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Töteten Karsais Leute einen UN-Mitarbeiter?

Eine UN-Untersuchung legt nahe, dass nicht Terroristen, sondern afghanische Sicherheitskräfte im Oktober in Kabul einen UN-Mitarbeiter töteten. Politisch nutzte der Mord vor allem Präsident Karsai.

Von Giuseppe Di Grazia und Anuschka Tomat, New York

Als im Morgengrauen des 28.Oktober 2009 drei Attentäter das Gästehaus der Vereinten Nationen (UN) im Stadtzentrum von Kabul überfielen, lief zunächst alles nach dem Plan der Terroristen: Sie erschossen die Wächter vor dem "Bakhtar Guesthouse", töteten weiteres Personal mit Handgranaten und Schüssen und machten sich dann daran, die rund 30 Bewohner umzubringen - fast alle waren UN-Mitarbeiter.

Doch plötzlich gab es Gegenwehr: Von einer geschickt gewählten Position auf einem der Dächer schoss der amerikanische Ex-Militär und UN-Sicherheitsbeamte Louis Maxwell auf die Angreifer. Schon Sekunden nach Beginn der Attacke um 5.45 Uhr hatte Maxwell zudem seinen Kollegen Oliver Smolcic per Funkgerät verständigt. Maxwell schoss und blieb in stetem Kontakt mit Smolcic. Bis um 7.20 Uhr. Einer seiner letzten Funksprüche lautete: "I am hit!", ich bin getroffen. Aber offenbar war die die Verletzung nicht allzu schwer, denn Maxwell redete noch weiter.

Video widerlegt offizielle Version

Dann, so die offizielle Version der afghanischen Sicherheitsbehörden, starb Louis Maxwell, tödlich getroffen von Kugeln der Angreifer oder bei den Explosionen der Sprengstoffgürtel, mit denen sich alle drei auch selbst umbrachten, anstatt sich den angerückten Sondereinheiten der afghanischen Polizei zu ergeben. Maxwell wurde posthum als Held geehrt: "Dieser Mann hat einer ganzen Reihe von Angreifern für beträchtliche Zeit die Stirn geboten", sagte UN-Sicherheitsexperte Paul O'Hanlon. "Hätte er das nicht getan, stünden wir vor Reihen von Leichen" - ohne Maxwells Einsatz hätte es ein Vielfaches an Opfern gegeben. So starben sechs Menschen.

Doch die Wirklichkeit dieses Angriffs entspricht nicht der offiziellen Version. Sie sieht anders aus: Auf einem Amateurvideo, das während des Überfalls aufgenommen wurde, sieht man, wie am Ende des Gefechts, als schon seit einer Weile keine Schüsse mehr gefallen sind, ein Mann sich auf allen vieren ins Freie rettet. Dann richtet er sich langsam an einem Humvee auf: Louis Maxwell. Er lebt, auch noch nach 7.20 Uhr. Er steht inmitten von afghanischen Polizisten verschiedener Einheiten, als plötzlich ein einzelner, gezielter Schuss fällt. Schreiend geht Maxwell zu Boden, stirbt. Keiner der umstehenden Polizisten nimmt auch nur Notiz davon. Der Mann neben ihm bleibt einfach stehen, der Mann im Geschützturm des Humvee schaut weiter stur nach vorn, ein Polizist mit Gewehr im Anschlag auf der anderen Straßenseite bleibt ebenfalls stehen, wie unbeteiligt. Als hätten sie es erwartet. Erst als Sekunden später drei weitere Schüsse fallen, nimmt der Polizist neben Maxwells Leiche reißaus, hebt dabei dessen Gewehr vom Boden auf und nimmt es mit.

