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29. September 2009, 10:22 Uhr

Gordon Browns letzter Kampf

In New York wurde Gordon Brown jüngst zum "Staatsmann des Jahres" ernannt. In seiner Heimat hat der britische Premier aber jeden Respekt verloren. Nun zieht er in einen Wahlkampf, um New Labour wieder Leben einzuhauchen. Von Cornelia Fuchs, London

 
London, England, Großbritannien, Very British, Cornelia Fuchs

Gordon Brown wirkt sichtlich genervt und gestresst. Die Gerüchteküche um ihn herum brodelt© Carl de Souza/AFP

Draußen am Pier grölen die Erstsemester, auf Tour durch die Kneipen der Innenstadt in Brighton. Keinen Blick haben sie für die politischen Plakate an der Strandpromenade. Drinnen im Konferenzsaal des Hotels Royal Albion beschwert sich Außenminister David Miliband über die schlechte Luft. Der Labour-Parteitag ist zäh angelaufen in diesem Jahr. Er wirkt ritualisiert, fast automatisiert.

Wie im Jahr 2008 kämpft der Premierminister und Parteivorsitzende Gordon Brown mit den schlechtesten Umfrage-Ergebnissen, die seine Partei jemals eingefahren hat. 23 Prozent - so wenig Menschen wollten Labour noch nie zuvor wählen. Der Premier sagt dazu: "Ich kämpfe weiter" und "Ich werde nicht einfach umfallen und aufgeben." Und fast bewundert man ihn schon wieder, diesen Mann, der seit mehr als zwei Jahren mit der stetig wachsenden Ablehnung seiner Landsleute lebt und einfach weitermacht, als dürfte er das alles nicht persönlich nehmen.

Gordon Brown ist gerade vom G20-Gipfel aus New York zurückgekommen. Dort ist er zum "Staatsmann des Jahres" ernannt worden. Zuhause in Großbritannien interessierte die Öffentlichkeit nur, kurios genug, ob Präsident Obama für Gordon Brown tatsächlich nur ein paar Minuten Zeit hatte für ein Treffen in der Küche der Vereinten Nationen. Es wäre ein weiteres Zeichen, wie unbeliebt der Premier ist, sogar beim Partner USA. Die Zeitungen suchen überall nach Zeichen für Browns Niedergang.

Die Gerüchteküche brodelt

Jüngst wurde der Premier sogar vom eigentlich eher fürs freundliche Nachfragen bekannten BBC-Journalisten Andrew Marr gefragt, ob er Pillen nehme, um den Stress zu überstehen. Es gebe da gewisse Gerüchte im Internet. Außerdem, so schob Marr eine Frage nach, gebe es Gerüchte, dass Brown blind werde. Der Premier hat nach einem Rugby-Unfall während seiner Studentenzeit die Sicht in seinem linken Auge verloren. Der Premier reagierte genervt auf dieses Pulen in seiner privaten Krankengeschichte und wehrte sich vehement gegen die Unterstellungen: Weder werde er blind, noch schlucke er zu viele Pillen.

Aber solche Fragen werden nur einem Premier gestellt, der empfindlich an Respekt verloren hat. Zuvor formulierte Polly Toynbee, eine Labour-freundliche Journalistin der Tageszeitung "The Guardian", sogar Browns Abtritts-Rede in ihrer Kolumne sorgfältig vor - zur freundlichen Verwendung während des Parteitags. Brown wird sie nun natürlich nicht halten. Er wird auch in diesem Jahr versuchen, die Partei hinter sich zu versammeln, und die Partei wird dies murrend tun. Finanzminister Alistair Darling konstatierte, vielen Delegierten "fehle inzwischen der Mut zum Leben". Es gibt keine Alternativen mehr.

Keine Zeit für Neulinge

David Miliband, der Außenminister, schien im vergangenen Jahr eine Alternative zum glücklosen Brown zu sein. Er hatte ein paar gute Interviews gegeben im Vorfeld des Parteitages vor zwölf Monaten, er hatte die richtigen Leute, die ihm ihre Unterstützung und genug politische Intelligenz zusicherten. Dann benahm er sich, wie er sich bisher immer auf Konferenzen benommen hatte: Er zog Grimassen beim Reden, machte ein paar Witze und ließ sich am Ende mit einer Banane in der Hand fotografieren. Die britische Presse reagierte unbarmherzig: Miliband sah in den Zeitungen und Abendnachrichten nicht besonders gut aus, eher wie ein Schülersprecher als ein zukünftiger Staatenlenker. Gordon Brown zementierte seine Autorität, in dem er verkündete, dass die Wirtschaftskrise keine Zeit sei, in der sich Neulinge ausprobieren sollten.

