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13. Februar 2008, 09:40 Uhr

Der Erzbischof und die Scharia

Große Aufregung in England: Plädierte der Erzbischof von Canterbury wirklich für die Einführung der Scharia in Großbritannien? In ihrer Kolumne "Very British" beschreibt stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs, welch wichtige Debatte Rowan Williams im Grunde anstoßen wollte.

Erzbischof Williams machte sich mit seiner Wortwahl bei einer Rede über islamisches und englisches Recht zur Zielscheibe der Boulevardpresse© Luke MacGregor/Reuters

Der Aufschrei war groß, die Bilder von Auspeitschungen und abgetrennten Händen schrecklich. "Der Erzbischof von Canterbury hält die Einführung der Scharia für unvermeidlich", schrien die Schlagzeilen. "Bash the Bishop" folgte auf den Titelseiten der Boulevard-Zeitungen. Zurücktreten solle dieser Dr. Rowan Williams, sich entschuldigen, die lautesten Kommentatoren forderten gleich einen intellektuellen Bann des streitbaren anglikanischen Kirchenoberhauptes mit dem weißen Bart und Haupthaar.

Der sollte angeblich in einer Rede zur Eröffnung einer Konferenz über islamisches Recht die Einführung der Scharia in England gefordert, ja, dies in einem Radio-Interview der BBC sogar als "unvermeidlich" bezeichnet haben. Es gab keine englische Nachrichten-Sendung, die danach ohne Bilder aus Saudi-Arabien oder dem Iran auskam, die nicht streitbare Menschen zur Diskussion darüber einlud, ob die Scharia tatsächlich einen Platz habe in Großbritannien. Und was sich der Erzbischof bei solchen Gedanken gedacht haben könne.

Entschuldigung mit einer feinen Prise Ironie

Der hat sich nun bei seiner Synode und bei seiner ganzen englischen Gemeinde entschuldigt - jedoch nicht für seine Rede über islamisches und englisches Recht. Sondern dafür, dass er seine Worte offensichtlich so schlecht gewählt habe, dass sie in dieser Preisklasse missverstanden werden konnten. Williams zitierte mit feiner englischer Ironie einen historischen Text über eine Studenten-Vereinigung: "Die vorherrschende Stimmung war die des heftigen Widerspruchs zu Dingen, die der Sprecher nie gesagt hatte."

Und wer sich in Ruhe die Williams Rede durchliest, der muss dem Erzbischof zustimmen - die Aufregung war eine große, aber sie beschäftigte sich nicht wirklich mit den geäußerten Ideen.

Rowan Williams war weit entfernt davon in seiner Rede die Einführung der Scharia zu fordern. Ganz im Gegenteil warnte er sogar vor der Gefahr, dass "Primitivisten" unter dem Deckmantel unbeaufsichtigter religiöser Hinterhof-Gerichte die Menschenrechte ihrer eigenen Gläubigen beschneiden könnten, insbesondere die Rechte von Frauen.

Was Williams wirlich will

Was Rowan Williams jedoch unvermeidlich findet, ist die Beschäftigung mit den Bedürfnissen der islamischen Minderheit in England - und die Vereinbarkeit dieser Bedürfnisse mit dem bestehenden Gesetz. Als Beispiel nennt er die islamischen Wirtschafts-Gesetze, nach denen kein Zins verdient werden darf. In Großbritannien gibt es bereits einige Banken, die für islamische Kunden Konten ohne Zinsgewinne anbieten. Doch ganz entgegen der aufgeregten Diskussion will Williams wegen dieser Fragen kein zweites Gesetz in Großbritannien etablieren.

Was er jedoch will - und hier beginnt es ganz abseits von den Horror-Szenarien der britischen Zeitungen wirklich interessant zu werden - was Williams will, ist, dass die besonderen Bedürfnisse religiöser Menschen in einer immer mehr säkularisierten Gesellschaft wie Großbritannien mehr Beachtung finden. Als Beispiel führt er dabei gar kein islamisches an - sondern die katholischen Adoptionsagenturen, die sich im Königreich weigern, Kinder an homosexuelle Paare zu vermitteln. Sie haben deshalb die Lizenz zur Adoptionsanbahnung verloren.

