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Das Internet jagt einen Massenmörder

Wer kennt Joseph Kony? Dank eines sich schnell verbreitenden Videos bald die halbe Welt. Ziel des Films ist es, den ugandischen Rebellenführer zu fassen. Doch die Methoden der Macher sind umstritten.

Von Niels Kruse

Die Erde aus dem All, die Geburt eines Babys, verstümmelte Kinder. Dazu schwere Geigen in Moll und ein weinender Junge. Er sagt Sätze wie: "Ich wäre lieber tot, als in dieser Welt zu leben." Die Worte stammen aus dem Mund von Jacob, einem Teenager aus Uganda. Wie viele seiner Landsleute fürchtet er sich vor den Schergen von Joseph Kony - dem Anführer der ugandischen Rebellenarmee Lord’s Restistence Army (LRA). Die "Gotteskrieger" terrorisieren seit Jahrzehnten das Land. Sie morden, plündern, vergewaltigen und kassieren Jungs wie Jacob als Kindersoldaten ein. Fast 70.000 sollen es bislang sein.

Joseph Kony ist nicht der einzige afrikanische Schlächter von selbsternannten Gnaden, aber sicher der bekannteste. Es liegen seit 2004 mehrere internationale Haftbefehle gegen ihn vor, dennoch kann er ungestört seinem mörderischen Feldzug im Namen der Zehn Gebote nachgehen. Geht es nach der amerikanischen Organisation "Invisible Children" soll damit aber bis spätestens Ende dieses Jahres Schluss sein. "Kony 2012" heißt ein halbstündiger Film, den Filmemacher Jason Russell im Auftrag gedreht hat und dessen Ziel es ist, den Massenmörder und sein Unwesen weltweit so bekannt zu machen, dass er endlich hinter Gitter kommt. In welcher Reihe die Organisation den Rebellen sieht, wird schon beim Blick auf das Titelbild des Films deutlich: Da ist er im abgedunkelten Viertelprofil zu sehen, im Hintergrund starren Osama bin Laden und Adolf Hitler ins Leere.

Der Film, ein mitreißendes bis rührseliges Stück Hollywood, verbreitet sich rasend im Netz. Seit der Veröffentlichung am 5. März wurde er allein auf Youtube und Vimeo fast 20 Millionen Mal angeklickt. Unter dem Stichwort #Stopkony finden sich bei Twitter hunderttausende von Tweets - das Video ist schon jetzt eines der größten viralen Erfolge in der Geschichte des Internets. Damit dürfte "Invisible Children" seinem Ziel nähergekommen sein, den Terrorfürsten Joseph Kony an den Kragen zu kommen. "Dieses Video ist ein Experiment", heißt es im Video. Und gleich zu Beginn ein Zitat von Victor Hugo: "Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist".

Zweifel an den Methoden von "Invisible Children"

Ein zweifellos honoriger Anspruch, den die Organisation verfolgt. Doch kaum erregt der Film weltweiten Ruhm, wird Kritik laut. Denn ähnliche Beispiele aus der Vergangenheit haben oft genug das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich geplant war. Die Einkünfte des britisch-irischen Superstarensembles Band Aid ("Do they know it's christmas) von 1984 wurden zum Beispiel in Äthiopien massiv zum Waffenkauf verwendet - und nicht für Nahrungsmittel. Auch "Invisible Children" sammelt mit Hilfe des Films Spenden. Dabei gibt es keinen Zweifel daran, dass es die Organisation gut meint, aber einige Zweifel an den Methoden.

Vor wenigen Monaten hatte "Foreign Affairs", ein Fachblatt für Weltpolitik, die Vorgehensweise von Non-Profit-Unternehmen wie "Invisible Children" untersucht. Ihr Fazit: Solche Organisationen manipulierten Tatsachen für eigene Zwecke. Sie überhöhten die Verbrechen wie denen durch die LRA und betonten die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten derart, dass Männer wie Joseph Kony zu einem Unikum des Bösen stilisiert würden, heißt es dort etwa.

"Die 'Kony 2012'-Show ist da"

Zweifelsohne ist Kony ein fürchterlicher Massenmörder, allerdings längst nicht mehr der Einzige seiner Art. In letzter Zeit haben ihm in Zentralafrika durchaus ein paar andere Schlächter den Rang abgelaufen: allen voran die Hutu-Rebellen im Osten des Kongo. Nur leider sind die Namen ihrer Anführer, so zynisch es klingt, für westliche Zungen derart kompliziert, dass es einfacher ist, sich auf jemanden wie Joseph Kony zu fokussieren. Der Blogger und Afrikakenner Elliott Ross etwa urteilt kurz und knapp: "Die 'Kony 2012'-Show ist da, und die ganze Sache ist ein elendiger Betrug." Vor allem sei das Video mit persönlichen Bemerkungen gespickt und voller Klischees.

Kritisch wird auch die Lobbyarbeit von "Invisible Children" gesehen. Vor drei Jahren sorgte die Organisation dafür, dass in Uganda ein Gesetz verabschiedet wurde, das helfen sollte, in den umkämpften Regionen für Sicherheit und Frieden zu sorgen. Menschenrechtler aber glauben, dass es vor allem die Macht des Präsidenten Yoweri Museveni stärke - dessen Sicherheitskräfte selbst eine dicke Akte an Menschenrechtsverletzungen vorzuweisen haben. Die mag nicht mit der von Konys Leuten zu vergleichen sein. Aber Kony ist schon länger aus der Öffentlichkeit verschwunden, niemand weiß, wo er steckt - da liegt der Verdacht nahe, dass die Jagd auf den perfekten, aber untergetauchten Bösewicht eine willkommene Ablenkung von den anderen Problemen des Landes ist und vor allem dessen Führung, die seit Jahren (auch dank der Unterstützung der USA) herrisch regiert und jede Form von Opposition verfolgt.

"Unangenehmes Echo des weißen Kolonialismus"

Trotz aller Kritik über "Kony 2012": Das Stück zeigt immerhin, dass sich die sozialen Netzwerke durchaus dazu nutzen lassen, auch unbequeme Themen aufs Tableau zu bringen. Und eine kontroverse Diskussion über "Invisible Children", ihren Kampf gegen Joseph Kony und die Rolle des ugandischen Regimes, ist allemal besser als gar keine Diskussion. "Ich bin glücklich und vor allem erleichtert, dass 'Invisible Children' weltweit Aufmerksamkeit auf dieses Thema gelenkt hat, denn Mörder und Folterer bleiben normalerweise lieber anonym", schreibt ein Ugander namens Musa Okwonga in einem Beitrag für die britische Zeitung "Independent". Auch wenn die Aktion gleichzeitig "das unangenehme Echo" des weißen Kolonialismus in Afrika habe.

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