Nazis, Schwulenfeinde und ein Bürokrat

2. Mai 2012, 11:03 Uhr

Griechenland wählt, und Pessimisten befürchten Weimarer Verhältnisse: Neonazis, Populisten und Altparteien werden ins Parlament ziehen. Visionäre sind sie alle - aber gebraucht wird ein Hausmeister. Von Andreas Albes, Athen

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In Griechenland ist kein Politiker vor dem Volk sicher. Experten sprechen von einer "Wutwahl"©

Die Ordner im Saal tragen Glatze und schwarze Uniformen. Auf dem Rücken steht in goldenen Lettern "Chryssi Avghi" - goldene Morgendämmerung. So nennt sich Griechenlands Neonazi-Partei. Es ist ein heißer Samstagnachmittag im Hotel Stanley im Zentrum Athens, nur wenige Straßen entfernt vom größten Ausländerviertel der Stadt. Ilias Kasidiaris, Anfang 30, Anzug, kurzgeschorenes Haar, lässt die Faust aufs Rednerpult knallen. Er fordert den bewaffneten Kampf gegen die illegalen Einwanderer aus Afghanistan und Pakistan. "Es ist besser, wir lösen das Problem an der Grenze zur Türkei mit M-16-Gewehren als im Zentrum Athens." Die Zuhörer, darunter Werftarbeiter, Taxifahrer, Hausfrauen, sind begeistert. Sie skandieren: "Blut, Ehre, Chryssi Avghi!"

Am 6. Mai wählt Griechenland ein neues Parlament und "Chryssi Avghi" hat beste Chancen einzuziehen. Drei Prozent der Stimmen sind dazu nötig, alle Umfragen versprechen den Neonazis mehr als fünf. Dann würden sie 10 bis 13 Abgeordnete stellen. "Mit denen mischen wir die Politik auf", verspricht Kasidiaris, der zum ultraharten Kern der Partei gehört. Er leugnet den Holocaust. Der Hitlergruß ist unter seinen Kameraden normal. Was Kasidiaris mit "aufmischen" meint, erfuhr kurz zuvor die sozialistische Pasok-Partei. Vor laufenden Kameras sabotierten breitschultrige Neonazis deren Wahlkampfauftritt und kippten einem Ex-Minister Wasser ins Gesicht.

Griechenland rechnet mit Weimarer Verhältnissen

Die Neuwahlen inmitten der schwersten Krise, die Griechenland seit der Militärdiktatur durchlebt, werden aller Voraussicht nach für chaotische Zustände im Parlament sorgen. Die Medien schreiben bereits von "Weimarer Verhältnissen". Zehn Parteien könnten die Drei-Prozent-Hürde überspringen. Angefangen von den Neonazis, die alle Banken verstaatlichen wollen und Haftbefehle gegen zahlreiche Minister fordern, bis hin zu den Linksradikalen, die am liebsten 100.000 neue Beamte einstellen würden. Die derzeitige Regierung hat auf drängen der EU gerade beschlossen, den gigantischen Verwaltungsapparat des Elf-Millionen-Einwohner-Landes (725.090 Beamte) um 150.000 Mitarbeiter zu reduzieren.

Kostas Panagopoulos vom Meinungsforschungsinstitut Alco spricht von einer "Wutwahl". "Die Menschen gehen an die Urnen, um die etablierten Politiker, denen sie die Schuld an der Krise geben, zu bestrafen. Und wer bestrafen will, wählt extrem." Was die Griechen von ihren Politkern halten, belegt eine Umfrage, wonach 30,4 Prozent meinen, man solle sie bei Wahlkampfauftritten mit Eiern oder Joghurt bewerfen. 17,1 Prozent finden es richtig, ihre Autos anzugreifen, und 6,2 Prozent halten gar die Anwendung körperlicher Gewalt für eine geeignete Protestmaßnahme.

Arbeitslosigkeit schoss auf 21 Prozent hoch

Panagopoulos rechnet mit einer Wahlbeteiligung von über 70 Prozent. "Doch noch nie war es so schwer, Vorhersagen zu treffen", sagt er. "Noch nie hatten wir bei unseren Umfragen so viele Menschen, die den Hörer aufgeknallt haben: 'Was ich wähle, geht Sie gar nichts an!' Die Stimmung ist explosiv. Hoffnungslosigkeit bestimmt die Entscheidungen."

Seit Ausbruch der Krise gehen in Griechenland jeden Monat 20.000 Arbeitsplätze verloren. Allein im vergangenen Jahr stieg die Arbeitslosigkeit von 13,9 auf 21 Prozent. Von den unter 24-Jährigen sind mehr als die Hälfte ohne Job. Und jeder weiß: Die Entwicklung wird sich noch verschärfen, wenn im Juni das nächste Sparpaket von elf Milliarden Euro fällig wird.

Schwulenfeindliche Witze über Westerwelle

Der Rücktritt von Ex-Premier Giorgos Papandreou im November hat ein politisches Erdbeben ausgelöst. Hunderte Parlamentarier fürchten um Karriere und Privilegien. Viele haben im Kampf um ihre politische Existenz ihre Fraktionen verlassen und sich neuen Parteien angeschlossen. "Die schossen ja plötzlich wie Pilze aus dem Boden", sagt Wahlforscher Panagopoulos. Sogar Griechenlands berühmteste Pornodarstellerin Julia Alexandratou rief eine Partei ins Leben.

Die erfolgreichste Neugründung sind die "Unabhängigen Griechen". Ihr Zentrale ist ein altes Autohaus. Wo früher japanische Kleinwagen ausgestellt waren, stehen jetzt Schreibtische, an denen Freiwillige neue Mitglieder werben. An der Wand hängt ein riesiges Plakat: "Griechenland steht nicht zum Verkauf." Chef der "Unabhängigen Griechen" ist Panos Kammenos, 46, einst stellvertretender Schifffahrtsminister der konservativen Nea Demokratia. Den Griechen war Kammenos bis zur Krise vor allem aus den Klatschspalten als Partymonster bekannt. Zeitweise engagierte er sich in der französischen Waffenlobby, die in Athen Kampfjets verkaufen wollte. Kürzlich machte er Schlagzeilen durch schwulenfeindliche Witze über Guido Westerwelle.

"Kettet Oma und Opa zu Hause an. Gegen Pasok und ND!"

"Er ist ein Clown", sagen selbst renommierte Politologen. Dennoch liegen die "Unabhängigen Griechen" in allen Umfragen seit Wochen über elf Prozent. Kammenos führt seinen Wahlkampf fast ausschließlich per Internet. Jeden Tag schließt er sich mehrere Stunden in sein Büro ein, um die Fragen seiner Anhänger auf Twitter zu beantworten.

Vor allem die Jüngern sind bereit, alles zu wählen, wenn nur nicht die traditionellen Volksparteien Pasok und Nea Demokratia wieder an die Macht kommen. Deren sicheres Wählerklientel ist bereits im fortgeschrittenen Alter, weshalb es die Kampagne gibt: "6. Mai - kettet Oma und Opa zu Hause an. Gegen Pasok und ND!"

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