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Nazis, Schwulenfeinde und ein Bürokrat

Griechenland wählt, und Pessimisten befürchten Weimarer Verhältnisse: Neonazis, Populisten und Altparteien werden ins Parlament ziehen. Visionäre sind sie alle - aber gebraucht wird ein Hausmeister.

Von Andreas Albes, Athen

  In Griechenland ist kein Politiker vor dem Volk sicher. Experten sprechen von einer "Wutwahl"

In Griechenland ist kein Politiker vor dem Volk sicher. Experten sprechen von einer "Wutwahl"

Die Ordner im Saal tragen Glatze und schwarze Uniformen. Auf dem Rücken steht in goldenen Lettern "Chryssi Avghi" - goldene Morgendämmerung. So nennt sich Griechenlands Neonazi-Partei. Es ist ein heißer Samstagnachmittag im Hotel Stanley im Zentrum Athens, nur wenige Straßen entfernt vom größten Ausländerviertel der Stadt. Ilias Kasidiaris, Anfang 30, Anzug, kurzgeschorenes Haar, lässt die Faust aufs Rednerpult knallen. Er fordert den bewaffneten Kampf gegen die illegalen Einwanderer aus Afghanistan und Pakistan. "Es ist besser, wir lösen das Problem an der Grenze zur Türkei mit M-16-Gewehren als im Zentrum Athens." Die Zuhörer, darunter Werftarbeiter, Taxifahrer, Hausfrauen, sind begeistert. Sie skandieren: "Blut, Ehre, Chryssi Avghi!"

Am 6. Mai wählt Griechenland ein neues Parlament und "Chryssi Avghi" hat beste Chancen einzuziehen. Drei Prozent der Stimmen sind dazu nötig, alle Umfragen versprechen den Neonazis mehr als fünf. Dann würden sie 10 bis 13 Abgeordnete stellen. "Mit denen mischen wir die Politik auf", verspricht Kasidiaris, der zum ultraharten Kern der Partei gehört. Er leugnet den Holocaust. Der Hitlergruß ist unter seinen Kameraden normal. Was Kasidiaris mit "aufmischen" meint, erfuhr kurz zuvor die sozialistische Pasok-Partei. Vor laufenden Kameras sabotierten breitschultrige Neonazis deren Wahlkampfauftritt und kippten einem Ex-Minister Wasser ins Gesicht.

Griechenland rechnet mit Weimarer Verhältnissen

Die Neuwahlen inmitten der schwersten Krise, die Griechenland seit der Militärdiktatur durchlebt, werden aller Voraussicht nach für chaotische Zustände im Parlament sorgen. Die Medien schreiben bereits von "Weimarer Verhältnissen". Zehn Parteien könnten die Drei-Prozent-Hürde überspringen. Angefangen von den Neonazis, die alle Banken verstaatlichen wollen und Haftbefehle gegen zahlreiche Minister fordern, bis hin zu den Linksradikalen, die am liebsten 100.000 neue Beamte einstellen würden. Die derzeitige Regierung hat auf drängen der EU gerade beschlossen, den gigantischen Verwaltungsapparat des Elf-Millionen-Einwohner-Landes (725.090 Beamte) um 150.000 Mitarbeiter zu reduzieren.

Kostas Panagopoulos vom Meinungsforschungsinstitut Alco spricht von einer "Wutwahl". "Die Menschen gehen an die Urnen, um die etablierten Politiker, denen sie die Schuld an der Krise geben, zu bestrafen. Und wer bestrafen will, wählt extrem." Was die Griechen von ihren Politkern halten, belegt eine Umfrage, wonach 30,4 Prozent meinen, man solle sie bei Wahlkampfauftritten mit Eiern oder Joghurt bewerfen. 17,1 Prozent finden es richtig, ihre Autos anzugreifen, und 6,2 Prozent halten gar die Anwendung körperlicher Gewalt für eine geeignete Protestmaßnahme.

Arbeitslosigkeit schoss auf 21 Prozent hoch

Panagopoulos rechnet mit einer Wahlbeteiligung von über 70 Prozent. "Doch noch nie war es so schwer, Vorhersagen zu treffen", sagt er. "Noch nie hatten wir bei unseren Umfragen so viele Menschen, die den Hörer aufgeknallt haben: 'Was ich wähle, geht Sie gar nichts an!' Die Stimmung ist explosiv. Hoffnungslosigkeit bestimmt die Entscheidungen."

Seit Ausbruch der Krise gehen in Griechenland jeden Monat 20.000 Arbeitsplätze verloren. Allein im vergangenen Jahr stieg die Arbeitslosigkeit von 13,9 auf 21 Prozent. Von den unter 24-Jährigen sind mehr als die Hälfte ohne Job. Und jeder weiß: Die Entwicklung wird sich noch verschärfen, wenn im Juni das nächste Sparpaket von elf Milliarden Euro fällig wird.

Schwulenfeindliche Witze über Westerwelle

Der Rücktritt von Ex-Premier Giorgos Papandreou im November hat ein politisches Erdbeben ausgelöst. Hunderte Parlamentarier fürchten um Karriere und Privilegien. Viele haben im Kampf um ihre politische Existenz ihre Fraktionen verlassen und sich neuen Parteien angeschlossen. "Die schossen ja plötzlich wie Pilze aus dem Boden", sagt Wahlforscher Panagopoulos. Sogar Griechenlands berühmteste Pornodarstellerin Julia Alexandratou rief eine Partei ins Leben.