Glaube an Labour-Partei

Dieses Jahr ist auch David Miliband zum Parteitag zurückgekehrt. Diesmal will er nicht mehr Premierminister werden anstelle des Premierministers. Er ist hier in seiner Funktion als Außenminister und Optimist. David Miliband glaubt daran, dass die Labour-Partei, trotz fürchterlicher Umfragewerte, die Wahl wieder gewinnen kann, die spätesten im Mai nächsten Jahres ausgerufen werden muss.

In einem stickigen Konferenzraum mit Meeresblick erklärt Miliband 200 Zuschauern, wie das funktionieren soll, dieses Wunder. Ausgerechnet Europa, glaubt er, könnte im nicht besonders europafreundlichen Großbritannien ein entscheidendes Wahlkampfthema werden. Die Konservativen unter David Cameron, die mit 38 Prozent im Moment die Umfragen anführen, können mit Europa nichts anfangen. Cameron will ein Referendum über den Vertrag von Lissabon abhalten lassen, wenn dieser bis zu seiner Machtübernahme nicht in Kraft getreten ist. Seine Partei hat im Europa-Parlament die Fraktion der europäischen Konservativen und damit zum Beispiel die Zusammenarbeit mit den deutschen Christdemokraten aufgegeben. Stattdessen sitzen sie jetzt Seite an Seite mit Parteien, die offen antisemitisch auftreten und homophob.

"Wir müssen unsere Politik verteidigen", sagt Miliband. "Und die Konservativen angreifen." Damit überzeuge man Wähler. Was er nicht sagt: Wenn sie sich endlich den Konservativen zuwenden, würden Labour auch aufhören, sich selbst zu zerfleischen. Einen ersten Erfolg hat dieser Parteitag schon: Wie David Miliband, der einstige Herausforderer des Premiers, sind die Kritiker still geworden. Es scheint, als wollten sie Gordon Brown nach langen Kämpfen zu Ende führen lassen, was er mit Tony Blair 1997 begonnen hat: das Projekt New Labour. Gordon Brown wird der Mann sein, der seine Partei in die Wahl führt, die sie nach aller Voraussicht verlieren wird. Es ist wohl das, was er sich verdient hat.

Von Cornelia Fuchs, London
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
jphintze (29.09.2009, 15:10 Uhr)
neue Sozialdemokratie!
Es ist schon komisch - vor Blairs Job als Premier schwor er seine Partei auf den neuen Kurs "New Labour - New Britain" ein; wie ein Art-Director entwarf er seinen Trend wie eine gigantische Kampagne. Doch offenbar fehlten nachhaltige Inhalte - obwohl "New Labour" nicht unerfolgreich war, dümpelte man dort während der letzten Jahre ziemlich unentschlossen hin und her.
Denn die Verhältnisse, die Rahmenbedingungen, verändern sich stetig und somit auch der politische Gegner. Schien es, in UK wie in Deutschland, einst als populär, sich von ideologischen Prinzipien zu verabschieden und den Klassenkampf als historisch abzuheften, fehlen nun anscheinend die Argumente und Feindbilder. Warum eigentlich? Der Kapitalismus zeigt sich besonders aktuell mit seiner häßlichsten Fratze!
sternenhagel (29.09.2009, 13:49 Uhr)
Attila the stockbroker
Da kann man nur den Dichter und Musiker Attila zitieren: "Aneurin Bevan your party is dead an time for a new you is near." New Labour just fuck off and die!" Das gleiche gilt auch für die deutsche Sozialdemokratie. Wir brauchen eine Partei wie die Neue Antikapitalistische Partei in Frankreich.
nightmare_online (29.09.2009, 13:10 Uhr)
Ist schon seltsam nicht?
Labour verfolgte in GB dieselbe Strategie wie die SPD hierzulande. Und beiden Parteien laufen die Wähler in Scharen davon. Also wenn das nicht ein putziger Zufall ist, dann weiss ichs auch nicht.
Very British

Die wöchentliche Kolumne von Cornelia Fuchs

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