Nach den Menschen, die vor dem Völkermord in Darfur fliehen, kam auch der Krieg über die Grenze in den Tschad. stern-Reporter erzählen am Beispiel eines 14-jährigen Kindersoldaten, wie elend das Leben dort ist - und das Sterben Von Steffen Gassel und Marcus Bleasdale (Fotos)

Die Kindersoldaten zeigen ihre Gesichter, die alten Krieger verhüllen sie. Gemeinsam kämpfen sie im Osten des Tschad© Marcus Bleasdale
Mustafa wird sterben. Wenn er nicht bald dem Rat der Ärzte folgt und sich den rechten Fuß abnehmen lässt, gibt es keine Rettung. Die Entzündung wird das Bein hinaufkriechen, das Blut wird die Erreger weiter in den Körper tragen, und irgendwann, nicht heute oder morgen, aber in ein paar Wochen, werden seine Organe die Arbeit verweigern. So haben es ihm die Ärzte erklärt. Und sie haben ihm gesagt, dass es ein langsamer und qualvoller Tod wird. Doch Mustafa will nichts von alldem wissen.
"Der Fuß bleibt dran", hatte er geschrien, als sie ihn in den Operationssaal trugen. Da hatten die Räder des Pick-ups gerade Knöchel und Schienbein zerschmettert, Muskeln und Gefäße abgerissen, und nur ein Lappen Haut hielt das Knäuel aus Blut, Fleisch und Sand noch an seinem Platz. Gut zwei Wochen sind seitdem vergangen. Die hat Mustafa auf einem Feldbett im Krankenzelt verbracht. Er ist dünn geworden. Der Fuß stinkt. Fliegen sitzen auf dem Verband. Solange er still daliegt, sind die Schmerzen auszuhalten. Aber alle zwei, drei Tage müssen die Ärzte die verklebten Binden wechseln und das Fleisch darunter vom Eiter säubern. Das geht nur unter Vollnarkose.
Mustafa Djouma ist erst 14, doch im Rausch des Ketamins fühlt er sich wie ein Mann. Dann grölt er durchs Behandlungszimmer im Krankenhaus von Adré, und schlägt auf der Liege so wild um sich, dass ihn ein Pfleger festhalten muss. Solange das Betäubungsmittel wirkt, kommt er sich groß und stark vor wie ein tapferer Soldat. So wie an jenem Morgen, als es aussah, als ob sein großer Wunsch endlich in Erfüllung gehen würde: mit den Kameraden in den Krieg ziehen und kämpfen - gegen die verhassten Reiterhorden der Dschandschawid, diese Schergen der Regierung in Khartoum, und gegen die Soldaten des Sudan.
Fast drei Jahre hat er auf diesen Augenblick gewartet. Seit dem Tag im Frühjahr 2004, als sein Vater, der Kuhhirte, erschossen auf der Weide lag, als das Vieh gestohlen wurde, das Elternhaus im Dorf Terbeba in der sudanesischen Provinz West-Darfur in Flammen stand und er auf der Flucht Mutter und Geschwister aus den Augen verlor. Wie mehr als 200 000 afrikanischstämmige Sudanesen rettet sich der damals Elfjährige vor den mordenden Reitern und den Hubschraubern der sudanesischen Armee über die Grenze in den Tschad. In einem der überfüllten Flüchtlingslager trifft er Männer der Sudan Liberation Army (SLA). Sie erzählen von ihrem Kampf gegen die Dschandschawid und gegen die sudanesische Regierung.