Die erfolgreichste Neugründung sind die "Unabhängigen Griechen". Ihr Zentrale ist ein altes Autohaus. Wo früher japanische Kleinwagen ausgestellt waren, stehen jetzt Schreibtische, an denen Freiwillige neue Mitglieder werben. An der Wand hängt ein riesiges Plakat: "Griechenland steht nicht zum Verkauf." Chef der "Unabhängigen Griechen" ist Panos Kammenos, 46, einst stellvertretender Schifffahrtsminister der konservativen Nea Demokratia. Den Griechen war Kammenos bis zur Krise vor allem aus den Klatschspalten als Partymonster bekannt. Zeitweise engagierte er sich in der französischen Waffenlobby, die in Athen Kampfjets verkaufen wollte. Kürzlich machte er Schlagzeilen durch schwulenfeindliche Witze über Guido Westerwelle.

"Kettet Oma und Opa zu Hause an. Gegen Pasok und ND!"

"Er ist ein Clown", sagen selbst renommierte Politologen. Dennoch liegen die "Unabhängigen Griechen" in allen Umfragen seit Wochen über elf Prozent. Kammenos führt seinen Wahlkampf fast ausschließlich per Internet. Jeden Tag schließt er sich mehrere Stunden in sein Büro ein, um die Fragen seiner Anhänger auf Twitter zu beantworten.

Vor allem die Jüngern sind bereit, alles zu wählen, wenn nur nicht die traditionellen Volksparteien Pasok und Nea Demokratia wieder an die Macht kommen. Deren sicheres Wählerklientel ist bereits im fortgeschrittenen Alter, weshalb es die Kampagne gibt: "6. Mai - kettet Oma und Opa zu Hause an. Gegen Pasok und ND!"

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Außer den beiden großen Parteien wollen alle das Sparpaket aufschnüren. Die EU hofft deshalb auf eine Koalition von Nea Demokratia und Pasok

Fragwürdiger Gewinnerbonus

Pasok, die 2009 mit 44 Prozent die Wahlen gewann, kann froh sein, wenn sie mehr als 15 Prozent erreicht. Nea Demokratia werden magere 21 Prozent prognostiziert. Aber immerhin dürfte sie damit stärkste Kraft im Parlament werden. Das griechische Wahlrecht sieht vor, dass der Wahlsieger automatisch einen Bonus von 50 der 300 Parlamentssitze bekommt. "Diese demokratisch fragwürdige Regelung haben sich ND und Pasok schon vor der Krise ins Wahlrecht schreiben lassen", sagt Wahlforscher Panagopulos. "So wollten sie vermeiden, dass sie jemals eine Koalitionsregierung eingehen zu müssen."

An einer Koalition führt jetzt wohl kein Weg vorbei. In Brüssel und Berlin hofft man, dass Nea Demokratia und Pasok genug Stimmen für eine Regierungsbildung erreichen und sich irgendwie einigen. Durch den 50-Sitze-Bonus reichen schon 36,4 Prozent für die absolute Mehrheit. Ausgerechnet die beiden Parteien, die durch ihre langjährige Vetternwirtschaft schuld am korrupten Staatswesens sind, gelten nun als Garanten dafür, dass die Regierung den harten Sparkurs fortsetzt. Alle anderen haben angekündigt, die Sparmaßnahmen zu kippen. Sie wollen den Vertrag zwischen Griechenland und den Geldgebern der Troika - EU, Zentralbank und Währungsfond – neu verhandeln.

Samaras - Favorit mit der Ausstrahlung eines Buchhalters

Größte Chancen auf den Posten des Premiers hat Nea Demokratia-Chef Antonis Samaras. Der 60-Jährige war bereits Außen-, Finanz- und Kultusminister und gilt seit Jahren als besessen von dem Wunsch, Ministerpräsident zu werden. Seine seltenen Wahlkampfauftritte finden aus Sorge vor Joghurt- und Eierattacken meist in mittelgroßen Sporthallen statt. Das Publikum in Wurfweite zur Bühne wird sorgfältig ausgewählt. Wenn Samaras, ein hagerer, blasser Typ mit Seitenscheitel und Brille, ans Rednerpult marschiert, dröhnt aus den Lautsprechern Musik wie im Schlussgemetzel eines Schwarzenegger-Films. Doch an Samaras' Ausstrahlung eines Buchhalters ändert das wenig.

In seinen langen Reden verspricht er den Wählern Steuersenkungen. Er will die Gehaltskürzungen im öffentlichen Dienst rückgängig machen. Wie das finanziert werden soll, sagt er nicht. Er behauptet, dass Griechenland große Gasvorkommen besitze, die das Land reich machen würden. Zwar werden tatsächlich Gasfelder vor den griechischen Küsten vermutet, doch Experten sagen übereinstimmend, dass die Rohstoffmenge begrenzt ist und Ausbeutung extrem teuer wäre.

Samaras Wahlsieg käme der EU recht

Besonders beliebt ist Samaras trotz aller Versprechungen nicht. Nur 20 Prozent halten ihn geeignet für den Posten des Premiers. Er hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Denn als die von der Troika geforderten Sparpakete verhandelt wurden, hatte er zunächst mit Blick auf seine Wählerschaft getönt: "So etwas unterschreibe ich nie." Am Ende tat er es doch. Schließlich weiß Samaras genau: Gegen Willen der internationalen Geldgeber lässt sich in Griechenland derzeit kaum politisch Karriere machen.

Und so käme sein Wahlsieg vielen in der Europäischen Union nur Recht. Zwar wollen sich die EU-Vertreter in Athen offiziell nicht zu den Wahlen äußern, doch inoffiziell sagt einer: "Wir brauchen keinen Mann mit Charisma und Visionen, sondern einen Hausmeister, der die Sparmaßnahmen durchsetzt. Samaras wäre der Richtige."

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