Fataler Verdacht keimt auf

Sobald diese Aufnahmen im Januar erst dem damaligen UN-Missionschef Kai Eide und dann UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon vorlegt wurden, herrschte höchste Alarmstimmung im New Yorker Hauptquartier. Ein fataler Verdacht keimte auf, denn ein Nutznießer des Anschlags war letztlich Präsident Hamid Karsai gewesen: In den Tagen vor dem 28. Oktober hatten die UN-Wahlbeobachter, von denen mehrere im Bakhtar logierten, und vor allem die US-Regierung darauf gedrängt, dass Karsai vor dem bevorstehenden zweiten Wahlgang den für die Fälschungen im ersten Wahlgang hauptverantwortlichen Leiter der Wahlkommission, Aziz Ludin austausche. Weiterhin sollten jene Wahlbezirke ausgeschlossen werden, aus denen die meisten gefälschten Stimmen für Karsai gekommen waren. Von alldem war nach dem Anschlag keine Rede mehr. Die UN zog das Gros ihres Personals ab, Karsai ließ sich Tage später mit den launigen Worten vernehmen, man habe ja eh nie gewusst, wozu die UN im Lande sei: "Ich wünsche ihnen viel Glück, wohin sie auch gehen mögen!"

Anfang Februar wurde unter Beteiligung eines ehemaligen FBI-Beamten eine hochrangige Sonderermittlerkommission nach Kabul geschickt: sie sollte untersuchen, wie es sein konnte, dass Maxwell nicht während des Angriffs von Terroristen erschossen wurde - sondern anschließend, von jenen Polizisten, die ihn und die anderen UN-Mitarbeiter retten sollten.

Rund zwei Wochen lang bemühten sich die UN-Ermittler im Februar, Licht in die Affäre zu bringen. Das afghanische Innenministerium, Polizei und der Geheimdienst NDS hätten, so ein UN-Mitarbeiter in New York, eingestanden, dass es in der Tat denkbar sei, dass Maxwell von der afghanischen Polizei erschossen wurde. Der Grund: Jemand habe seine begehrte Waffe stehlen wollen, ein G 36 C, das von Personenschützern und Spezialeinheiten benutzt wird. Doch die Waffe lag bereits neben Maxwell, als er erschossen wurde - abgesehen davon, dass er in seinem Zustand kaum imstande gewesen wäre, einem fortlaufenden Polizisten zu folgen.

"Eine beunruhigende Möglichkeit"

Der Bericht der UN-Ermittler ist offenbar noch nicht endgültig abgeschlossen, er wird unter Verschluss gehalten. Jedoch räumte UN-Sprecher Farhan Haq in New York gegenüber stern.de ein, dass es durchaus möglich sei, dass Maxwell durch "friendly fire", mithin Schüsse der eigenen Verbündeten, ums Leben gekommen sei.

"Die vorläufige Schlussfolgerung der Untersuchungskommission erbrachte die beunruhigende Möglichkeit, dass ein bestimmtes Mitglied der UN-Belegschaft aufgrund von 'friendly fire', verursacht unmittelbar durch reagierende afghanische Sicherheitsleute, umgekommen sein könnte", sagte Haq. Sobald der Untersuchungsbericht abgeschlossen sei, würden die Vereinten Nationen die Ergebnisse der afghanischen Regierung mitteilen. Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, würde die UN "um eine gründliche und sorgfältige Untersuchung der Umstände des Todes dieses UN-Mitarbeiters sowie der Begleitumstände des Todes der anderen UN-Mitarbeiter anfragen." Aus Kreisen der Vereinten Nationen erfuhr stern.de, dass die UN-Ermittler nicht nur mit dem FBI, sondern auch mit den afghanischen Behörden zusammengearbeitet hätten. Die Familie Maxwells habe man, hieß es, über den Stand der Ermittlungen auf dem Laufenden gehalten. Die Vereinten Nationen seien fest entschlossen, der Familie beizustehen und sie zu unterstützen, hieß es.

In Kabul hatte der NDS gegenüber den UN-Ermittlern den Anschlag als minutiös vorbereitete Tat von Kämpfern des sogenannten "Haqqani"-Netzwerkes beschrieben: Demnach seien die drei Attentäter ohne Waffen und getrennt nach Kabul gereist, tagelang in verschiedenen "safe houses" untergebracht worden und erst am Abend vor der Tat zusammengetroffen. Dass die drei aus den Kreisen der Dschihadisten-Szene stammen, steht außer Frage. Sie waren alle drei mit Sprengstoffgürteln ausgerüstet und jagten sich am Ende des Kampfes in die Luft, anstatt sich zu ergeben. Doch die Frage der Hintermänner ist nicht geklärt. Ebensowenig wie die Frage, warum afghanische Polizisten Louis Maxwell erschossen, anstatt ihn in Sicherheit zu bringen.

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