Moralische Vorgaben der Religion contra weltlich geprägte Gesetzgebung

Williams dagegen pocht auf ein Recht der Gläubigen, ihren Glauben - wie im Fall der Adoptions-Organisation - gegen und trotz der Gesetze zu leben. Er sieht die Bruchstelle gar nicht zwischen einem islamischen und dem britischen Gesetz, sondern zwischen dem religiösen Subjekt und einem säkularisierten Gesetzgeber. Dessen Leitmotiv nennt er einen "legalen Universalismus", der, wenn er nicht von einem theoretischen, insbesondere religiösen Unterboden ausgehe, zu einem "sterilen Positivismus" verkomme.

Williams sieht sich als religiösen Mensch in Großbritannien durchaus nicht entfremdet von einer islamischen Minderheit, die ihre Religion so gut es geht unter britischen Gesetzen leben möchte. Stattdessen spricht er in seiner Entschuldigung davon, dass man den Trend im Auge behalten muss, der Gläubigen verbietet, nach den moralischen Vorgaben ihrer Religion zu leben. Er sieht diesen Trend auch als Gefahr für seine eigene Kirche.

Gesellschaft entfernt sich immer weiter von der Religion

Der wirklich interessante Diskussionspunkt liegt also gar nicht in der Frage, ob es bald in Großbritannien Peitschenschläge für Ehebruch geben wird (im Übrigen sowieso ein sehr umstrittener Teil einer überaus konservativen Interpretation der Scharia, der nicht von der Mehrheit der muslimischen Glaubensgruppen vertreten wird). Sondern es geht vielmehr darum, ob in einer Gesellschaft, die sich immer weiter von jeglicher Religion entfernt, noch Platz ist für die Vorgaben dieser Religionen. Oder, anders gesagt, ist das Recht des homosexuellen Paares, ein Kind zu adoptieren, inzwischen wichtiger, als das Recht der katholischen Vermittler, jeglichen Kontakt mit diesem Paar abzulehnen? Darf ein christlicher Arzt Abtreibungen ablehnen oder hat das Recht der Patientin auf eben diese Abtreibung Vorang? Was hat Vorrecht: das Recht eines Tieres oder die religiös vorgeschriebene Schlachtung?

Der britische Kolumnist David Aaronovitch sah nach genauem Studium der Rede des Erzbischofes entsprechend die Probleme ganz woanders als bei der Scharia: "Warum sollte diese Argumentation nicht von Scientologen aufgenommen werden, von Mormonen, von Fußball-Vereinen oder von irgendeiner Organisation, die soziale Identität schafft?" Warum, fragt er, sollte dann ein Taxifahrer und heißer Fan der Tottenham Spurs nicht einfach einen Arsenal-Fan aus seinem Taxi hinausschmeißen? Oder, anders gefragt, wenn Williams darauf besteht, dass Gläubige das Recht darauf haben, dass ihre religiösen Vorschriften ernst genommen werden und in Einzelfällen auch gegen geltende Gesetze wirken könnten - wie definiert er, wann dies zu weit gehen würde und plötzlich nicht mehr gilt? Wer kann was in Frage stellen? Welche Gesetze sind sakrosankt? Und welche können nach Belieben umgangen werden?

Das wäre die Debatte gewesen, die Williams hätte auslösen können. Und die irgendwann geführt werden muss.

Cornelia Fuchs

Cornelia Fuchs London ist der Nabel der Welt und Europa immer noch "der Kontinent". stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs beschreibt in ihrer wöchentlichen stern.de-Kolumne das Leben zwischen Canary Wharf und Buckingham Palace, zwischen Downing Street und Notting Hill.

