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31. Oktober 2008, 11:15 Uhr

Ein Yachtbesuch ruiniert die Konservativen

Es ist ein sehr britischer Skandal, der gerade die politische Klasse in Großbritannien bewegt. Es geht um die Frage, ob sich Politiker mit Milliardären auf Yachten treffen sollten, wie viel alte Freundschaften Wert sind und wann ein Gentleman zu schweigen habe. Von Cornelia Fuchs, London

Der Konservative George Osborne hat seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt© Nigel Roddis/Reuters

George Osborne war noch vor einigen Wochen ein sehr beliebter Politiker. Manche sagten dem designierten Finanzminister der Oppositionspartei der Konservativen sogar voraus, dass er einer der Stars werden würde nach der nächsten Wahl. Er war die rechte Hand des Oppositionsführers David Cameron. Die beiden hatten es geschafft, die Konservativen in einem neuen Licht erscheinen zu lassen - nicht mehr als privilegierte Bande von Millionärs-Söhnchen aus der Oberklasse. Sondern als ernsthafte Politiker, die Zukunfts-Pläne für eine gerechtere britische Gesellschaft aufstellen.

Das ist deswegen besonders bemerkenswert, weil die konservative Opposition in Großbritannien immer noch weitgehend aus Männern besteht, die ihre Kindheit und Jugend allesamt auf einer Handvoll ausgewählter Privatschulen verbrachte. Und nicht nur das: die drei bekanntesten Mitglieder der erstarkten Konservativen, David Cameron, George Osborne und der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, gehörten einem Privatclub an der Universität Oxford an, der schon seit Jahrhunderten für seine Champagner-Besäufnisse bekannt ist. In deren Verlauf gehen regelmäßig ganze Restaurants zu Bruch. Der Schaden wird, traditionsgemäß, danach durch großzügige Schecks aus dem Familienfundus der Mitglieder erstattet.

"Pures Gift"

Es ist die Mitgliedschaft in diesem Bullingdon-Club an der Universität von Oxford, die den Aufsteiger George Osborne nun eingeholt hat. Er machte den Fehler, einem Journalisten ausführlich von seinen Sommereskapaden auf der griechischen Insel Korfu zu erzählen. Dort traf er einen alten Freund aus alten Zeiten an der Universität Oxford, Nat Rothschild, Milliardär und Sohn der berühmten Bankiersfamilie. Vor dessen Ferien-Villa lag die Yacht des russischen Milliardärs und "Aluminium-Königs" Oleg Deripaska, der teilnahm an den Vergnügungen der Briten. Osborne erzählte dem erfreuten Pressevertreter von einem Abendessen, bei dem nicht nur die beiden Milliardäre, sondern auch der Labour-Politiker Peter Mandelson anwesend war. Den hatte Gordon Brown nach der Sommerpause aus dem politischen Exil in Brüssel gerade erst an den Kabinettstisch zurückgeholt.

Osborne erzählte nun, dass eben dieser Mandelson auf Korfu ganz Unverzeihliches über Gordon Brown gesagt habe. "Pures Gift" habe er seinen Gastgebern zur Politik und zum Charakter seines neuen Chefs zum Besten gegeben, sagte Osborne - und erwartete einen Sturm der Entrüstung in Großbritannien, der sich gegen die Personalpolitik des oft glücklos agierenden Brown richten sollte.

Rothschilds Brief war eine Art Fehde-Handschuh

Doch nicht Gordon Brown regte sich auf über die Illoyalität seines neuen Ministers. Es war der Milliardär Nat Rothschild, der wütend wurde über die fehlende Ehre seines ehemaligen Privatclub-Freundes George Osborne. Rothschild war so aufgebracht über dessen Indiskretion, die ein privates Treffen in den britischen Tageszeitungen ausbreitete, dass er sogar einen Brief an die Tageszeitung "Times" schrieb: "Ich glaube es steht allen politischen Parteien schlecht zu Gesicht, aus solchen Umständen auf Kosten eines anderen Kapital zu schlagen. Vielleicht würde es in der Zukunft für alle Involvierten besser sein, sich an das uralte Diktum zu halten, dass Privatpartys eben genau das sind: privat." Nat Rothschild hat allen Grund wütend zu sein: Mit Deripaska verbinden ihn Milliarden-Geschäfte, und eine der großen unbeantworteten Fragen in dieser Geschichte bleibt, was der EU-Beauftragte für die Aluminium-Industrie, Peter Mandelson, auf einer Yacht suchte, die die einem der größten Aluminium-Produzenten der Welt gehörte.

