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10. März 2009, 12:38 Uhr

Auf Öl-Sand gebaut

Der fallende Ölpreis setzt Venezuela zu und zieht befreundete Länder wie Kuba und Nicaragua mit in die Pleite. Von Toni Keppeler, San Salvador

Weltwirtschaftskrise, Venezuela, Öl, Hugo Chavez

Ein Berg von Arbeit wartet auf Hugo Chavez (l.), doch von einer Krise will er nichts wissen© AFP

"Eine Krise? Zeig mir, wo hier eine Krise ist. Ich sehe keine." Venezuelas Präsident Hugo Chavez verhöhnt jeden, der ihn danach fragt, wann denn sein "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" von der Weltwirtschaftskrise eingeholt werden wird. "Selbst mit einem Ölpreis von null Dollar wird es in Venezuela keine Krise geben." Das ist mehr als nur schöngeredet. Denn auch Chavez weiß um die wichtigsten Kennziffern seiner Wirtschaft, und die sehen furchtbar aus: Der Preis für Öl aus Venezuela ist innerhalb eines halben Jahres von über 125 US-Dollar pro Fass auf weit unter 40 Dollar gesunken. Und Venezuelas Wirtschaft hängt am Öl.

Chavez hat diese Abhängigkeit selbst forciert. Als er 1998 zum ersten Mal ins Präsidentenamt kam, lieferte Erdöl 64 Prozent der Exporteinnahmen des Landes. Inzwischen sind es 93 Prozent. Ohne Petrodollars läuft nichts. Chavez hat die Bauern mit Landbesetzungen verunsichert und die nationale Industrie und internationale Konzerne mit Verstaatlichungen erschreckt. Es wird kaum mehr etwas produziert in Venezuela, alles wird im Ausland eingekauft. Das ging so lange gut, wie der Ölpreis stieg und stieg. Es blieb sogar noch viel Geld übrig für Sozialprogramme und für brüderliche Hilfe für befreundete Länder, von Kuba über Nicaragua bis hin zu Honduras und einem runden Dutzend karibischer Inseln.

Aufgeblasene Staatsausgaben

Aber 2009, im Jahr der von Chavez geleugneten Krise, wird es hinten und vorne nicht reichen. Nach neuesten Prognosen werden die Erdöleinnahmen von 92,9 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr in diesem Jahr auf 21,6 Milliarden sinken. Das reicht nicht einmal, um den Haushalt zu finanzieren, denn der kalkulierte einen Durchschnittspreis von 60 Dollar pro Ölfass ein. Im vergangenen Jahr mag das noch vorsichtig gewesen sein. Heute liegt die Zahl mehr als 50 Prozent über dem realen Preis.

Noch hat die Zentralbank knapp 30 Milliarden Dollar Reserven. Doch die sind angesichts des dramatischen Preiseinbruchs und der von Chavez aufgeblasenen Staatsausgaben schnell aufgebraucht. Der Präsident ist sich dessen bewusst. Nicht umsonst hat er im Februar im Rekordtempo eine Volksabstimmung durchgezogen, deren Ergebnis es ihm ermöglicht, sich wieder und wieder ums höchste Staatsamt zu bewerben. Sein Volk musste abstimmen, bevor es die Auswirkungen der Krise spürt. Die Armen sollten ihm seine Stimme geben, bevor er die Abgabe subventionierter Lebensmittel und kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung einschränken muss. Die nächste Wahl steht erst 2012 an. Bis dahin, hofft er, kann er wieder aus dem Vollen schöpfen und alles Elend vergessen machen.

Venezuelas Krise wird Kreise ziehen. Nicht nur das Land selbst hängt am eigenen Öltropf. Kuba ist heute fast so abhängig von Subventionen aus Caracas wie in den achtziger Jahren von der Sowjetunion. Nicaraguas Präsident Daniel Ortega - einer der treuesten Vasallen des Hugo Chavez - hat mit seinem autoritären Regierungsstil seine westlichen Geldgeber vergrätzt und muss nun tatenlos zusehen, wie sein letzter Helfer selbst in Not gerät.

Noch spukt Chavez große Töne. Aber ein erstes Opfer der Krise gibt es bereits: Anfang Januar hat Venezuela die seit 2005 geleistete Ölhilfe für 200.000 arme Haushalte in den USA eingestellt. Es war ein Propagandakniff, der dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush zeigen sollte, dass der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" sozialer ist als der Kapitalismus des von Chavez so genannten "Imperiums". Aber just als die Armen dort richtig von der Krise getroffen wurden, nahm Chavez ihnen die Bruderhilfe wieder weg.

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Von Toni Keppeler, San Salvador
 
 
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