 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
woris (15.02.2008, 19:15 Uhr)
Erzbischof
Möchte nur mal etwas unsachliches dazu sagen.Religon hat noch keinen Frieden gebracht.Auch keine Gerechtigkeit.Nur Lug und Trug.Einfach nur Scheiße.Sorry.
schlotti (13.02.2008, 23:54 Uhr)
Wichtige Debatte?
Es wird so getan, als ob alle Gesetze den gleichen Stellenwert hätten.
Es gibt Gesetze, da kann man darüber reden, ob man nicht auf die Befindlichkeiten einer Glaubensrichtung Rücksicht nehmen kann.
Beispielsweise kann man durchaus tolerieren, dass manche Leute aus religiösen Gründen bestimmte Kleidung tragen wollen, oder eine bestimmte Frisur.
Auch die Frage, ob manche Angehörige eines Glaubens unbedingt die Viecher, die sie aufessen wollen, auf eine genau festgelegte Art und Weise ins Jenseits befördern wollen ist nicht wirklich wichtig.
Dies ist alles letztenendes Larifari, nicht mehr.
Davon abgesehen gibt es Gesetze, die in der Tat sakrosankt sind.
Zum Beispiel:
Die Würde des Menschen ist unantastbar!
Hier hat KEINE Religion das Recht, Abstriche zu machen.
MfG,
Schlotti
manesse (13.02.2008, 20:21 Uhr)
Nein,
diese Debatte über irgendwelche religiöse Sonderrechte muss überhaupt nicht geführt werden, auch nicht irgendwann einmal, da irrt der Schreiber des Artikels. Denn diese Debatte wurde in Europa bereits geführt, nämlich zur Zeit der Aufklärung, und damals wurde sie ein für allemal entschieden. Seitdem gilt in der Zivilisation die Gleichheit vor dem Gesetz. Religiöse Sonderregeln und Privilegien in der Gesetzgebung würden nur wieder Ungleichheit schaffen und damit Unfrieden. Das alles ist in der europäischen Geschichte zu besichtigen, wenn man in die voraufklärerischen Zeiten zurückschaut.
Damit zeigt die geschichtliche Einordnung der Thesen Williams', selbst wenn man dem Mann wohlwollend (wie der Verfasser des Artikels) begegnet, was der derzeitige Erzbischof von Canterburry wirklich ist: ein Reaktionär. Da kann sich der Williams selbst für avantgarde halten, so lange er will.
Außerdem ist Williams feige. Soll er doch seine Pfarrer zur christlichen Mission in die muslimischen Viertel der britischen Städte schicken, dann würde die anglikanische Kirche wenigstens im Einklang mit dem Auftrag des Hl. Geistes handeln.
dutchinmex (13.02.2008, 19:26 Uhr)
Und was, wenn
zwei Religionen total entgegengesetzte Vorschriften haben?
Es waere doch ein Wahnsinn, reelle menschliche Rechte hinter einem pur hypothetischem Konstrukt zurueckzustellen.
DropBearHunter (13.02.2008, 18:04 Uhr)
keine extra Würste für die Religion.
"Welche Gesetze sind sakrosankt? Und welche können nach Belieben umgangen werden?
Das wäre die Debatte gewesen, die Williams hätte auslösen können. Und die irgendwann geführt werden muss."
Nein, muß nicht geführt werden, siehe Überschrift. Wer kein nicht koscheres Fleisch essen will, soll es bleiben lassen.
Wer nicht abtreiben will kann es auch bleiben lassen, muß es Anderen aber nicht verbieten.
Wer keinen Alkohol verkaufen will, kann auch ins Textilgeschäft wechseln, etc. etc.
@Mannebacher
Recht haben die Scharfmacher nicht,
aber ein wenig Lärm ist schon nötig aus der Richtung um die Politiker wach zu halten. Eben damit die Scharfmacher nicht doch noch recht haben.
Mannebacher (13.02.2008, 17:44 Uhr)
vielleicht haben die Scharfmacher doch recht
die behaupten es ist nur eine Frage der Zeit wann Europa islamistisch ist. Der Erzbischof der stolzen Engländer knickt schon ein. Sieht man bald in England Beckham am Kran baumeln, weil er nicht zum Islam sondern zu den Scientologen konvertierte? Oder wird Prinz Harry im Wembley-Stadion öffentlich hingerichtet, weil er zuviel säuft, und die Queen in den Tower geworfen weil sie kein Kopftuch trägt? Alles vorstellbar.
God bless England.
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