Rothschilds Brief war eine Art Fehde-Handschuh im Gesicht von George Osborne. Und seitdem drucken die britischen Tageszeitung mit besonderer Freunde Fotos von Sir Baron Osborne Junior in Smoking-Jacken vor Champagner-Treffen und in Tweed mit Gewehr im Anschlag vor der Fasanenjagd. Auf allen Fotos ist Osborne mit seinem (Ex-) Freund Nat Rothschild zu sehen. Überall schauen die jungen Männer sehr herausfordernd und allwissend in die Kamera. Beim Stöbern in den Annalen des Bullingdon-Clubs fanden Journalisten so erfreuliche Dinge, wie eine Studentenzeitung aus Cannabis-Stummeln, die Osborne produziert und verkauft hat.

Es kann nur noch besser werden

Und zu allem Übel kam ebenfalls heraus, dass George Osborne wohl nicht nur dinierte mit seinen reichen Freunden auf der Yacht vor Korfu. Zumindest Nat Rothschild und ein weiterer amerikanischer Jet-Set-Kumpan bestehen darauf, dass er mit diesem auch über eine Parteispende gesprochen habe. Was, wenn noch nicht illegal, so zumindest höchst unappetitlich sein dürfte.

Seine eigenen Partei-Mitglieder nennen Osborne inzwischen einen "Depp", der es besser hätte wissen müssen. Die Engländer wundern sich mal wieder über die alten Traditionen ihrer Oberklasse. Die Zeitungen diskutieren die Probleme einer Art Omertà in Gentleman-Kreisen. Und David Cameron, der Oppositionsführer, musste in den vergangenen Tagen hilflos mit ansehen, wie seine sorgfältig geplante Distanzierung der Konservativen vom Image der abgehobenen und geheimniskrämerischen feinen Pinkel mit einem Schlag zunichte gemacht wurde.

Gordon Brown sagte währenddessen, er habe Wichtigeres zu tun, als über Yachtbesuche im Sommer zu streiten. Er muss die Wirtschaft seines Landes retten. Seit dieser Woche hat er den Vorsprung der Opposition um die Hälfte gekappt. Würde jetzt gewählt, gäbe es durch das Mehrheitswahlrecht in den Wahlbezirken ein Unentschieden im Parlament. Es kann nur noch besser werden für den Premierminister.

Cornelia Fuchs

Cornelia Fuchs London ist der Nabel der Welt und Europa immer noch "der Kontinent". stern-Korrespondentin Cornelia Fuchs beschreibt in ihrer wöchentlichen stern.de-Kolumne das Leben zwischen Canary Wharf und Buckingham Palace, zwischen Downing Street und Notting Hill.

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Gisella (31.10.2008, 14:56 Uhr)
@auwei
herrliche Beschreibung unserer "Vorstandsdame".Neue Leute bracht die Welt- und das Land.
auwei (31.10.2008, 11:56 Uhr)
Oooch wär' das schön...
...wenn es die Konservativen schaffen würden, sich rechtzeitig vor den Wahlen selbst zu zerlegen. Nicht dass ich ein großer Freund von Gordon Brown wäre (von Teflon-Tony sowiso nicht), aber er ist allemal besser für die Britannier als die "Bande von Millionärssöhnchen". Wenn jetzt noch der "Change" in den USA Wirklichkeit wird (oder zumindest die Illusion von "Change"), dannn gibt es wohl doch noch Hoffnung in der Welt. Vielleicht werden wir ja nächstes Jahr auch unsere allseits gefällige Neoliberal-nee-doch-nicht-Wendehals-Königin-der-Gesten-Tu-Nix-Kanzerin los...
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