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31. Juli 2008, 21:42 Uhr

Ein undankbarer Spitzenposten

Die Präsidentschaftskandidaten stehen fest, doch wer wird die Nummer zwei im Weißen Haus? Noch halten sich Barack Obama und John McCain bedeckt, wen sie als Vizepräsidenten vorschlagen. Nur eines scheint sicher: Das Traumpaar der Demokraten wird es nicht geben. Von Matthias B. Krause, New York

Im Gespräch als Barack Obamas (r.) Vize: Tim Kaine (l.), Gouverneur des US-Bundesstaates Virginia© Jason Reed/REuters

Er ist so eine Art eierlegende Wollmilchsau. Er soll dem Kandidaten Stimmen bringen, ohne ihn zu überstrahlen. Er soll dessen Schwächen ausgleichen, ohne sie zu betonen. Er soll auch mal kräftig austeilen, ohne selbst Ansatzpunkte für Skandale zu bieten. Einmal im Amt, soll er ruhig die Geschäfte führen und sich damit zufrieden geben, dass er im Zweifelsfall nichts zu sagen hat - es sei denn, er heißt Dick Cheney. Der Job des amerikanischen Vizepräsidenten ist undankbar - und doch kreisen seit Tagen die amerikanischen Medien um die Frage: Wen werden Barack Obama und John McCain als Kandidaten für dieses Amt vorschlagen?

Wenn man danach geht, wessen Name im Augenblick am häufigsten fällt, dann wird Barack Obama den Gouverneur des Bundesstaates Virginia, Tim Kaine, an seine Seite rufen. Sein republikanischer Rivale John McCain dürfte sich nach dieser Logik für Mitt Romney entscheiden, den ehemaligen Gouverneur von Massachusetts. Wann die beiden Präsidentschaftsbewerber aber ihre Entscheidung bekannt geben, weiß im Augenblick niemand. Bei Obama reichen die Vorhersagen von kommenden Montag bis zur Woche vor dem Nominierungsparteitag der Demokraten in Denver, der am 25. August beginnt. McCain wiederum heizt die Gerüchteküche schon seit mehr als einer Woche auf so hohe Temperaturen, dass der Dampf ausgeht, wenn er sich nicht bald offenbart. "Er ist in der Lage die Entscheidung kurzfristig zu treffen, wenn er das will", sagte Charles Black, einer der wichtigsten Berater von McCain, der "Washington Post".

Halbherziges Dementi, das Türen offen lässt

Tim Kaine wand sich in Washington nach allen Regeln der Kunst, um nur nichts Falsches zu sagen. "Ich habe mich nicht aufgedrängt. Ich habe mich nicht beworben oder danach gefragt", sagte er, "ich habe Obamas Wahlkämpfer nie um etwas gebeten." Ein halbherziges Dementi, das alle Türen offen lässt. Für Kaine spricht, dass er relativ jung (50) ist und als Außenseiter in Washington gilt. Zudem, dass er in einem Bundesstaat regiert, der bislang als Hochburg der Republikaner galt, dieses Mal aber Obama in die Hände fallen könnte. Wie Obama studierte er Jura an der Eliteuniversität Harvard. Kaine engagierte sich in der Vergangenheit in Bürgerrechtsfällen, seit seiner Missionarszeit in Honduras spricht der Katholik fließend Spanisch. Ein Mann mit vielen Eigenschaften, die sich hervorragend mit denen Obamas ergänzen und für den Stimmenfang bei Schwarzen und Latinos einsetzen lassen. Vielleicht am wichtigsten aber: Die beiden Politiker kennen sich schon eine ganze Weile und schätzen einander. Obama half Kaine einst im Gouverneurswahlkampf, der revanchierte sich mit einer frühzeitigen Empfehlung für den Jung-Senator aus Illinois im Vorwahlkampf der Demokraten.

Und es macht Sinn, sich für einen Gouverneur als Vizepräsidenten zu entscheiden. Sie bieten dem Gegner im Wahlkampf wenig Angriffsfläche, da sie nicht wie Senatoren eine lange Liste von Ja- und Neinstimmen im Kongress hinterlassen haben, die im Zweifelsfall gegen sie verwandt werden kann. Trotzdem sichtet Obamas Team derzeit Berge von Akten, um sicher zu stellen, dass Kaine keine politische Leiche im Keller hat, die die Republikaner plötzlich ausgraben. Obama selbst äußerte sich zur Causa Vize bislang nur sehr vage. "Ich will jemanden mit Integrität, mit Unabhängigkeit, der oder die bereit ist, mir zu sagen, wo ich falsch liege", sagte Obama. Und fügte einen Satz hinzu, der den Auguren schönstes Interpretationsmaterial lieferte: "Ich will jemanden, der weiß, dass wir die Art und Weise, wie Politik gemacht wird in Washington, fundamental ändern müssen."

Unverhohlene Absage an Clinton

Für viele klang das wie eine unverhohlene Absage an Hillary Clinton. Verkörpert sie doch als Senatorin und ehemalige First Lady neben Ehemann Bill den Typus des Washington Insiders. Nach Macht strebend, entfremdet von den Interessen der Bürger. Während des Vorwahlkampfes sprachen sich noch einige für Clinton als Vizepräsidentin neben Obama aus. Ein vermeintliches "Dream Ticket" für die Demokraten, an das Clinton offensichtlich selbst nicht mehr glaubt. Die "New York Times" berichtet, Clinton sei bislang nicht gebeten worden, ihre Unterlagen bei Obamas Wahlkampfteam einzureichen. Berater aus ihrem nahen Umfeld zitiert die Zeitung mit der Einschätzung, Obama bringe nur aus Höflichkeit ihren Namen hin und wieder ins Spiel. Lediglich ihr ehemaliger Wahlkampfmanager Terry McAuliffe scheint das Memo nicht bekommen zu haben. Der behauptet tapfer weiter: "Wenn er Hillary nimmt, bekommt er 18 Millionen Wähler und wir würden in dem reinsten Spaziergang die Kontrolle über das Weiße Haus in den kommenden 16 Jahren gewinnen."

Im Obama-Lager halten sie von solchen Sprüchen wenig. Dort sieht man Hillary Clinton als Chance und Gefahr zugleich. Die Wahlkampfbotschaft "Change", der versprochene Wechsel, wäre mit ihr nicht überzeugend zu verkaufen. Die Umfragen zeigen, dass sie zwar sehr treue Anhänger, aber auch eine große Anzahl hartgesottener Feinde hat. So viele Emotionen würde Kaine als potentieller Vize keinesfalls freisetzen. Ihm könnten Kritiker höchstens Unerfahrenheit vorwerfen. Er regiert erst seit zweieinhalb Jahren als Gouverneur und hat kaum nennenswerte Verdienste zu verzeichnen. Zudem fehlt ihm außenpolitische Erfahrung, die die Wähler auch bei Obama vermissen. Doch der wäre nicht dort, wo er heute ist, würde er nicht vor allem einem Mann zutrauen, diese Schwächen auszumerzen: sich selbst.

Von Matthias B. Krause, New York
 
 
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