Gegen die Milizen und die Drahtzieher im Hintergrund, die jetzt auch Mustafas Feinde sind. Außerdem hat er Hunger. Im Flüchtlingslager gibt es niemanden, der sich um ihn kümmert. Also schließt sich der kleine Mustafa den Rebellen an. Und Mustafa ist nicht allein. Im Ost-Tschad gibt es Tausende Jugendliche und junge Männer wie ihn, die seit Jahren vergebens auf eine Rückkehr in ihre Heimat Darfur hoffen. Mehr und mehr von ihnen wird das Warten zu lang. "Wir sehen überall das gleiche Bild: Die Lager sind voll mit Frauen, Kindern und Alten. Aber Männer zwischen 15 und 45 - die finden sich dort kaum", sagt ein deutscher Arzt, der für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" seit einem halben Jahr in der Region arbeitet. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sudanesische Rebellengruppen in den Lagern Nachwuchs rekrutieren - mit wachsendem Erfolg. "Das ist kein Wunder", sagt der Arzt. "Für junge Männer ist das Leben im Camp auf Dauer am unerträglichsten. Die Frauen haben immer noch Haushalt und Kinder, um die sie sich kümmern müssen. Aber was macht ein Bauer ohne seinen Acker, ein Hirte ohne sein Vieh?" Es ist eine Mischung aus Rachsucht, Not und Langeweile, die viele für ein paar Euro Sold im Monat zu den Waffen greifen lässt.
Das Camp der SLA-Rebellen liegt nahe der tschadischen Grenzstadt Adré. Darfur ist zum Greifen nah. Hier gefällt es Mustafa. Es gibt genug zu essen für alle, Waffen und jede Menge wild aussehende Kämpfer. Einer von ihnen nimmt den Jungen zu sich. Goni, so heißt der Mann, besorgt ihm eine Uniform und gibt ihm Unterricht im Schießen. Zunächst mit seiner alten Kalaschnikow, später auch mit dem großen 16-Millimeter-MG, das die Rebellen auf die Führerhäuser ihrer Pick-ups montieren. Mustafa ist ein guter Schütze, die Kalaschnikow darf er behalten. Alle paar Wochen bricht Goni mit ein paar Dutzend anderer Rebellen Richtung Sudan auf, um zu kämpfen. Mal um Mal fleht Mustafa, sie sollten ihn doch mitnehmen. Doch Goni weist ihn immer wieder lächelnd zurück: "Du bist noch zu jung für den Krieg. Warte noch ein bisschen." Während die Rebellen in Darfur kämpfen, macht Mustafa Liegestütze vor dem Zelt. Und dann kommt Goni nicht mehr ins Camp zurück. Es heißt, sudanesische Soldaten hätten den 30-Jährigen erschossen. Jetzt hat Mustafa nicht mehr nur den Vater, sondern auch den Freund zu rächen.
Sein Krieg beginnt ganz plötzlich morgens um halb neun. Das Rattern der Maschinengewehre kommt aus Richtung der Grenze zum Sudan, nur wenige Kilometer vom Lager der SLA entfernt. "Angriff auf Adré! Alle Mann in die Wagen!", brüllt ein Kommandeur. Jetzt hält keiner mehr Mustafa zurück. Im Nu steht er mit 20 anderen Rebellen auf der Ladefläche eines Toyota, sie rasen zur Grenze. Die Kalaschnikow liegt kalt in seiner Hand, sein Herz schlägt bis zum Hals. Endlich darf er kämpfen, endlich kann auch er beweisen, was für ein guter Soldat er ist.
Ob er weiß, dass er im falschen Krieg gelandet ist? Die Dschandschawid wollte er schlagen und die Soldaten aus Khartoum. Doch die Angreifer von Adré, gegen die sein Trupp nun ausrückt, kamen zwar aus dem Sudan. Aber mit der Zerstörung seiner Heimat, dem Mord am Vater, der Vertreibung der Familie hatten diese Leute nichts zu tun. Die Lage ist unübersichtlich geworden in der Grenzregion. Während sie Reiterhorden der Dschandschawid weiterhin die eigene Bevölkerung in Darfur terrorisieren lässt, hat die sudanesische Regierung begonnen, einen weiteren Konflikt anzufachen: Sie rüstet tschadische Rebellengruppen, die unter dem großspurigen Namen "Vereinigte Front für demokratischen Wandel" (FUC) die Regierung ihres Landes stürzen wollen. Weil umgekehrt auch der Tschad Rebellen wie Mustafas SLA im Sudan unterstützt, mit deren Aufstand alles begann.