28. Juli 2008, 12:00 Uhr

Brown taumelt, darf aber nicht fallen

Die britische Labour-Partei befindet sich in einer tiefen Krise. Premierminister Gordon Brown muss eine Serie von schweren Niederlagen verkraften. Ein Rücktritt kommt aber nicht in Frage - die dann notwendigen Neuwahlen würden verheerend für die Partei enden. Von Cornelia Fuchs, London

Müde und angeschlagen: Gordon Brown©

Das letzte Jahr waren es die Maul- und Klauenseuche und Überschwemmungen in weiten Teilen des Landes, die Gordon Brown innerhalb von Stunden wieder aus dem Sommerurlaub zurückholten. Dieses Jahr ist es der Kampf um sein politisches Überleben, der ihn davon abhalten wird, die Beine auszustrecken und zu entspannen.

Dabei hat der britische Premier Gordon Brown Erholung dringend nötig. Die Wirtschaft seines Landes bewegt sich gefährlich nahe an der Rezession, viele Menschen haben Angst, bald ihre Hypotheken nicht bedienen zu können, die Zahl der Arbeitslosen und Armen wächst das erste Mal seit Antritt der Labour-Regierung im Jahr 1997 - und unter Brown hat Labour gerade vier empfindliche Niederlagen einstecken müssen.

Bei Neuwahl droht Katatrophe

Es begann mit dem schlechten Abschneiden bei einer Nachwahl in den Midlands, dann kam der Überraschungserfolg des wild-frisierten Tory-Kandidats Boris Johnson im Rennen um das Amt des Londoner Bürgermeisters. Es folgte eine weitere Niederlage im konservativen Landkreis Henley, bei der Labour nur einen demütigenden fünften Platz erreichte, noch hinter der ultra-rechten British National Party mit traurigen drei Prozent.

Der letzte und bisher schlimmste Tiefschlag war jedoch der Sieg der schottischen Nationalpartei in der Nachwahl in Glasgow-East am vergangenen Donnerstag: Labour verlor hier einen seiner sichersten Sitze und fast 20 Prozent der Stimmen. Angst breitet sich nun unter Labour-Parlamentariern aus: Hochgerechnet auf eine landesweite Wahl würden bei einem solchen Ergebnis bis auf zwei Dutzend Labour-Abgeordnete alle 350 ihres Amtes enthoben.

Die Reaktionen waren entsprechend panisch. Gordon Brown muss weg, ließen anonyme Quellen aus der Partei verlauten. Die Rebellion sei schon geplant, am 1. September, unmittelbar nach den Parlamentsferien, müsse Gordon Brown seinen Nachfolger bestimmen. Die Frage bei diesem Szenario schien nur noch, ob Brown einfach so in die Wüste geschickt werden sollte, oder ob ihm noch ein Posten zum Beispiel bei den Vereinten Nationen angeboten werden sollte.

Es ist nicht das erste Mal, dass diese Planspielchen in den Medien auftauchen. Seit Monaten schon muss sich der Außenminister David Miliband gegen Gerüchte wehren, er stehe schon in den Startlöchern, um das Amt des Premiers im Falle des Falles zu übernehmen. "Nein", sagt er dann regelmäßig mit treuherzigem Augenaufschlag. "Wir haben einen guten Premierminister, und ich habe genug damit zu tun, den Job zu machen, zu dem ich angetreten bin." Und so laut die Rufe nach einem Rücktritt Browns noch am Beginn des Wochenendes waren, so deutlich folgten am Montag die Beschwichtigungsversuche.

Cornelia Fuchs

Cornelia Fuchs London ist der Nabel der Welt und Europa immer noch "der Kontinent". stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs beschreibt in ihrer wöchentlichen stern.de-Kolumne das Leben zwischen Canary Wharf und Buckingham Palace, zwischen Downing Street und Notting Hill.

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
nightmare_online (28.07.2008, 15:53 Uhr)
Was ein Zufall ...
noch ein Land in dem eine Sozialdemokratische Partei meinte, sie müsse sich eine andere Zielgruppe suchen. Und auch diese fällt offensichtlich mächtig aufs Maul. Zehn Jahre nach dem Schröder-Blair-Papier ist das Konzept durchgefallen. Mit Pauken und Trompeten.
JoeausderHeide (28.07.2008, 14:44 Uhr)
Gordon Brown
Gordon Brown hat ein Imageproblem. Dies ist jedoch weniger auf die Probleme im Land (Kriminalitaet, Wirtschaft, Housecrunch, usw.) zurueckzufuehren, sondern auf ihn selbst: der Mann kann nicht laecheln. Wenn er es versucht (wie zuletzt bei einer BBC Talkshow) wirkt es verkrampft und irgendwie aufgesetzt und duemmlich.
Er sollte daran arbeiten und vielleicht von Obama lernen, aber eventuell ist es schon zu spaet und eine Luftpumpe wie Cameron oder ein kleiner rueckgratloser Junge wie Milliband werden ihn beerben. Dann werden die Briten aber auch nicht gluecklicher sein.
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