter der Erde waren Leitungen verschmort und hatten Gase in einem Kabelschacht nahe dem Bahnhof Grand Central zur Explosion gebracht. Ein Gutes hatte der Brand immerhin: Der Versorger ConEdison entdeckte so in der Nähe ein Leck in einer Erdgasleitung.
Wenige Wochen später, Mitte Mai, Midtown Manhattan. Morgens um 8.09 Uhr, zur Hauptverkehrzeit, geht eine Alarmmeldung bei der New Yorker Feuerwehr ein. Ein Sturzbach ergießt sich auf die Avenue of the Americas. Eine 85 Jahre alte Hauptwasserleitung ist gebrochen. Die Verkehrsader wird komplett gesperrt. Die Feuerwehr evakuiert Anwohner. Die Befürchtung der Behörden: Das Wasser ist mit Asbest verseucht. Geschäfte werden geflutet, darunter der Schmuckladen "Fortune" an der Fifth Avenue.
Und nun seit zwei Wochen die große Flut: An 23 Stellen brachen die Deiche entlang des Mississippi. Schlammbraunes Wasser ergießt sich über Farmland, sucht sich seinen Weg durch Kleinstädte und unterspült Autobahnen. 24 Menschen kamen bislang in den Fluten ums Leben, die Sachschäden gehen in die Milliarden. Die Preise für Getreide und Fleisch sind geradezu explodiert, schließlich gilt die Region als Speisekammer Amerikas. Ingenieure, die für den Erhalt der Deiche zuständig sind, fordern seit Jahren, die veralteten Bauwerke zu erneuern und Schutzmauern zu errichten. Weitere 48 Dämme seien akut gefährdet. Aber nichts passierte. Auch Präsident George W. Bush, als Mutmacher in der Region unterwegs, spendet alles: Trost, Verständnis, warme Worte. Aber Zusagen für Geld und Erneuerungen gibt es von ihm keine.

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Alle paar Wochen dringen verstörende Nachrichten aus den USA. Es sind kleine Apokalypsen, die sonst nur Hollywood inszeniert. Was ist das für ein Land, das mit Hightech-Revolutionen die Welt erobert, das so viele großartige Bauten aus der neuen Erde stampft - das zugleich aber abgewirtschaftet und marode ist? Ein Land, von dem so viel Fortschritt ausgeht und das in seiner Substanz so rückständig scheint?
Es ist nicht mehr zu übersehen: Die Infrastruktur in den USA ist in die Jahre gekommen. Die großen Investitionen in die Lebensadern der amerikanischen Industriegesellschaft liegen Jahrzehnte zurück. Viele der gewaltigen Netze und Bauwerke sind kaputt, ausgezehrt und gehören abgerissen oder ersetzt. Unglaubliche 1600 Milliarden Dollar müssten in den kommenden fünf Jahren ausgegeben werden, um sämtliche Systeme in Schuss zu bringen, hat der Verband der Bauingenieure ausgerechnet.
"Wir stehen vor einer Krise", warnt Verbandsdirektor Patrick Natale. "Der Zustand unserer Infrastruktur ist eine Bedrohung für die öffentliche Sicherheit und die Wirtschaft des Landes." Eine nationale Kommission aus Verkehrspolitikern und Managern kam im Januar zu einem ähnlichen Schluss: "Das Transportssystem ist an einem Scheideweg. Das künftige Wohlergehen und die ökonomische Führerschaft unserer Nation stehen auf dem Spiel." Das Fazit: Die Politik muss jetzt handeln.
Doch im Wahlkampf zeigt nur eine Partei den Willen, dies zu tun: die Demokraten mit Barack Obama. Sein Gegner John McCain hält nichts von großen staatlichen Investitionsprogrammen, für ihn sind sie eine Verschwendung von Steuergeldern. Seine Tirade gegen eine 320 Millionen Dollar teure "Brücke ins Nirgendwo" fehlt in keiner Wahlkampfrede. Die Brücke sollte eine Insel mit 50 Einwohnern in Alaska mit dem Festland verbinden. Das Projekt wurde in letzter Sekunde gestoppt.