Es waren Tage, in denen in Washington über das Schicksal der Welt entschieden wurde: Es ging um nichts Geringeres als die Rettung des globalen Finanzsystems. Bei unzähligen Treffen und auf Partys spekulierten die Mächtigen auch über den Untergang eines Hegemons. Von Katja Gloger, Washington

Die Welt retten, aber wie?: Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (l.) und sein amerikanischer Amtskollege Henry Paulson in Washington© Evan Vucci/AP
In diesen Tagen, in denen der amerikanische Kapitalismus zugrunde geht, herrscht im Epizentrum der Krise strahlender Sonnenschein. In Washington beginnt der Indian Summer, bunt färben sich die Blätter an den Bäumen. Doch die Manager des Weltfinanzsystems, die sich am vergangenen Wochenende zur Herbsttagung des Weltwährungsfonds (IWF) in Washington einfinden, haben keinerlei Sinn für Naturschönheiten.
Sie müssen jetzt die Welt retten - irgendwie. Müssen handeln - rasch. Aber sie fürchten, es könne schon zu spät sein.
Denn keine Maßnahme hat bislang geholfen. Da stellte die US-Regierung 700 Milliarden Dollar Finanzhilfen für die US-Banken zur Verfügung - und der Dow Jones fiel auf ein neues Rekordtief. Da verabschiedete die britische Regierung die Teilverstaatlichung notleidender Banken - die Londoner Börse fiel ins Bodenlose. Und was passierte, als die Bundesregierung eine Garantie für alle Spareinlagen übernahm? Der Dax stürzte weiter ab.
Zuletzt hatte man noch auf die sonst so verteufelten Staatsfonds anderer Länder gehofft. Zunächst hatten vor allem China und Kuwait auch ordentlich Geld in das strauchelnde Bankensystem gepumpt. Von bis zu 380 Milliarden Dollar ist die Rede. Aber dann versiegte auch diese Geldquelle.
Jetzt haben die Weltbörsen innerhalb eines Monats 27 Prozent ihres Wertes verloren.
"Endet der amerikanische Kapitalismus?" fragt die Washington Post. Die Menschen überall in der Welt haben uns einst für unser Wirtschaftssystem bewundert", antwortet der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, "Und wir sagten ihnen immer, wenn Ihr so sein wollte wie wir, dann müsst Ihr nur dem Markt die Macht überlassen. Jetzt hat niemand mehr auch nur einen Funken Respekt für dieses Modell. Denn überall in der Welt glaubt man, dass man wegen uns leidet."
"Mehr als 200 Jahre lang haben die USA und Europa mühelos ökonomische, politische und kulturelle Hegemonie ausgeübt", heißt es in der altehrwürdigen Financial Times. "Diese Ära endet nun."
Amerika scheint nahezu führungslos in diesen Tagen. Der Präsident, lahmer als eine lahme Ente, appelliert nun fast täglich an sein Land, an die Welt. An diesem Freitag spricht George W. Bush acht Minuten und zehn Sekunden im Rosengarten des Weißen Hauses. Er spricht von einer "zutiefst beunruhigenden Periode für das amerikanische Volk", von "unmissverständlichen Signalen" und von "Werkzeugen", die man jetzt anwende. "Wir werden das Ding gemeinsam durchstehen", sagt er. Das Ding. Aber in Wahrheit hört dem mächtigsten Mann der Welt niemand mehr zu. George W. Bush redet, und der Dow Jones fällt minütlich.
Es ist kurz nach acht Uhr an diesem Freitag morgen, als der übernächtigte Finanzminister Peer Steinbrück und Bundesbankpräsident Axel Weber in einem fensterlosen Konferenzraum des Fairmont Hotels zu einem Frühstück mit der Presse laden. Ein paar Früchte, ein schnelles Brötchen mit Schinken, lauwarmer Kaffee, bald beginnt das Treffen der G7-Finanzminister im US-Finanzministerium. Dort, wo Peer Steinbrück noch vor kurzem von seinem amerikanischen Kollegen Hank Paulson im Stehen abgefertigt wurde. Dort, wo die Warnungen vor einem Crash offenbar verhallten.