Snowden bleibt mit Pizza und Dostojewski am Flughafen

24. Juli 2013, 19:02 Uhr

Er hatte angeblich schon seine Sachen gepackt, um den Moskauer Flughafen zu verlassen: Edward Snowden sollte russische Einreisepapiere bekommen. Doch dabei gibt es offenbar Probleme.

Edward Snowden, Prism, NSA, Moskau, Asyl

Edward Snowdens russischer Anwalt Anatoli Kutscherena vor der Presse in Moskau. Sein Mandant sitzt seit dem 23. Juni im Transitbereich des Moskauer Flughafens fest.©

In den zuletzt etwas langatmigen Spionagethriller um den früheren US-Geheimdienstler Edward Snowden kommt wieder etwas Spannung - wenn auch mit teils kuriosen Zügen. Erst tönen russische Nachrichtenagenturen, nach einem Monat im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo habe der 30-Jährige seine Sachen gepackt. Er könne jeden Moment die Zone verlassen, um sich frei in Russland zu bewegen und hier auf seinen Flüchtlingsstatus zu warten. Quellen sind angeblich Sicherheitskreise und der kremlnahe russische Anwalt Anatoli Kutscherena.

Doch dann die Kehrtwende: Nein, die russische Migrationsbehörde habe noch kein Dokument ausgestellt, mit dem Snowden den Airport verlassen könne. Das sagt derselbe Kutscherena, der zuvor noch mitgeteilt hatte, er sei unterwegs zu Snowden, um ihm den Weg aus der Transitzone freizumachen. Aber im Gepäck hatte er für den gestrandeten Enthüller des US-Ausspähprogramms "Prism" nur einen Karton mit Pizza, wie die Staatsagentur Itar-Tass meldete.

Russische Klassiker auf Englisch

Auch Bücher der russischen Klassiker Anton Tschechow und Fjodor Dostojewski, darunter dessen berühmtes Werk "Schuld und Sühne", habe er Snowden in englischer Übersetzung überreicht, meinte der Jurist. Und frische Hemden habe der von den USA wegen Geheimnisverrats Gesuchte bekommen, weil Snowden seit seiner Ankunft aus Hongkong am 23. Juni immer in jenem auf Fotos verewigten grauen Hemd zu sehen sei.

Seit Tagen unterhält Kutscherena, eine zwielichtige Figur des russischen Establishments, die Medien mit eher heiteren Geschichten. Er berichtet von Heiratsanträgen junger Russinnen, Geldspenden und anderen Hilfsangeboten für den Amerikaner. Nur von Snowden selbst gibt es kein neues Lebenszeichen, seit er sich vor zwei Wochen mit Menschenrechtlern und Juristen auf dem Airport zeigte.

Der Computerexperte gebe aus Gründen seiner eigenen Sicherheit kein Interview, erklärt nun Kutscherena, der immer wieder als Snowdens Sprecher auftritt. Dass sein Mandant noch immer kein vorläufiges Dokument zum Verlassen des Flughafens habe, obwohl das russische Gesetz das vorsehe, begründet er im russischen Staatsfernsehen mit dem äußerst komplexen Fall.

Moskau spielt auf Zeit

Beobachter gehen seit Wochen davon aus, dass Russland hier auf Zeit spielt. Kremlchef Wladimir Putin hat mehr als einmal deutlich gemacht, dass er Snowden als Problem sieht. Und er warnte ihn wiederholt, den USA nicht mit neuen Enthüllungen zu schaden. Daran hält sich Snowden bisher auch.

Immerhin bereitet sich Putin nach Kremlangaben weiter auf ein Treffen mit US-Präsident Barack Obama Anfang September zuerst in Moskau und dann beim G20-Gipfel in St. Petersburg vor. Beide haben gesagt, dass sie ihre ohnehin gespannten Beziehungen nicht noch weiter belasten lassen wollen - von einem einzelnen Mann. Allerdings schließen Experten nicht aus, dass Obama aus Ärger über die Lage seinen Besuch nur auf den G20-Gipfel beschränken könnte.

Obama verlangte am Mittwoch von Moskau Aufklärung über Snowdens Schicksal. "Wir wollen von den russischen Behörden Klarheit über Snowdens Status und über jede Veränderung daran", ließ der US-Präsident der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, ausrichten. Erneut forderte Carney, dass Snowden in die USA ausgewiesen werde.

Vor allem die Frage einer Auslieferung Snowdens erhitzt die Gemüter. Die USA hätten bisher auch niemals jemanden ausgeliefert, hatte Putin beklagt. Auch aktuelle Bitten Moskaus auf Auslieferung russischer Verbrecher würden systematisch ignoriert, schimpften das Außen- und das Innenministerium sowie die Generalstaatsanwaltschaft. Dass Snowden keine Überstellung fürchten muss, hat ihm auch Kremlchef Putin zugesichert.

Ein paar Worte Russisch kann er auch schon

Mittlerweile sind in Moskau Äußerungen zu hören, wonach Snowden womöglich doch nicht nach Lateinamerika weiterreisen will, wie er zunächst gesagt hatte. "Das endgültige Land seines Aufenthaltes aus heutiger Sicht für ihn ist Russland", sagte Kutscherena. Auch eine russische Staatsbürgerschaft sei möglich. Snowden wolle sich auf jeden Fall mit der russischen Kultur befassen, wusste der Anwalt zu berichten. Sein Mandant spreche auch schon ein paar Worte Russisch, darunter "Priwet" (Hallo!) und "Poka, Poka!" (Tschüss).

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