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19. Januar 2008, 17:21 Uhr

Der Herbst des Patriarchen

Wen schert es, wenn die Kubaner ein neues Parlament wählen? Ein Machtwechsel per Wahl ist im Reich des siechen Fidel Castro nicht zu erwarten. Und dennoch: Der Urnengang am Sonntag könnte den schlussendlichen Abgang Castros einleiten - auch wenn der sich eine Hintertür offen gelassen hat. Von Toni Keppeler

Brasiliens Präsident Lula da Silva (l.) hat das Treffen mit Fidel Castro auch für ein Erinnerungsfoto genutzt© Juventud Rebelde/AP

Es ist wie einst in der Sowjetunion: Nichts genaues weiß man nicht. Wer etwas über die Zukunft Kubas wissen will, muss die Kunst des Kaffeesatzlesens beherrschen. Fünfzig Jahre lang war alles klar. Die Personalpolitik der Regierung in Havanna kannte nur einen zentralen Namen: Fidel Castro. Doch seit der jetzt 81-Jährige am 31. Juli 2006 seine Ämter wegen einer Notoperation am Darmtrakt vorübergehend an seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Raul abgab, lässt sich nichts mehr sicher voraussagen. Mal sieht es so aus, als würde der Alte wieder vom Krankenlager aufstehen und zurückkehren an die Macht. Mal deutet er an, er habe die Zeichen der Zeit verstanden und ziehe sich auf die Rolle des Elder Statesman zurück, der den Jungen hin und wieder ein paar weise Ratschläge erteilt. Das Parlament, das am Sonntag gewählt wird, muss endlich Klarheit schaffen: Bis zum 5. März müssen die Parlamentarier aus ihrer Mitte den Präsidenten des Staats- und Ministerrats wählen. Sollte der dann nicht mehr Fidel Castro heißen, wäre die Wachablösung vollzogen.

Er hat sich zumindest die Möglichkeit einer Rückkehr offen gehalten. Am 2. Dezember hatte die "Granma", das Zentralorgan der Kommunistischen Partei Kubas, angekündigt: Fidel Castro ist bei der Parlamentswahl vom kommenden Sonntag Kandidat. Damit ist er gewählt. Für die 614 Plätze im Parlament gibt es nämlich genau 614 Kandidaten. Die Wähler können nur entscheiden, welchen Kandidaten sie ankreuzen wollen und welchen nicht. Oder sie können in einem besonderen Kästchen nur ein Kreuz machen, das dann bedeutet: Ich wähle alle. "Voto unido" nennt sich dieses Verfahren, "Einheitsstimme". Fidel Castro hat dazu aufgerufen, genau so abzustimmen. Erfahrungsgemäß tun das auch die meisten. Rund 5 Prozent der Wähler haben bei früheren Urnengängen ungültig gestimmt und einen leeren Zettel abgegeben. Weniger als 98 Prozent der gültigen Stimmen wären für Castro eine Schmach. Aber auch 50 Prozent würden ihm für das Abgeordnetenamt reichen.

Parlamentarier treffen sich zwei Mal im Jahr

Die auf fünf Jahre gewählten Parlamentarier haben nicht viel Arbeit. Sie treffen sich gerade zwei Mal im Jahr, um die Entscheidungen des Staats- und des Ministerrats abzunicken. Das kann auch ein känkelnder 81-Jähriger. Die Frage ist, ob Fidel Castro sich wieder für das Amt des Präsidenten dieser beiden Räte zur Verfügung stellt. Diese Frage, so glaubten es die Kaffeesatzleser bis Anfang der Woche, wolle der Alte mit "Nein" beantworten. Am 17. Dezember hatte er im Fernsehen eine Erklärung verlesen lassen, die ganz am Ende einen viel sagenden Satz enthielt: "Es ist meine grundlegende Pflicht, mich nicht an Ämter zu klammern und noch weniger, den Aufstieg von viel jüngeren Leuten zu verhindern." Er sehe seine zukünftige Rolle eher als weiser Berater, der aus seinem reichen Lebensschatz "Erfahrungen und Ideen" beisteuert.

Das hört sich ganz nach einem anstehenden Generationswechsel an. Seinen 76-jährigen Bruder Raul kann Fidel mit den "viel jüngeren Leuten" kaum gemeint haben. Eher seinen ehemaligen Privatsekretär und jetzigen Außenminister, den hundertprozentigen Fidelisten Felipe Pérez Roque, 42; vielleicht auch den Vizepräsidenten Carlos Lage, 56, der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks die vorsichtigen Marktöffnungen gemanagt hatte.

Castro nennt USA nur "das Imperium"

Fidel Castro hat sich in seiner langen Zeit der Rekonvaleszenz schon einmal als elder statesman geübt. Er veröffentlicht regelmäßig Kolumnen in den staatlichen Zeitungen, in denen er das Weltgeschehen kommentiert - den Klimawandel, die Debatte um Biodiesel und natürlich die Politik der USA, die er nur, wie sein Busenfreund Hugo Chávez in Venezuela, "das Imperium" nennt. Die Kubaner nahmen den durch die Krankheit erzwungenen Rückzug des vorher allgegenwärtigen Staats- und Parteichefs gelassen. Eigentlich fehlt nur noch der Rücktritt des Patriarchen, und der sanfte Übergang ins Zeitalter nach Castro wäre geglückt.

