Deutscher Reporter twittert sich in die Freiheit

8. Juli 2013, 19:21 Uhr

In Ägypten eskaliert die Lage, auch Journalisten sind vor willkürlichen Verhaftungen nicht mehr sicher. Als ein N-TV-Reporter festgenommen wird, greift er zum Handy - und berichtet live über Twitter. Von Jens Wiesner

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Ägypten, Kairo, Dirk Emmerich, Twitter, Polizei

Berichtete via Twitter über seine Zeit in Gewahrsam beim ägyptischen Militär und der Polizei: N-TV-Reporter Dirk Emmerich©

Kairo, am frühen Montagmorgen: Gemeinsam mit seinem Kamerateam hat sich Dirk Emmerich, Reporter des Nachrichtensenders N-TV, bis zum Offiziersclub der Republikanischen Garde in der Salah-Salem-Straße durchgeschlagen. Glaubt man den Gerüchten auf der Straße, soll dort Ägyptens entmachteter Präsident Mohammed Mursi festgehalten werden. Eine offizielle Bestätigung für die Nachricht gibt es nicht, aber ein guter Ort für eine Berichterstattung scheint es allemal zu sein.

Die Lage für Journalisten ist angespannt. Nur wenige Stunden zuvor hatte Emmerich via Twitter über die zunehmend feindliche Stimmung berichtet - besonders gegen westliche Journalisten.

Emmerichs Einschätzung bewahrheitet sich. Während sich zahlreiche Anhänger Mursis vor dem Offiziersclub der Republikanischen Garde versammeln, nehmen Polizisten dem Reporterteam Kameras und Pässe ab.

Doch sein Smartphone erhält der Reporter zurück. Über Twitter berichete er von 200 Gefangenen, die im Innenhof der Kaserne gestgehalten werden. Seine Papiere werden überprüft, doch zurück in die Freiheit darf Emmerich nicht. Mit seinem Team wird er auf die Polizeiwache gefahren.

Kurze Zeit später erhält er eine erste Begründung. Angeblich hätten Muslimbrüder das Feuer eröffnet, die Armee entsprechend reagiert. Das ganze Ausmaß dieser 'Reaktion' wird erst in den folgenden Stunden klar:

Mit scharfer Munition sollen die Soldaten des Militärs auf die Mursi-Anhänger geschossen haben. Mehr als 50 Menschen, fast alle von ihnen Zivilisten, kamen bei dem Blutbad ums Leben. Die Armee spricht von einem getöteten Offizier. Beide Seiten werden sich im Laufe des Tages gegenseitig beschuldigen, mit der Gewalt begonnen zu haben. Die Teilnehmer der Pro-Mursi-Demostration berichten von gezielten Schüssen in eine betende Menge.

Dirk Emmerich, der weiter in einem bewachten Raum festgehalten wird, weiß davon noch nichts. "Draußen werde weiter geschossen", sagt man ihm. Er erhält Wasser - und Besuch von einem Offizier. Warum er nicht gehen dürfte? "Zu seiner eigenen Sicherheit!" Sonst keine Antwort. Emmerich twittert jede neue Wasserstandsmeldung in den Äther - und darf schließlich mit seinem Sender telefonieren.

Das Militär überstellt das Reporterteam an andere Polizisten. Die scheinen auch nicht zu wissen, was sie mit den deutschen Journalisten anstellen sollen. Was nicht heißt, dass man sie gehen lässt.

Offenbar haben sich Emmerich und sein Team verdächtig gemacht, weil sie am Ort des Geschehens waren. Der Reporter bleibt allein in einem bewachten Raum zurück. Über Twitter melden sich Kollegen und Freunde: Ob und wie man helfen könne. Emmerichs Sender N-TV berichtet über die Festnahme: "Lage in Ägypten unklar - Polizei sperrt n-tv Reporter ein."

Nach sieben Stunden in Gewahrsam werden Emmerich und sein Team schließlich freigelassen. Kein Kommentar, warum. Auch kein Kommentar, warum sie überhaupt verhaftet wurden.

Inzwischen hat das Auswärtige Amt seine Warnung vor Reisen nach Ägypten noch einmal verschärft: Das Ministerium warnt nun auch vor Reisen in die Touristenzentren Luxor und Assuan, in den Nord-Sinai und in das ägyptisch-israelische Grenzgebiet. Weiterhin "dringend abgeraten" werde von Reisen in das Nildelta, auf die Halbinsel Sinai und das Grenzgebiet zu Libyen. Überlandfahrten zwischen den genannten Landesteilen seien zu vermeiden.

In Kairo erhält der Reporter schließlich doch noch eine Begründung für seine Freilassung - eine die überrascht: "Wir haben gesehen, was Du auf Twitter machst..." Emmerich selbst liefert später eine eigene Vermutung zu seiner Verhaftung: "Militär ist nervös. Haben vermutet, wir wären nicht objektiv. Das Verständnis von Pressefreiheit ist hier anders."

 
 
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