Doch dann kam Anfang der Woche Brasiliens Präsident Lula da Silva auf Staatsbesuch nach Havanna und plauderte zweieinhalb Stunden lang mit dem Rekonvaleszenten. Der sah - nach den hinterher veröffentlichten Bilddokumenten - zwar hager und faltig und grau aus. Über seinem Schlafanzug trug er die seit seiner Krankheit fast schon zum Markenzeichen gewordene rote Adidas-Jacke. Aber er scherzte und lächelte und wirkte aufmerksam. Da Silva lobte hinterher Castros "unglaubliche geistige Helligkeit" und "makellose Gesundheit". Und er sagte einen Satz, der sich vordergründig nach einer Rückkehr an die Macht anhört, letztlich aber alle Möglichkeiten offen lässt: "Ich glaube, dass Fidel bereit ist, die politische Rolle zu übernehmen, die er in Kuba hat."

Welche Rolle das ist, wird klar sein, wenn das neue Parlament den Präsidenten gewählt hat. Spätestens am 5. März also. Lula jedenfalls hat am Ende seiner Unterhaltung mit dem Alten schon einmal ein Erinnerungsfoto geschossen.

Von Toni Keppeler
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
provocateur (20.01.2008, 11:13 Uhr)
Den Sozialismus weiterentwickeln!
Fidel Castro ist nicht Honecker. Er hat sehr wohl erkannt, daß sich seine (Lebens-)Zeit dem Ende entgegenneigt. Aber warum sollte er seinen politischen Lebensentwurf nun vor sich selbst beerdigen? Immerhin hat er dafür sein Leben lang gekämpft. Und dafür wird er auch von vielen Kubanern verehrt, er sorgt also allein durch seine Präsenz für Zusammenhalt in der Gesellschaft. Er ist kein "Steinzeit-Relikt", sondern wie Ché Guevara eine Ikone. Der Sozialismus war und ist das Beste was Cuba passieren konnte. Allein der noch nicht vollständig vollzogene Umbau vom Staatssozialismus osteuropäischer Prägung hin zu einem Land, daß eine echte politische Zukunft hat, ohne dabei seine Werte und Moralvorstellungen über Bord zu werfen, für die Menschen auf Cuba 50 Jahre lang gekämpft haben, ist zu bemängeln. Wie sollte denn ein Cuba nach Castro aussehen? Sollte es wieder unter den Einfluß der USA geraten, dann wird es mutmaßlich nur schlimmer und nicht besser für die Mehrzahl der Menschen dort. Cuba würde dann wieder zur Werkbank der USA mit Billiglohn und Ausbeutung und die alten Mächtigen würden das Land von der "sozialistischen Steinzeit" noch weiter zurückführen in die Welt der politischen Dinosaurier. Da ist die Steinzeit vorzuziehen. Viva la revolución...
Digitalus (19.01.2008, 23:58 Uhr)
Alternativen
Fidel Castro sollte seine Macht endlich abgeben. Wenn die Entwicklung eines Landes nur von einem Mann abhängt, kann man die letzten knapp 50 Jahre als gescheitert betrachten.
Fidel Castro hat seinen Platz in der Geschichte sicher. Er führte sein Land aus dem Hinterhof der USA und aus den Klauen der Mafia. Er wurde zum Spielball der Supermächte während der Kubakrise und musste feststellen das er auch von der Sowjetunion als Schachfigur im Kalten Krieg benutzt wurde.
Trotz alledem überlebte Kuba den Untergang des Ostblocks und der Sowjetunion.
Auch die Kubaner könnten ihre Diktatur hinwegfegen wenn sie es wollten.
Aber was wäre die Alternative?
Aus der Asche würde sich ja keine Musterdemokratie alla Ostdeutschland oder Polen erheben sondern ehr der Rückfall in den Hinterhof der USA.
Das Problem aus meiner Sicht ist, dass die Kubaner einerseits ihre Menschenrechtssituation und ihre Konsuminteressen verbessern wollen, aber gleichzeitig nicht ihre Fortschritte im Gesundheits-und Bildungssystem aufgeben wollen.
Castro sollte darauf vertrauen das auch Andere (Jüngere) Kuba nicht dem Imperium USA+Mafia ausliefern, sondern den EIGENEN Weg zeitgemäß weiterführen.
StefanAugsburg (19.01.2008, 18:11 Uhr)
Alte Männer und die Macht ....
Komisch, auf der einen Seite über " ... nicht an Ämter klammern ... " reden und auf der anderen Seite nicht davon lassen können. Naja, offensich bewirkt macht gewisse Suchterscheinungen und man kann irgendwann einfach nicht mehr davon lassen. Es wird Zeit, daß dieses kommunistische Steinzeit-Relikt endlich Ruhe gibt und das Sagen jemandem überlässt, der das Unvermeidliche endlich zulässt - eine Angleichung an die politische "Realität". Und die liegt ganz sicher nicht in einem Kommunismus, dessen Ursprünge aus einem Land kommen, das diesen schon seit längerem abgelegt hat. Über die Ergebnisse streiten wir hier nicht, die sind relativ, aber die Zeiten ändern sich. Das sollte auch Fidel mal nach 50 Jahren langsam erkennen ....
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